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Reiseführer Mexiko:Stichworte

Schokoladenskelette und Vogelmenschen, mariachis und murales: Mexikos Kultur hält zahlreiche Überraschungen bereit

MARCO POLO Autor Manfred Wöbcke

Bevölkerung

Die Eroberung Mexikos 1521 durch Hernán Cortés war die Geburtsstunde des mexikanischen Volks: Es begann die Vermischung von Indianern und Spaniern. Heute bezeichnet man etwa 85 Prozent als Mestizen. Rund 12 Prozent sind Indios. Die einstigen Herrscher des Landes bilden heute die ärmste Bevölkerungsgruppe und fühlen sich von den Mestizen unterdrückt. Diese wiederum sehen auf die indígenas herab, halten sie für faul und primitiv. Gut 113 Mio. Ew. zählt Mexiko, annähernd ein Fünftel davon lebt in der Hauptstadt. Die mexikanische Bevölkerung ist jung, etwa die Hälfte der Menschen ist unter 25 Jahre alt. Eine kleine Mittel- und Oberschicht steht der Masse der armen Stadtbevölkerung gegenüber. Aufgrund der hohen Inflation und der sinkenden Agrarpreise nimmt die Verarmung der campesinos, der Bauern und Landarbeiter, weiter zu. Da der Ertrag ihres Bodens oft nicht mal zur Selbstversorgung ausreicht, wandern viele der Jüngeren in die Stadt ab.

Drogenkrieg

Seit einigen Jahren schon gefährden bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Militär und Drogenkartellen einerseits sowie Gewalt zwischen einzelnen Drogenbanden andererseits die innere Sicherheit Mexikos. Der sogenannte Drogenkrieg hat nach Angaben der Regierung seit 2006 über 50000 Tote gefordert, darunter einige Journalisten und wenige zivile Opfer durch Verwechslungen. Etwa 1000 der Toten sind Angehörige der Justiz und der Sicherheitskräfte, die übrigen Mitglieder der Drogenmafia. Die Lösung des Konflikts wird erschwert durch den Umstand, dass ein Teil der Sicherheitskräfte und der Justiz selbst für die Drogenmafia arbeitet. So wurde in Cancún nahezu der gesamte korrupte Polizeiapparat vom Militär entmachtet. Die Drogenkartelle haben in einigen Bundesstaaten (Michoacán, Guerrero, Chihuahua) bereits die staatliche Macht abgelöst. Ausländische Touristen sind von den Auseinandersetzungen noch nicht betroffen. Ein "landesspezifischer Sicherheitshinweis" (keine Reisewarnung) des Auswärtigen Amts macht indes auf erhöhte Kriminalität in Mexiko aufmerksam.

Frauen

Im Land des Machismo haben es Frauen nicht leicht: Sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was Männer erhalten, und arbeiten ohnehin in Niedriglohnbereichen. Obwohl geschiedene Männer gesetzlich verpflichtet sind, Unterhalt zu zahlen, müssen Millionen Frauen sich und ihre Kinder allein durchbringen. Ein goldener Ring am Finger zählt mehr als das beste Zeugnis. Kleine Mädchen passen auf ihre Geschwister auf und versäumen die Schule, damit ihre Mütter arbeiten können. Nur selten ist eine Mexikanerin leger gekleidet. Selbst bei großer Hitze werden Strümpfe, enge Röcke und hochhackige Schuhe getragen.

Frida Kahlo

Pablo Picasso war von ihren Bildern begeistert. Marcel Duchamp und André Breton gehörten zu ihren Bewunderern. In Amerika feierte sie mit nur 31 Jahren triumphale Erfolge, und auch Europa hat sie entdeckt. Dabei blieb Frida Kahlo doch stets im Schatten des Malers Diego Rivera, mit dem sie zweimal verheiratet war. Während Riveras monumentale Wandbilder die öffentlichen Gebäude und Paläste Mexikos zieren, malte sie, zurückgezogen in einem Zimmer ihres Hauses, kleinformatige Bilder, zumeist Selbstporträts. Ihre Gemälde dokumentieren das Leid und den Schmerz, die in ihrem Körper wohnten. Mit 18 Jahren hatte die 1907 geborene Künstlerin einen sehr schweren Busunfall. Unzählige Male wurde sie operiert, ein Bein musste amputiert werden, zuletzt saß sie im Rollstuhl. Aber zeitlebens blieb sie ihren Leidenschaften treu, nämlich Diego Rivera und der Malerei. Sie starb 1954 und ist mittlerweile zu einer internationalen Kultfigur geworden.

Haciendahotels

Nach der Eroberung Mexikos gründeten die Spanier große landwirtschaftliche Betriebe, sogenannte Haciendas, wo sie in prächtigen Herrenhäusern residierten. Da diese Landgüter oft isoliert lagen und daher autark sein mussten, entwickelten sie sich zu kleinen Dörfern mit einer Kirche, einem Laden und Häusern für die peones, die Arbeiter. Der Glanz der riesigen Güter ist inzwischen verblasst, doch einige wurden restauriert und als Hotels wiedereröffnet.

Landwirtschaft

Da die mexikanische Revolution durch die Forderung tierra y libertad ("Land und Freiheit") ausgelöst worden war, kam es nach der Verfassung von 1917 zu einer Umverteilung des privaten Landbesitzes an landlose Bauern (peones). Die sich nunmehr seit Jahrzehnten hinziehende Umverteilung des Bodens ist nicht zufriedenstellend gelöst. Noch immer warten Millionen auf ihr Stückchen Erde. Viele, denen Boden gegeben wurde, sagen, er sei als Ackerland unbrauchbar. Nicht wenige leben unterhalb der Armutsgrenze.

Mariachi-Musik

Ein Abend in Mexiko-Stadt sollte der Plaza Garibaldi gewidmet sein, dem Treffpunkt zahlreicher Mariachi-Kapellen. Mariachis - der Name leitet sich wahrscheinlich ab vom französischen mariage für Hochzeit, ein Anlass zum Aufspielen - können Gruppen von bis zu zehn Musikern sein. Sie sind an ihren Dienstuniformen zu erkennen: schwarzen Anzügen, die über und über mit Silbertressen bestickt sind, sowie breitkrempigen Hüten. Zu ihrem Repertoire gehören mexikanische Volkslieder, die unter Geigen-, Trompeten- und Gitarrenbegleitung inbrünstig vorgetragen werden.

Maya

Das Hauptverbreitungsgebiet der rund anderthalb Jahrtausende zurückliegenden Mayakultur erstreckte sich auf die Halbinsel Yucatán und Guatemala. Von den übrigen Völkern Mittelamerikas unterschieden sich die Maya insbesondere durch die Entwicklung eines komplexen Kalender- und Schriftsystems.

Bei dem hohen Niveau der Mayakultur ist es verwunderlich, dass weder Töpferscheibe noch Rad bekannt waren. In der Blütezeit ihrer Kultur, zwischen dem 4. und 9. Jh. n. Chr., entstanden zahlreiche Tempelstädte im Regenwald. Zu den schönsten und deshalb bekanntesten Mayastätten Mexikos gehören Chichén Itzá, Tulum, Uxmal, Palenque, Calakmul sowie Cobá. Die Unesco zählt heute mehrere Mayaanlagen zum Weltkulturerbe.

Muralismo

Sie finden sie überall in Mexiko, oft in öffentlichen Gebäuden, wie Regierungspalästen: murales (von mural, "Wand"), großflächige Wandmalereien als Kunstform in Freskotechnik. Sie zeigen und verfremden Ereignisse aus Mexikos Geschichte, geben soziale Probleme teilweise in ironischer und sarkastischer Weise wieder. Die ersten Wandmalereien tauchten Anfang des 20. Jhs. auf: politisch links orientierte Darstellungen aus der Geschichte der Eroberung sowie sozialkritische Betrachtungen des Großeigentums. Bald erhielten die muralistas öffentliche Aufträge: Der große Diego Rivera (1886-1957) schmückte den Treppenaufgang und die Wand der ersten Etage des Nationalpalasts von Mexiko-Stadt. Der ebenfalls politisch engagierte Künstler José Clemente Orozco (1883-1949) verewigte sich mit seinem Meisterwerk "Mensch in Flammen" in einer Kuppel des Hospicio Cabañas in Guadalajara. Und José David Alfaro Siqueiros (1896-1974), einer der bedeutendsten Künstler des Landes und überzeugter Kommunist, gestaltete große Teile des Palacio de las Bellas Artes sowie die Außenwand der Universitätsbibliothek in Mexiko-Stadt. Die Muralisten waren engagiert in ihrem Wunsch, auch den Armen und Unterdrückten, denen, die nicht lesen und schreiben können, die Geschichte ihres Landes näherzubringen. Der Muralismo eroberte die Welt, gelangte auch nach Europa, selbst auf der Mittelmeerinsel Sardinien schmücken in mehreren Bauerndörfern riesige sozialkritische murales die Hauswände.

Ökoparks

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich seit einigen Jahren die sogenannten ökologischen Parks, die in landschaftlich herausragenden Gebieten eingerichtet wurden. Sie ermöglichen den Besuchern auf umweltverträgliche Weise einzigartige Naturerlebnisse. Auf ecoturismo spezialisierte Reisebüros bieten geführte Bergtouren, Wildwasserfahrten u. a. an.

Auf der Yucatánhalbinsel sind an der Riviera Maya in den letzten Jahren zahlreiche neue Ökoparks entstanden. Da die kommerziellen Anlagen Xcaret, Xel-Há und Tres Ríos überaus erfolgreich waren und hohe Einnahmen erzielten, wurden weitere Parks entwickelt. Bei diesen kommerziellen parques ecológicos ist die Bezeichnung "eco" oder "öko" in der Regel nur Lippenbekenntnis. Die zuvor wenig berührte Natur wurde für Besucher erschlossen und hergerichtet - mit betonierten Parkplätzen und den gegenwärtig angesagten zip lines (Stahlkabel, an denen Sie an einer Hängevorrichtung über eine Schlucht, einen Fluss oder einfach durch die Landschaft gleiten).

Pflanzen und Tiere

Die landschaftliche Vielfalt hat in Mexiko einen ungeheuren Artenreichtum an Pflanzen zur Folge. Während Westmexiko hauptsächlich von Tannen- und Kiefernwäldern geprägt wird, wachsen im tropischen Regenwald des Südens viele Edelhölzer sowie zahlreiche Orchideenarten. Bougainvilleen, Oleander, Hibiskus und Magnolienbäume sorgen für bunte Tupfer. In Mexiko gibt es 25000 verschiedene Blütenpflanzen, und nahezu überall gedeihen Kakteen.

In den meist unzugänglichen Schluchten der Sierra Madre leben Schwarzbären, Wölfe, Coyoten, Füchse, Biber und Wildschweine. Im Tiefland gibt es noch Jaguare, Pumas und unzählige Affen. Des Weiteren findet man Dachs, Otter, Luchs, Ozelot, Tapir, Waschbär, Hirsch und Gürteltier. Bunt schillernde Vögel entdeckt man ständig, zu den schönsten zählen Papageien und Kolibris. In den Küstenregionen tummeln sich Pelikane und Flamingos, Reiher und Kormorane, Gänse und Enten. Die Unterwasserwelt vor der karibischen Küste ist voller tropischer Fische. Bei der Vielfalt an Reptilien steht Mexiko weltweit an erster Stelle, bei den Säugetieren an zweiter und bei den Amphibien an vierter Stelle.

Stierkampf

Der Stierkampf ist auch in Mexiko beliebt. Dabei ist das 1526 von den Spaniern eingeführte Spektakel nicht unumstritten. Die größte Stierkampfarena der Welt steht in Mexiko-Stadt. Die Saison dauert von November bis April; die Kämpfe beginnen jeden Sonntag gegen 16 Uhr.

Totenkult

Wer das Glück hat, am 2. November, dem Allerseelentag, in Mexiko zu weilen, der kann ein bizarres Schauspiel beobachten. Am Día de los Muertos, dem Tag der Toten, davon sind die Mexikaner überzeugt, macht die Seele der Verstorbenen zu Hause einen Besuch. Für viele ist das der wichtigste Tag des Jahres, die Vorbereitungen beginnen schon Wochen vorher. Händler präsentieren die unentbehrlichen Requisiten: Totenköpfe aus Keramik und Pappmaché, Gruppen musizierender Skelette, aufklappbare Särge, mannshohe Gerippe, die vor den Eingangstüren postiert werden. Die Bäckereien verkaufen in grellen Zuckerguss getauchte oder mit Liebesperlen beklebte Totenschädel, Schokoladenskelette und Marzipansärge.

Ist die bedeutsame Nacht endlich gekommen, werden in allen Häusern und auf dem Weg zum Friedhof Kerzen entzündet, die den Toten als Wegweiser dienen sollen. Im Totenzimmer ist ein Altar aufgebaut, der mit Blumen geschmückt und mit den Lieblingsspeisen des Verstorbenen beladen ist. Oder man pilgert mit den Gaben zu den Friedhöfen. Die Totenfeiern enden in einem fröhlichen Familienfest, bei dem die vorbereiteten Leckereien verzehrt werden.

In Mixquic bei Mexiko-Stadt ist das Erlebnis für Besucher besonders eindrucksvoll. Zum Totentag kommen auch immer Touristen hierher.

Voladores

Während die voladores, die Vogelmenschen, sich in früheren Zeiten zu Ehren der Götter in die Tiefe stürzten, tun sie es heute überwiegend wegen der Pesos der Einheimischen und Touristen. Wo Sie die Artisten bewundern können? In Mexiko-Stadt, gegenüber dem Anthropologischen Museum und vor Pyramidenanlagen, befinden sich rund 30 m hohe Baumstämme. Wenn genügend Zuschauer versammelt sind, klettern fünf festlich gekleidete Indios hinauf und nehmen auf dem oben angebrachten Holzrahmen Platz. Zunächst tanzt der auf einer schmalen Plattform stehende Indio und lässt die Flöte erklingen. Auf ein Zeichen von ihm werfen sich seine vier Kameraden, an Seilen befestigt, kopfüber in die Tiefe. Bevor sich die Seile langsam rotierend abgewickelt und sie die Erde erreicht haben, vollführt jeder der voladores 13 Umdrehungen. Die voladores von Papantla (www.voladoresdepapantla.com) wurden von der Unesco als Kulturgut der Menschheit ausgezeichnet.

Wirtschaft

Mitte der Siebzigerjahre wurden in Mexiko riesige Erdölvorkommen entdeckt. In Anbetracht des zu erwartenden Reichtums kletterten die Staatsschulden auf mehr als 100 Mrd. Dollar. Als sich die Marktbedingungen für den Ölabsatz verschlechterten, waren Milliarden-Dollar-Verluste die Folge. Heute gehört Mexiko zu den meistverschuldeten Ländern der Welt. Dabei ist ein Großteil des geborgten Gelds durch Korruption auf Nimmerwiedersehen versickert. Die Regierung setzt auf den Tourismus als Devisenbringer. 21 Mio. Menschen besuchen jedes Jahr das Land und lassen etwa 9 Mrd. Euro in Mexiko.

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Der Reisejournalist und Psychologe lebt im Rheingau. Mexiko besucht er seit den Achtzigerjahren. Zunächst war er als Exkursionsleiter mit Studenten, später auch als Reiseleiter für kleine Schweizer Gruppen unterwegs. Was ihm an Mexiko am besten gefällt, ist die Mischung aus Pyramiden, Tempeln und Palästen der präkolumbischen Kulturen und den prächtigen Bauten der Spanier.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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