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Reiseführer Madeira - Porto Santo:Stichworte

Quintas, Levadas oder Azulejos – auf Madeira können Sie Eigenartiges und Einzigartiges kennenlernen

Azulejos

Ob als Fries, Medaillon oder großflächiges Wandbild – Portugals Zierkacheln gehören auch auf Madeira zur Bautradition. Die ältesten stammen aus dem 17. Jh., die meisten indes entstanden als Kopien Anfang des 20. Jhs. Sind sie zugleich vor allem Dekoration, bilden die oftmals blau-weißen, manchmal auch farbenfrohen azulejos einen Hitze- und Witterungsschild an den Mauern.

Bevölkerung

Die Einwohner Madeiras bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Selbst bei großen Ausnahmesituationen wie der Unwetterkatastrophe im Februar 2010 behielten sie die Fassung und räumten auf. Sehr aufgeräumt präsentieren sich auch die meisten Vorgärten der Insel. Wie es hinter den Fenstern aussieht, bekommen Besucher nur selten zu sehen, denn Madeirer sind zwar äußerst herzlich und Familienmitgliedern gegenüber sehr gastfreundlich, doch Fremde in die gute Stube zu lassen, ist eher unüblich. Gefeiert wird sowieso meistens draußen: auf Straßen- und Dorffesten, mit Wein, saftigen Fleischspießen und traditioneller Musik – nicht selten Arm in Arm mit dem volksnahen Inselpräsidenten Alberto João Jardim. Noch berühmter als der scheinbar nicht abwählbare Politiker ist nur einer: Cristiano Ronaldo, der Weltklassefußballer, der 1985 in bescheidenen madeirischen Verhältnissen geboren wurde und auf Madeira mit jedem Tor und jedem Besuch für Furore sorgt.

Britisches Erbe

England spielt eine wichtige Rolle in Madeiras Geschichte. Engländer waren es, die im Weinbau der Insel großen Einfluss ausübten – und noch immer fast die gesamte Madeiraproduktion in Händen halten. Ebenso wie eine der Tageszeitungen der Insel, viele Reiseagenturen und Hotels. Die erste Luxusherberge eröffnete allerdings ein Schotte – William Reid. Die Engländerin Elizabeth Phelps kommerzialisierte 1854 die madeirische Weißstickerei. Und das Gros der ersten Feriengäste kam aus Großbritannien. Kein Wunder, dass diszipliniertes Schlangestehen heute ebenso zum Alltag gehört wie Toastbrot.

Emigration

Das Phänomen der Aus- und Rückwanderung kennt Madeira seit den Anfängen seiner Besiedlung. Viele der vom Festland stammenden frühen Bewohner sahen die Insel nur als Sprungbrett für ein Leben in der Kolonie Brasilien. Maurische, schwarzafrikanische und von den Kanaren stammende Sklaven kehrten nach ihrer Freilassung wieder in ihre Heimatländer zurück. Ausländische Zuckerhändler verließen Madeira, als ihr Geschäft sich nicht mehr rentierte. Ihre Arbeiter mussten anderweitig nach Beschäftigung suchen: Sie wanderten aus. Gleiches geschah, als der Mehltau und die Reblaus im 19. Jh. fast den gesamten Bestand des Inselweins vernichteten. Beliebte Ziele, um sich eine neue Existenz aufzubauen, waren und sind auch heute in Zeiten der Wirtschaftskrise wieder Brasilien, Venezuela, Südafrika, England und die Kanalinseln. Viele Emigranten kehren nach einiger Zeit zurück und bauen sich mit dem im Ausland verdienten Geld ein kleines Geschäft auf. Ein aufwendiger Neubau auf dem heimischen Grundstück – oftmals direkt neben dem bescheidenen Heim der Eltern – ist in der Regel ein eindeutiges Zeichen für einen zurückgekehrten Emigranten.

Fauna

Die Fauna Madeiras ist bescheiden, denn nur wenige Tierarten schafften es, aus eigener Kraft auf den Archipel zu gelangen: Fledermäuse, Insekten und Vögel. Etwa 200 Vogelarten leben auf der Insel, darunter der Madeira-Buchfink und das Madeira-Sommergoldhähnchen. Einzige Reptilienart ist die Mauereidechse. Sie ist sehr verbreitet und frisst in den Weinbergen und Obstplantagen gern die überreifen Früchte. Vielfältiger ist die Meeresfauna – angefangen vom Schwarzen Degenfisch bis hin zu Thun- und Tintenfischen. Auch Wale und Delphine sieht man mitunter, sogar die bedrohten Mönchsrobben sind zurückgekehrt. Das Gros der Nutztiere – alle von Menschen auf die Insel gebracht – bekommt man selten zu Gesicht: Schweine bleiben im Stall, Kühe und Ziegen halten die Bauern meist in den traditionellen, spitzdachigen Hütten (palheiros).

Flora

20 Prozent der Insel werden noch immer von Lorbeerwald (laurisilva) bedeckt, den die Unesco 1999 zum Weltnaturerbe erklärte. Dieser einzigartige Dschungel bildet den Kern des 1982 gegründeten Naturparks Madeira. Neben mehreren Lorbeerarten, wie z. B. dem Madeira-Mahagoni (vinhático), wächst hier eine Fülle von Farnen, Flechten und Moosen – insgesamt mehrere Dutzend endemischer Pflanzenarten. Riesenlöwenzahn und Maiglöckchenbaum säumen manchen Wanderpfad. Oberhalb von 1200 m bestimmen Baum- und Besenheide das Bild, gesprenkelt vom Zitronengelb des Madeira-Veilchens und weiß blühendem Steinbrech. An einigen wenigen felsigen Küstenabschnitten lässt sich noch die ursprüngliche Tieflandflora entdecken. Sonst ist das üppige Grün weitgehend Menschenwerk: von Bananenterrassen über Eukalyptus- und Akazienhaine bis hin zu ausgedehnten Kakteenbeständen und (sub)tropischen Gärten.

Das ganze Jahr über steht immer irgendetwas in Blüte. Im Frühjahr z. B. Hortensien, Rhododendren, Korallensträucher und die zartlila Jakarandabäume. Im Sommer Schmucklilien (Agapanthus), der Natternkopf „Stolz Madeiras“, Frangipani (Plumeria) und der Drachenbaum. Im Herbst öffnen Belladonnalilien ihre Kelche, Kapokbäume und Begonien blühen. Im Winter erfreuen Callas, Kamelien und Weihnachtssterne in großen Büschen das Auge. Ganzjährig sorgen Hibiskus, Bougainvillea, Strelitzie, Anthurie und Afrikanischer Tulpenbaum für ein Feuerwerk der Farben.

Früchte

Dank mehrerer Jahrhunderte intensiver Kultivierung und klimatisch exzellenter Bedingungen entwickelte sich Madeira zu einem wahren Garten Eden. Vom Apfel bis zur Zitrone gedeiht fast alles auf der Insel: Ananas, Aprikosen, Bananen ebenso wie Kirschen, Mangos, Melonen, Orangen, Papayas, Maracujas, Pflaumen, Tafeltrauben (auf Porto Santo) und Cherimoyas. Dazu Guaven, Feigen, nêspera (eine Mispelart), pitanga (Surinamkirsche) und aração (Rosenapfel). Eine Mischung aus Obst und Gemüse sind die süßsäuerlichen, auch tomate inglês genannten Baumtomaten. Aus den Passionsfrüchten wird auch licor de maracujá, Sirup und Limonade hergestellt.

Levadas

Bereits kurz nach der Entdeckung der Insel schufen Sklaven die ersten dieser künstlichen Wasserläufe, um das Nass ferner Quellen auf die Zuckerrohrplantagen zu leiten. Im 19. Jh., als der Zuckerrohranbau eine neue Blüte erlebte, revitalisierte und erweiterte man das historische Kanalsystem. Da sich zwischenzeitlich auch die Bevölkerungszahlen verzehnfacht hatten, reichte das bloße Abzapfen des Quellwassers auf der Südseite der Insel nicht mehr aus. Zur Bewässerung der vielen landwirtschaftlichen Flächen wurde das Wasser nun aufwendig und teilweise in Tunnels von der regenreicheren Nordseite auf die Plantagen im Süden geleitet. Im 20. Jh. entstand ein Großteil des heute über 2000 km umfassenden Levadanetzes. Dabei bedachte die damalige Salazarregierung auch die Energiegewinnung: Etwa 10 Prozent des heute auf der Insel verbrauchten Stroms wird in Wasserkraftwerken gewonnen, die an Levadas angeschlossen sind. Einst Eigentum der Großgrundbesitzer, gehören die schmalen Kanäle nun größtenteils dem Staat. Von ihm kauft jeder Bauer eine gewisse Wassermenge pro Jahr. Ein levadeiro überwacht die Verteilung. Er ist auch für die Instandhaltung der Rinnen verantwortlich. Inselbesucher können die Wirtschaftswege der levadeiros größtenteils für einzigartige Spaziergänge und Wanderungen nutzen.

Madeira-Wein

Das Geheimnis des etwa 20-prozentigen Dessertweins liegt in der Zugabe von Weinbrand, durch den der Fermentierungsprozess gestoppt wird, und in der anschließenden Erwärmung der Rebflüssigkeit. Ursprünglich besorgte diese Erwärmung die Natur: Jahrelang schien die Sonne auf die mit den edlen Tropfen gefüllten Eichenfässer, die auf Madeira nicht in Weinkellern, sondern auf Wein-Dachböden untergebracht waren. Inzwischen greifen fast alle Hersteller zu technischen Hilfen. In Stahltanks und mit Wasserspiralen ist das Ziel rasch erreicht – zu rasch bisweilen. Hergestellt wird Madeira-Wein aus den historischen Edeltraubensorten Sercial (trocken), Verdelho (halbtrocken), Boal (halbsüß) und Malvasia (süß). Je älter ein Madeira ist, desto voller schmeckt er und desto beeindruckender ist der Preis.

Manuelinik

König Manuel I., der Portugal 1495–1521 regierte, wurde auch „Der Glückliche“ genannt, denn in seiner Regierungszeit erlebte Portugal dank der erfolgreichen Entdeckungs- und Eroberungsfahrten Vasco da Gamas und anderer Seefahrer die Hochphase seines Weltruhms und Wohlstands. König Manuel ließ mit den Reichtümern, die er durch die Vorherrschaft auf See einnahm, prachtvolle Klöster, Kirchen, Türme und Paläste bauen, die mit üppigen maritimen Ornamenten verziert sind. Auch auf Madeira finden sich Kirchen und Kapellen, die mit den typischen Symbolen der Manuelinik verziert sind: steinerne Schiffstaue, Algen und Korallen ranken sich an Portalen hoch, Balustraden sind mit den achtspitzigen Kreuzen der Christusritter geschmückt und immer wieder taucht als Symbol Heinrichs des Seefahrers ein Navigationsinstrument, die sogenannte Armillarsphäre, auf.

Portugal

Am 25. April 1974 beendete die unblutige Nelkenrevolution die Diktatur in Portugal, die Anfang der 1930er-Jahre unter dem Diktator Salazar begonnen hatte. Dieser interessierte sich während des Estado Novo nie sonderlich für die portugiesischen Inseln im Atlantik und vernachlässigte dortige Investitionen oder Entwicklungen. Im Zuge der Demokratisierung erhielt Madeira 1976 den Sonderstatus einer Autonomieregion, die von einem eigenen, von den Bewohnern gewählten Präsidenten regiert wird. In inneren Angelegenheiten erlangte Madeira somit eine gewisse Selbstständigkeit. Die Regierung in Lissabon übt jedoch eine kontrollierende Funktion über das Inselparlament aus, wichtige Entscheidungen werden „auf dem Kontinent“ gefällt, wie die Madeirer sagen. Zu ihren Brüdern und Schwestern do continente pflegen sie spürbar eine emotionale Distanz.

Quintas

Hunderte dieser Herrenhäuser und Landsitze überzogen einst die Insel. Das Gros datiert aus dem 18. und 19. Jh., als der Weinhandel blühte und britische Kaufleute sich in Scharen auf Madeira niederließen. Sie beauftragten Architekten aus der ganzen Welt, um die neuesten Stiltrends umzusetzen, und ließen Gärtner Landschaftsoasen mit exotischer Vegetation um die repräsentativen Bauten anlegen. Grundstücksspekulation und Neubauten bedeuteten ab Mitte des 20. Jhs. dann für viele Quintas das Ende. Inzwischen besinnt man sich wieder auf dieses exquisite architektonische Erbe – die historischen Häuser werden restauriert und als Hotels, Sitz von Institutionen oder Museen genutzt. Zu der Betonflut insularer Bauwut, die lange Zeit durch EU-Gelder geschürt wurde, bilden sie einen angenehmen Kontrast.

Umwelt

Madeira ist eine verhältnismäßig saubere Insel, nur selten findet man Müll in Levadas oder an Straßenrändern. Funchal wird regelmäßig zur saubersten Stadt Portugals gekürt, Bewohner und Hotels trennen zunehmend ihren Abfall. Die Müllverbrennungs- und Recyclinganlage befindet sich oberhalb von Camacha. In den Naturschutzgebieten auf Madeira und Porto Santo bemüht man sich mit Aufforstungsprojekten um die Wiederbegrünung ehemals gerodeter Flächen. Problematisch sind die angepflanzten Eukalyptus- und Akazienhaine, die dem Boden viel Feuchtigkeit entziehen. Diese Bäume verlieren bei starken Regenfällen den Halt an den steilen Hängen, wie im Februar 2010 geschehen. Außerdem verstärken diese eingeführten Baumarten die Waldbrandgefahr, wie die verheerenden Brände 2010 und 2012 gezeigt haben.

Zuckerrohr

Prinz Heinrich der Seefahrer brachte das Zuckerrohr Anfang des 15. Jhs. von Sizilien nach Madeira. Die erste Zuckermühle ging 1452 in Betrieb, um 1500 versorgte Madeira ganz Europa mit dem weißen Gold. Die Zuckerbarone ließen sich ihre Ware oft mit Kunstwerken bezahlen – daher besitzt Madeira eine beachtliche Sammlung flämischer Malerei des 15./16. Jhs. Mit zunehmender Konkurrenz aus Südamerika gab Madeira den Zuckerrohranbau im großen Stil auf. Wie wichtig er einst war, ist am Wappen von Funchal zu sehen: Es zeigt fünf Zuckerhüte.

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Sara Lier reist seit Jahren regelmäßig nach Madeira und freut sich jedes Mal aufs Neue über die üppige Natur und die herzlichen Menschen, die fast nichts aus der Ruhe bringt. Als Studienreiseleiterin darf sie ihren Gästen die Schönheiten der Insel zeigen und genießt dabei selbst ganz nebenbei diese Perle des Atlantiks – auf ausgedehnten Wanderungen, bei einem rustikalen Essen oder in der Unterwasserwelt.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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