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Reiseführer Mauritius:Stichworte

Tragische Romanhelden, aufregende Musik, exotische Pflanzen und erstaunliche Tiere – auf Mauritius sind Natur und Kultur schillernd

MARCO POLO Autor Freddy Langer

Blaue Mauritius

Ein Irrtum führte dazu, dass die 1847 gedruckten Briefmarken „orange Mauritius“ und „blaue Mauritius“ als äußerst seltene und wertvolle Sammlerstücke Weltruhm erlangten. Mauritius war die erste Kolonie, die Briefmarken herausbrachte (Deutschland druckte im Jahr 1849 erste Postwertzeichen). Der Graveur Joseph Barnard stach „Post Office“ neben das Bild der britischen Königin Victoria in die Kupferplatte und druckte 500 Stück. Mit den neuen Marken zierte Lady Gomm, die Gemahlin des damaligen britischen Gouverneurs von Mauritius, 150 der 350 Einladungen zu einem Ball. Kurz darauf wurde bemerkt, dass der Aufdruck hätte „Post Paid“ lauten müssen. Heute ist die Existenz von 13 orangefarbenen One-Penny- sowie zwölf blauen Two-Pence-Marken bekannt. 1993 erstand eine mauritische Interessengemeinschaft je ein Exemplar für zusammen 1,5 Mio. Euro. Die kostbaren Originale sind im Blue Penny Museum in Port Louis ausgestellt.

Blauer Marlin

Das Meer rund um Mauritius wird bereits wenige Kilometer hinter dem Korallenriff sehr tief und ist dadurch ein ideales Revier für Hochseeangler. Am häufigsten wird der Blaue Marlin (Speerfisch) gejagt, der hier nicht selten über 500 kg wiegt. Die Hauptsaison beginnt im November und endet im März. Entsprechende Ausrüster findet man überall entlang der Küste.

Dodo

Der Ende des 17. Jhs. ausgestorbene Vogel ist heute präsenter denn je: Exemplare in allen erdenklichen Formen und Farben, als Stofftiere und auf Kaffeetassen stehen in den Souvenirläden. Restaurants und Bars sind nach ihm benannt und auch ganz offiziell kommt er zu Ehren: als Wappenvogel der Insel.

Der zur Familie der Tauben gehörende Dodo (Raphus cucullatus), der auf Deutsch Dronte heißt, war etwas größer als ein Truthahn, hatte kurze Beine, einen dicken, überaus plumpen Körper und auf einem langen Hals einen runden Kopf mit federlosem Gesicht und großem Hakenschnabel. Anstelle von Flügeln wuchsen ihm kurze Stummel und statt eines Schwanzes besaß er einen dünnen Busch Federn. Fliegen konnte er nicht, seine Eier brütete er auf dem Boden aus – beides wurde ihm zum Verhängnis. Obwohl das Fleisch nicht sonderlich schmackhaft gewesen sein soll, schätzten schon die frühen holländischen Seefahrer den Vogel als Abwechslung auf ihrer eintönigen Speisekarte. Es ist allerdings auch überliefert, dass Matrosen das Tier aus purer Freude erschlugen. Doch mehr noch dürften vom Menschen eingeführte Tiere wie Ratten, Schweine, Ziegen und Affen zum Aussterben des Vogels beigetragen haben. Im Naturhistorischen Museum in Port Louis ist die Rekonstruktion eines Dodos ausgestellt.

Filaos

Nicht Kokospalmen, wie es der Klischeevorstellung von den Tropen entspräche, säumen die weißen Sandstrände von Mauritius, sondern Filaos – auch Kasuarinen genannt. Im 18. Jh. wurden diese Bäume aus Australien eingeführt. Heute ziehen sich die dichten Haine fast überall an den Küsten entlang. Wie die Kokospalme gedeihen auch die Filaos im leicht salzigen Boden des Strandes. Grund für ihre rasche Ausbreitung ist jedoch, dass ihre Stämme und Äste flexibel genug sind, um den schweren Wirbelstürmen, den Zyklonen, nachzugeben. Ihrem Aussehen nach erinnern die Bäume an die europäische Lärche, tatsächlich aber handelt es sich bei den „Nadeln“ um Verlängerungen der Zweige, die ähnlich wie Schachtelhalme ineinandergesteckt sind.

Kolonialvillen

Leider stehen nur noch wenige der eleganten Landhäuser, die reiche Familien Anfang des 19. Jhs. errichten ließen. Als Baumaterial wurden Edelhölzer verwendet, rundum verlief eine überdachte Veranda, auf die Türen aus jedem Zimmer führten. Deren Öffnung ermöglichte eine so gute Durchlüftung, dass die Hitze selbst im Hochsommer erträglich blieb. Um die Brandgefahr zu verringern, wurde die Küche in einem separaten Steinhaus untergebracht. Einen Eindruck von der früheren Pracht vermitteln die zu Museen umgestalteten Residenzen Eureka (1830) bei Moka und die 1872 erbaute Domaine des Aubineaux bei Curepipe. Eureka ist mit wertvollem Mobiliar aus dem 19. Jh. ausgestattet, in Les Aubineaux spürt man noch den gestalterischen Willen der 1999 verstorbenen Besitzerin Louise-Myriam Harel.

Die aus Stein erbauten Verwaltungs- und Repräsentanzgebäude aus der Kolonialzeit, denen Brände und Zyklone weniger zusetzen konnten, blieben in größerer Zahl erhalten. Beispiele sind das Regierungsgebäude, das Mauritius Institute sowie das Theater in Port Louis, das Marinemuseum in Mahébourg und das Collège Royal in Curepipe. Ihnen fehlen jedoch die Leichtigkeit und Verspieltheit der weiß leuchtenden Privatwohnsitze.

Mahé de Labourdonnais

Bertrand François Mahé de Labourdonnais kam 1699 in Saint-Malo zur Welt. Zunächst für die Handelsmarine tätig, wurde er 1735 Generalgouverneur der Maskarenen und sicherte in dieser Funktion die Herrschaft Frankreichs über den Indischen Ozean. Er gründete die Stadt Port Louis, ließ den Hafen erweitern, Straßen anlegen, baute das Regierungsgebäude und errichtete die erste große Zuckermühle sowie Forts zur Verteidigung der Insel. Durch Intrigen verlor er zehn Jahre später seinen Posten und verbrachte mehrere Jahre in Frankreich im Gefängnis. Zwar wurde er rehabilitiert, starb 1753 jedoch gebrochen und verarmt. Mit seinem Einsatz und seinen Visionen hat er den Grundstein für die Entwicklung der Insel gelegt.

Nationalblume

Die Trochetia Boutoniana (zu Deutsch: Ohrring) wächst nur an den Hängen des Morne Brabant. Der orangefarbene Nektar in den leuchtend roten Blüten der Pflanze riecht nach Vanille. Damit werden Geckos, Bienen und Vögel angelockt. Die Trochetia Boutoniana ist seit 1994 Nationalblume von Mauritius.

Paul und Virginie

Mit seinem Roman „Paul und Virginie“ hat der Franzose Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre (1737–1814) nicht nur der Liebe, sondern auch dem tropischen Urwald von Mauritius ein Denkmal gesetzt. Zwei Naturkinder wachsen in einem abgelegenen Tal auf, sind zunächst Spielkameraden und entdecken in der Jugend ihre Liebe füreinander. Doch dann wird Virginie nach Frankreich geschickt. Vor Sehnsucht nach Paul vergehend, schifft sie sich auf der „St. Géran“ nach Mauritius ein, aber das Boot zerschellt an einem Riff vor der Insel. Das Mädchen ertrinkt in den Fluten – vor den Augen von Paul, der das Drama vom Ufer aus verfolgt. Er selbst stirbt schließlich an gebrochenem Herzen. Als hätten die beiden wirklich gelebt, kann man den Spuren des Paars über die Insel folgen. In Port Louis und Curepipe sind ihnen Denkmäler gewidmet, von der Kirche in Pamplemousses wird behauptet, Virginie und ihre Mutter hätten sie regelmäßig besucht, und im Botanischen Garten des Orts ist sogar das „Grab“ des Mädchens zu finden. An das Unglück der „St. Géran“, die tatsächlich am 17. April 1744 nahe der Île d’Ambre zerschellte, erinnert in Poudre d’Or ein Monument; Wrackteile sind im Museum in Mahébourg ausgestellt. Nach Paul und Virginie sind Hotels und Restaurants benannt, die Illustration des Buchs bekommt man als wertvolle alte Stiche und auf T-Shirts gedruckt. Der Roman aus dem Jahr 1788 wurde in 30 Sprachen übersetzt.

Route Royale

In jedem Ort auf Mauritius heißt die Hauptstraße Route Royale, was bisweilen mit Royal Street, häufiger mit Royal Road übersetzt wird. Dabei ist es durchaus üblich, dass in einer Stadt alle drei Varianten benutzt werden. An diesen Straßen liegen die Läden, Restaurants und Bars. Da es auf Mauritius kaum Hausnummern gibt, sind die Adressen sämtlicher wichtiger Geschäfte identisch. Für den Fremden bedeutet das, entweder mit aufmerksamem Blick die Straße auf- und abzufahren oder einen Einheimischen zu fragen. Da diese allerdings oft nicht die Namen der Nebenstraßen kennen, erfährt man häufig nur den Namen eines Geschäfts in der unmittelbaren Nachbarschaft. Entgegen dem Anschein (vor allem entlang der Nordwestküste gewinnt man schnell diesen Eindruck) ist die Route Royale keine durchgehende Straße, die die gesamte Insel durchzieht.

Seewoosagur Ramgoolam

Dem Namen Seewoosagur Ramgoolam begegnet man auf Mauritius überall. Der Flughafen, der Botanische Garten, das größte Krankenhaus und viele andere Einrichtungen tragen ihn, zudem heißt in fast jedem Ort eine Straße so. Ramgoolam kam 1900 als Sohn indischer Eltern auf Mauritius zur Welt. Nach einem Medizinstudium in Großbritannien kehrte er in seine Heimat zurück, kämpfte sehr bald für eine zunächst begrenzte Selbstverwaltung der Insel und ab 1948 als Vorsitzender der Arbeiterpartei für ihre Unabhängigkeit. 1968 war dieses Ziel erreicht: Erster Premierminister der Insel wurde Ramgoolam. Seine Regierungszeit dauerte bis 1982. Nachdem seine Partei die Mehrheit verlor, hatte er das Amt des Generalgouverneurs inne, welches mit dem unseres Bundespräsidenten vergleichbar ist. Ramgoolam starb 1985. Auf Mauritius nennt man ihn den „Vater der Nation und Architekten der Unabhängigkeit“.

Sega

Sega ist eine Musik afrikanischen Ursprungs, die Ende des 18. Jhs. unter den Sklaven entstand – vielleicht, um sie während der Arbeit auf den Feldern zu singen, möglicherweise auch als Vergnügen in der knappen Freizeit. Bis in die 1980er-Jahre nahm sie außer den Kreolen kaum jemand ernst; heute gilt sie als mauritisches Kulturgut. Jedes größere Hotel organisiert Sega-Abende. Zwar darf die Authentizität dieser farbenfrohen Veranstaltungen bezweifelt werden, doch sie haben ihren Reiz. Die Stücke der Sega handeln von Liebe und Alltag, aber auf ironische Weise auch von aktuellen politischen Problemen. Der Tanz dazu, aufgeführt von mehreren Frauen und einem Mann, ist Ausdruck purer Erotik. Ursprünglich spielte man die Lieder mit einfachen Instrumenten, einer Triangel, der Maravane (einer mit Körnern gefüllten Büchse), der Bobre (einem über eine Kalebasse gespannten Stahlseil) und der Ravanne (einer flachen Trommel). Bei der modernen Sega, mitunter spöttisch „Séga-Salon“ genannt, benutzen die Musiker auch Akkordeon und Elektrogitarre. Seit einiger Zeit greifen indische Künstler die Musik auf. Kreolen versuchen bisweilen, den Rhythmus der Sega mit dem des Reggae zu verbinden und die Stücke für politische Botschaften zu nutzen. Ihre Musik nennen sie „Seggae“.

Sprache

Verwaltungssprache ist Englisch, die Oberschicht unterhält sich auf Französisch, untereinander benutzen die Mauritier Kreolisch. Hindi, Urdu, Marathi, Telegu und Kantonesisch sind Minderheitensprachen, werden aber auch an den Schulen gelehrt. Nur Kreolisch, das 95 Prozent der Mauritier sprechen, ignorieren die Autoritäten weiterhin. Der kreolische Wortschatz basiert auf dem Französischen, gespickt mit madagassischen, indischen und englischen Elementen. In den Medien gibt es Werbespots und täglich eine Nachrichtensendung auf Kreolisch, ansonsten dominiert Französisch. Indische Spielfilme laufen auf Hindi. Als Besucher der Insel kommen Sie mit Englisch zurecht, allerdings ziehen es die Mauritier vor, Französisch zu sprechen.

Zuckerrohr

Die Insel habe zwei Landschaften, sagt man auf Mauritius. Die eine sieht man vor, die andere nach der Zuckerrohrernte. Fährt man zwischen März und Juni durchs Land, ragen die hohen Pflanzen bisweilen wie Mauern neben der Fahrbahn empor. 80 Prozent der Landwirtschaftsfläche sind mit Zuckerrohr bebaut. Wie aus Pflanzenstängeln Saft gewonnen und zu Zucker verarbeitet wird, können sich Besucher an mehreren Orten erklären lassen: in der Freizeitanlage Domaine Les Pailles, wo eine alte Fabrik wiederaufgebaut wurde, im neuen, sehr informativen Zuckermuseum L’Aventure du Sucre bei Pamplemousses oder in den modernen Betrieben, in denen meist jemand abgestellt wird, um Gäste durch die Anlage zu führen.

Zurzeit befindet sich die Zuckerindustrie der Insel im Umbruch. Ein Abkommen mit der EU sicherte den Herstellern lange Zeit Preise deutlich über Weltmarktniveau. Doch bis 2015 soll das Privileg der Preisgarantie fallen. Künftig wollen die Zuckerproduzenten deshalb mehr mit den Nebenprodukten Melasse und Bagasse verdienen und diese in Bioraffinerien verarbeiten. Allein die Energieproduktion mit Bagasse soll sich bis 2015 auf 600 Gigawatt verdoppeln.

Zyklone

Zyklone sind Wirbelstürme, die zwischen Dezember und April auftreten können. Sie entstehen in Äquatornähe über dem Meer, wenn sich das Wasser für längere Zeit über 26 Grad erhitzt und dadurch besonders schnell verdunstet. Nahe dem Zentrum eines Zyklons erreicht der Sturm Geschwindigkeiten von 250 km/h, was zu Springfluten und gewaltigen Niederschlägen führt. An Land haben die Stürme verheerende Auswirkungen: Straßen werden überschwemmt, Hütten fortgeblasen, Bäume entwurzelt und Pflanzen auf den Feldern ausgerissen. In den mauritischen Medien wird schon Tage vorher in allen Landessprachen auf das kommende Unwetter hingewiesen. Dann gilt es, Hab und Gut zu sichern, Vorräte werden aufgestockt; wer in Blechhütten wohnt, findet sich in öffentlichen Gebäuden ein. Es dauert nur wenige Stunden, bis ein Zyklon die Insel überquert hat, aber er hinterlässt meist ein Bild des Schreckens, als hätte er tagelang gewütet.

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Dass es Freddy Langer, leitender Redakteur des Reiseblatts bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, immer wieder nach Mauritius zieht, hängt mit der Vielfalt der Insel zusammen. Das friedliche Nebeneinander der Kulturen und Religionen auf engstem Raum hat für ihn Modellcharakter. Zudem kann er hier seinen größten Leidenschaften an nur einem Tag nachgehen: Tauchen und Bergsteigen.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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