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Reiseführer London:Stichworte

Mode, Monarchie, Musik & more – neue Trends und alte Zöpfe bestimmen das Leben in der Stadt an der Themse

MARCO POLO Koautorin Birgit Weber

Mode

London Fashion ist weniger der englische Landhausstil, sondern eher ausgefallen, ein bisschen crazy: zottelige Fellmäntel und Plüschpelze über Miniröcken im Winter, hautenge clubwear mit klobigen Stiefeln vom Camden Market oder Leggings mit Pumps und Zigarettenjeans mit altmodischen pork-pie-Hüten oder Tweed-Käppis wie auf der Hunderennbahn. Londons kreatives Klima und das Erbe der Punkära, an deren Anfang die britische Modequeen Vivienne Westwood stand, lebt heute fort in einer Vorliebe für Stilmix und witzige Accessoires. Londoner Models wie Kate Moss oder Naomi Campbell wurden Superstars. Die neuesten Laufstegmodels von Burberry: Cara Delevingne und die dunkelhäutige Jourdan Dunn; bei den Männermodels sorgen der blonde Luke Worrall und der dunkle Rob Evans für Aufregung. Die besten Talente der Haute-Couture wie die vegan bewegte Stella McCartney mit ihrer lederlosen Kollektion sind international gefragt. Neben den Newcomern Hussein Chalayan mit seinem Techno-coolen Stil und Erdem Moralioglu mit seinen romantisch angehauchten Entwürfen zeigt sich, dass Victoria Beckham besser Kleider entwirft, als sie singt: Sie erhielt den British Style Award 2011. Ihre Kollektionen fließender Gewänder in leuchtenden Farben finden großen Applaus. Der Einfluss des 2010 verstorbenen Enfant terrible Alexander McQueen bleibt jedoch sichtbar. Der Vintage-Trend zwischen Fünfzigerjahre-Hausfrau- und Sixties-Vamp-Schick ist nicht zu stoppen, junge Frauen stricken gemeinsam oder lernen, wie man aus zwei Hosen einen Mantel schneidert: upcycling nennt sich das. Fashion victims bei knapper Kasse zählen auf Kooperationen zwischen Designern und Kaufhäusern wie Matthew Williamson für H & M. Der ökologische und ethische Gedanke wird immer wichtiger: die „I am Not A Plastic Bag“-Handtasche von Anya Hindmarch wurde eine Stil-Ikone, und bei Marks & Spencers, dem Grundausstatter der Nation, hängen T-Shirts aus fair gehandelter Baumwolle. Das Buch zum Thema schrieb übrigens die punkinspirierte Designerin Luella Bartley: „Luella's Guide to English Style“ (Harper Collins, 2010).

Monarchie

Schon vor 1066, als der Normannenkönig William der Eroberer hier seinen Regierungssitz einrichtete, war London Sitz des englischen Königshauses. Der Monarch ist das Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland, segnet Gesetze ab und ist oberster Befehlshaber der Armee. 2012 zelebrierte Queen Elizabeth II. ihr diamantenes Thronjubiläum (60 Jahre!) und wurde u.a. mit einer spektakulären Schiffsparade geehrt. Die Macht der Queen ist allerdings eher symbolischer Art: Elizabeth II. mag alljährlich im Oberhaus die Regierungserklärung (Queen's Speech) verlesen, geschrieben wird sie vom Premierminister und dem Kabinett. Im Gegensatz zur kinderlosen Tudor-Virgin-Queen Elizabeth I. (1558–1603) hält die Nachkommenschaft Elizabeth' II. den Tratsch am Laufen. 2005 heiratete Prince Charles seine langjährige Liebe Camilla Parker-Bowles, und während Prince William wohl den Charme seiner Mutter Diana geerbt hat, tritt Harry oft ins Fettnäpfchen. Wie übrigens auch traditionell Großvater Prince Philip, bei dem sich die Altersweisheit nur langsam einstellt, obwohl er 2011 seinen 90. Geburtstag feiern konnte. William und Harry schwitzten beide auf der Militärakademie Sandhurst. Harry, die Nummer Drei in der Thronfolge, liebt Sport und Adrenalin: Zwei Monate diente er inkognito in Afghanistan. Mit Prinz Harry als Trauzeugen traten Prinz William und die bürgerliche Kate Middleton – mit Lady Dianas Ring am Finger – am 29. April 2011 in der Westminster Abbey in den heiligen Ehestand. Wer das verpasst hat – und viele Briten flüchteten in den Brückentags-Urlaub – kann bei einem Kate & William-Stadtspaziergang ( www.walks.com oder über den VisitBritain Shop) die Stätten und Stationen der Romanze nachvollziehen. Mit der von Premierminister David Cameron gestützten Idee einer „Queen Camilla“ kann sich derweil nur eine Minderheit anfreunden; viele sprechen sich in Umfragen für King William V. aus, ohne Umwege über Charles & Camilla. Nicht zuletzt der Riesenerfolg des Kinofilms „The King's Speech“ mit Oscar-Gewinner Colin Firth zeigt, dass die Monarchie immer noch breite Unterstützung findet.

Musik

London ist nicht nur das Zentrum der Musikindustrie, hier werden Trends gemacht. Die Briten kaufen pro Kopf mehr CDs, Vinylscheiben und Downloads als jede andere Nation der Welt, und in jeder Schulklasse gibt's ein paar Typen, die zu Hause in der Garage eine Band aufziehen. Gerade in den letzten Jahren ist auf Londoner Boden eine starke Musikergeneration herangewachsen, vor allem bei den Damen: so unterschiedliche Top-Stimmen wie Lily Allen (Debütalbum „LDN“), der dramatische Rotschopf Florence & the Machine („You've Got the Love“), die junge Adele aus Tottenham, deren „Someone Like You“ das härteste Herz bricht, die unverblümt politische Sri-Lanka-stämmige MIA und die flamboyante halbspanische Soul-Pop-Jazzsängerin Paloma Faith aus Hackney. Zu den neuen Stars zählen auch die Westlondoner Folkies Mumford & Sons, die ruhigen jungen Männer der Indie-Band The xx (Song-Tipp „Crystallised“; The xx drückten die gleiche Schulbank wie das erfolgreiche Electro-Quintett Hot Chip) und der Rapper Plan B aus Südlondon. Britpop ist passé, gab aber dem Rockgitarren-Revival Impulse, junge asiatischstämmige Londoner tanzen zu Bhangra. Das populärste Genre ist urban, Musik aus der Stadt: Garage, Hip-Hop – mit dem designerbebrillten Shooting Star Tinie Tempah – Drum & Bass, R 'n 'B und Mischformen wie grime („Schmutz“).

Olympische Spiele

London durfte 2012 zum dritten Mal Gastgeber der Olympischen Sommerspiele sein. Die Disziplinen verteilten sich über die ganze Stadt, der Großteil jedoch fand im Olympiapark statt. Die Begeisterung der Londoner für die Spiele stieg erst zu Beginn der Olympiade. Dazu beigetragen haben sicherlich der pünktlich zur Auftaktveranstaltung einsetzende Sommer und die 8000 Läufer, die die Fackel zwei Monate durch ganz Großbritannien (inkl. Schottland, Nordirland, Wales und alle Inseln!) über 12800 km getragen haben. Die toughen britischen Sportler eroberten sich Goldmedaillenplatz drei direkt hinter den USA und China. Noch während der Spiele wurden sie zusätzlich durch frisch gedruckte Sportlerbriefmarken geehrt, und die Royal Mail sprühte ihnen zu Ehren einige Briefkästen gold ( www.goldpostboxes.com ). Der Olympiapark, der durch die Umgestaltung einer Industriebrache im Lea Valley entstand, ist eine groß angelegte Revitalisierung des Londoner Ostens. Die olympischen Anlagen wurden nach den Spielen so umgebaut, dass nun die örtliche Community in Zaha Hadids beeindruckendem Schwimmstadion plantschen kann und im Olympiastadion entweder die Fußballer kicken oder die Leichtathleten schwitzen. Touristen können nach Abschluss der Arbeiten die Aussicht vom ArcelorMittal Orbit genießen, mit der für die Spiele neu errichteten Seilbahn zwischen North-Greenwich und Royal Victoria Docks die Themse überqueren und dabei einen luftigen Blick auf London werfen. Zusätzlich werden 8000 Wohnungen gebaut und neue Fahrrad- und Wanderwege durch das Gebiet der „Grünen Olympiade“ erschlossen. Der Olympiapark erhielt die Postleitzahl E20, die zuvor fiktiv in der TV-Soap EastEnders verwendet wurde. Schlussendlich heißt das Areal Queen Elizabeth Olympic Park – zum Gedenken an ihr Diamond Jubilee 2012.

Politik

Die Houses of Parliament gelten als Vorbild parlamentarischer Demokratie in aller Welt. Die zunächst vom dynamischen Erneuerer Tony Blair, dann vom glücklosen Schotten Gordon Brown geführte (New) Labour Partei wurde 2010 von einer konservativ-liberaldemokratischen Koalition unter Premierminister David Cameron – dem jüngsten Premierminister seit 200 Jahren – und dem etwas konturlosen Nick Clegg abgelöst. Camerons Mantra der „Big Society“, in der alle ihre Rollen und Verantwortlichkeiten finden, bleibt nebulös, während Clegg vor allem von jungen Wählern der Doppelzüngigkeit bezichtigt wird: Die Verdreifachung der Studiengebühren unter Brechung eines Lib-Dem-Wahlversprechens führte zu Straßenprotesten und sogar zu tätlichen Angriffen auf Charles' und Camillas Limousine. Währenddessen initiieren Aktivisten Proteste gegen große Steueroasen-Sparerfirmen und Blockaden großer Kaufhäuser in Zeiten öffentlicher Haushaltskürzungen. Bei einer Volksabstimmung kurz nach Prinz Williams Hochzeit sollte über eine Wahlrechtsreform vom First-past-the-post-System in Richtung Rangfolgewahlrecht entschieden werden, bei dem der Wähler mehrmals abstimmen kann, bis nach Verteilung der Stimmen ein Kandidat über 50 Prozent hat. Die Reform wurde in ganz Großbritannien klar abgelehnt. Bei den Belangen der Stadt hält der konservative, aber exzentrisch-quirlige Bürgermeister Boris Johnson die Zügel in der Hand und wurde bei den Neuwahlen im Mai 2012 wieder bestätigt. Als radelnder Bürgermeister führte er ein Netz umweltfreundlicher Leihräder ein und sorgte bei der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele für gute Stimmung. Im Februar 2012 wurde ein von ihm initiierter Prototyp des von Thomas Heatherwick gestalteten neuen Routemaster-Doppeldeckermodells („Borismaster“) auf die Straße geschickt.

Sport

Wie sagte es doch einmal ein britischer Trainer treffend: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich kann Ihnen versichern, dass es sehr, sehr viel ernster ist …“ London ist eine Sportstadt: Neben den großen Traditionsfußballclubs Arsenal, Chelsea und Tottenham gibt es die Ruderer auf der Themse, die Rugbyspieler im Park, Pubs mit Schildern „Watch the 6 Nations Here!“, und dann natürlich: Wimbledon! Dass das älteste und renommierteste Rasentennisturnier der Welt wieder ansteht, erkennt man daran, dass es Ende Juni/Anfang Juli auffallend viel regnet! Seit 2009 das Faltdach installiert wurde, ist das aber kein Problem mehr – zumindest nicht für den Centre Court. Wimbledon will jeder Profi einmal gewinnen. Der aktuelle britische Tennisstar Andy Murray schaffte dies zwar nicht, holte aber kurz darauf Olympiagold, erstmals seit 100 Jahren! Boris Becker, einst jüngster Wimbledon-Gewinner, berichtet nun für die BBC. Traditionell isst man zum Spiel Erdbeeren mit Sahne.

Teatime

Trotz des Siegeszugs der Kaffeebars ist der schwarze Tee immer noch das Lebenselixier der Londoner. Mit 165 Mio. Tassen Tee pro Tag sind die Briten (nach den Iren) die zweitgrößten Teekonsumenten Europas. Eine cup of tea, kurz „cuppa“, ist das erste, was einem bei Krisen jeglicher Art in die Hand gedrückt wird. Die ältere Generation trinkt Tee auch zum Abendessen zu Hause. Zu 98 Prozent wird der Tee white, mit Milch, getrunken. Die wenigsten Londoner machen sich noch die Mühe, losen Tee aufzubrühen, und ein Teebeutel verbringt heute im Schnitt nur noch 35 Sekunden im Becher (mug). Wen es nach einem Becher starken Tees mit Milch und zwei Stück Zucker verlangt, der fragt nach Builders Tea, nach „Bauarbeiter“-Art. In den letzten Jahren ist eine Renaissance der feinen Teekultur zu beobachten – zunehmend wird auch fair gehandelter Tee getrunken.

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Birgit Weber arbeitet freiberuflich als Autorin für verschiedene Reiseführer über Großbritannien. Sie bereist das Land seit vielen Jahren immer wieder gern, und London hat es ihr besonders angetan. Sie mag den Mix aus historischer und moderner Architektur, die Kulturenvielfalt und verrückten Modetrends, die Museen und den Charme der britischen Lebensart. Demnächst erscheint ein Londonband mit Fotografien von ihr.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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