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Reiseführer Lettland:Stichworte

Das neue Lettland sucht nach der Balance zwischen Marktwirtschaft, alten Traditionen und den Erblasten seiner bewegten Geschichte

Ballettland Lettland

Ein Rīgaer hat mit seiner Präzision, Leichtigkeit und Eleganz eine ganze Generation von Tänzern geprägt: Michail Baryschnikow, 1948 in der lettischen Hauptstadt geboren und einer der berühmtesten Balletttänzer der Welt. Mitte der 1970er-Jahre ging er in die USA, um am New York City Ballet zu tanzen. Eine Rückkehr in seine Heimat war fortan tabu, erst nach der Unabhängigkeit Lettlands 1991 konnte „Mischa“ Baryschnikow als umjubelter Star zurückkehren nach Rīga. Lettland ist Ballettland. Die Aufführungen lettischer Choreografen waren in der gesamten Sowjetunion berühmt. Inzwischen lockt das jährliche Baltische Ballettfestival in Rīga auch viele Besucher aus Westeuropa an.

Deutschbalten

„Auf Nimmerwiedersehen“ soll der damalige lettische Präsident Karlis Ulmanis den 52000 Deutschbalten nachgerufen haben, als sie 1939 auf Hitlers Befehl „heim ins Reich“ geholt wurden. 60 Jahre später lud sein Großneffe Guntis Ulmanis, nun Präsident der wieder unabhängigen Republik, sie ausdrücklich ein, die Heimat ihrer Väter nicht zu vergessen. Seit Lettland wieder frei ist, hat sich das Verhältnis zu den einstigen Herren entspannt.

Die Bezeichnung Deutschbalten bildete sich im 19. Jh. für die seit dem Mittelalter herrschende Oberschicht aus Adligen, Kaufleuten, Geistlichen, Gelehrten und Handwerkern. Lettlands Großgrundbesitz gehörte fast ausschließlich Deutschen. Das alles ist Geschichte. Heute reisen Jahr für Jahr wieder Tausende Deutschbalten in die alte Heimat. Viele bringen sich im 1992 gemeinsam mit Letten gegründeten Verein „Domus Rīgensis“ auch in den kulturellen Dialog ein. Denn die Deutschen stehen in der lettischen Geschichte nicht nur für Fremdherrschaft, sondern auch für die Einbindung in den europäischen Kulturkreis. Johann Gottfried Herder predigte im Rīgaer Dom und Gelehrte wie der Nobelpreisträger Karl-Ernst von Baer prägten das akademische Leben im gesamten Ostseeraum.

Flora und Fauna

Mit rund 15000 Pflanzen- und 13000 Tierarten zählt die Flora und Fauna des Landes zu den reichsten Europas. Dichte Wälder und ausgedehnte Moore bieten Lebensraum für Elche, Luchse und viele Wolfsrudel. Ornithologen haben an die 350 Vogelarten nachgewiesen, darunter Seltenheiten wie Regenbrachvogel, Birkhuhn, Baumfalken und Schlangenadler. Fast tausend Paare der extrem scheuen Schwarzstörche nisten in Lettland.

Die Seenplatte beherbergt die größte Fischotterpopulation Europas. Am Papes-See, einem Nadelöhr der eurasischen Zugvogelroute, ziehen im Herbst Millionen Vögel und - ein einzigartiges Phänomen - Zehntausende Fledermäuse durch. Einige ausgestorbene Tierarten wurden erfolgreich wieder angesiedelt, so Biber, Wisente und Wildpferde.

Jugendstil

Feenhafte Frauengestalten flechten Girlanden um Fenstergesimse, Medusenhäupter und Dämonen blicken von Erkern zur Straße herab, wo Sphinxe die Haustür bewachen: Viele Fassaden nordöstlich der Altstadt Rīgas schäumen über vor Lebenslust und operettenhafter Phantasie. Lettlands Hauptstadt zählt zu den Hochburgen des europäischen Jugendstils, der hier Anfang des 20. Jhs. so heftig aufblühte, dass ein Drittel aller Häuser im Stadtzentrum davon geprägt wurden. Der Wirtschaftsaufschwung hatte einen Bauboom in Gang gesetzt, der Lettlands junger Architektenzunft Flügel verlieh. Sie entwickelten den art nouveau für sich weiter, mischten typische lineare Ornamentik mit barocken und antiken Motiven. Berühmtester Vertreter dieser Schule war Michail Eisenstein, der in Rīga 20 Häuser schuf und dem lettischen Jugendstil damit Denkmäler atemberaubender Schönheit setzte. Die schönsten Häuser sehen Sie in der Elisabetes, der Alberta und der Strēlnieku.

Luther, Papst, Zwiebelturm

Lettland steht in langer protestantischer Tradition, schon 1523 erreichte die Reformation Rīga und setzte sich schnell durch. Nach der religionsfeindlichen Sowjetära bekennt sich das Land wieder offen zu seinen lutherischen Wurzeln, es gibt etwa 300 Kirchengemeinden. Doch die Zeiten der großen Volkskirche sind auch in Lettland vorbei, die Gottesdienste schlecht besucht - von der alten Provinz Latgale im entlegenen Südosten des Landes abgesehen. Latgale lag lange unter der Herrschaft Polens und blieb bis heute römisch-katholisch geprägt. Die Russen brachten ihre Ikonen und Zwiebelturmkirchen mit ins Baltikum, die orthodoxe Kirche ist heute die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Lettland.

Minderheiten

Nur knapp 60 Prozent der etwa 2,32 Mio. Einwohner Lettlands sind Letten. Die Russen stellen mit einem Drittel die größte ethnische Minderheit - ein demografisches Erbe der Sowjetunion, das die Gesellschaft noch längst nicht verkraftet hat. Außerdem leben in Lettland Weißrussen, Ukrainer, Litauer und Polen, insgesamt etwa zwölf Prozent. In sechs der sieben größten Städte des Landes sind die Letten in der Minderheit. Nach der Unabhängigkeit entlud sich ihre Angst, im eigenen Land zu Fremden zu werden, in ethnischen Spannungen und diskriminierend scharfen Einbürgerungsgesetzen. Die wurden inzwischen liberalisiert - auch auf Druck Brüssels. Für ehemalige KGB-Spitzel allerdings ist der lettische Pass tabu.

Rot-Weiß-Rot

Die Letten sind sehr patriotisch. Die Hoheitszeichen ihrer Republik gelten geradezu als heilig, und das Rot-Weiß-Rot der Landesflagge ist an Feiertagen allgegenwärtig. Ihren Ursprung hat die Flagge in der Studentenschaft „Lettonia“, die um 1870 unter der rot-weiß-roten Fahne zum nationalen Erwachen aufrief. Doch schon im 13. Jh. erwähnt die mittelhochdeutsche Bergmannchronik zum ersten Mal ein „rot barnier, mit wize durch gezniten“. Gemeint war das Heeresbanner der livischen Krieger.

Singende Sprache

Die lettische Sprache zählt zum baltischen Zweig der indogermanischen Sprachen und ist nicht mit den slawischen Sprachen verwandt. In den alten Idiomen der Heidenstämme wurzelnd, haben sich mehrere Dialekte erhalten, von denen vor allem das im Osten des Landes gesprochene Latgalisch so viele eigene Worte kennt, dass es viele Letten aus anderen Landesteilen nicht verstehen. Charakteristisch für die lettische Sprache ist das „s“ an den Endungen männlicher Namen und Bezeichnungen und die Betonung auf der ersten Silbe, die zusammen mit deutlich unterschiedenen kurzen und gedehnten Vokalen ihren typisch singenden Klang erzeugt.

Volk der Lieder

Letten sind geborene Sänger. In den Dainas, sowohl sing- als auch sprechbaren, meist vierzeiligen Bauernliedern, spiegeln sich der Lebenszyklus und die Seele des lettischen Volkes. Besungen wird alles: Hochzeiten und Kindstaufen, Liebe und Tod, das ländliche Arbeitsleben, die Natur und zahllose Episoden der baltischen Mythologie. 2,5 Mio. Dainas liegen im Folklorearchiv in Rīga. Begründet wurde dieser einzigartige Kulturschatz von Krišjānis Barons (1835-1923). Der „Vater der Dainas“ bereiste alle Provinzen, befragte seine Landsleute und sammelte so an die 36000 Lieder in 182000 Versionen. Ihre Wurzeln reichen bis ins 11. Jh. zurück. Von Generation zu Generation weitergegeben, lebte in den Strophen das eigene Volkstum weiter, bis schließlich im 19. Jh. die Bewegung des nationalen Erwachens aus den Dainas erwuchs.

Wirtschaft auf Westkurs

Wirtschaftlich zählt Lettland zu den Musterknaben der neuen EU-Mitglieder. Konsequent, manche sagen radikal, zogen die Letten den Kurswechsel durch - weg vom kollabierten Plandirigismus hin zur Marktwirtschaft. 98 Prozent der Unternehmen sind privatisiert, die Dienstleistungsbranche erwirtschaftet drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts. Lettland wickelt 68 Prozent des Handels mit der EU ab.

Das Land ist rohstoffarm. Hoffnungen setzt man in die Holzverarbeitung. Lettland besitzt zudem die größte Fischereiflotte der drei Ostseerepubliken. Seit die postsowjetischen Krisen überwunden sind, verbessert sich der Lebensstandard stetig, das Durchschnittseinkommen liegt derzeit bei monatlich 450 Euro. Doch auch in Lettland hat das turbokapitalistische Wirtschaftwunder einige wenige schnell reich werden lassen, während große Teile der Bevölkerung finanziell kaum über die Runden kommen. Das soziale Gefälle ist nach wie vor krass, vor allem zwischen Stadt und Land: In den Dörfern leben viele Letten in Armut. Die Arbeitslosigkeit, offiziell bei sieben Prozent, ist dort vier- bis fünfmal so hoch.

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Lettland hat alles, um sich dort wohl zu fühlen: Wunderschöne, vielfältige Landschaften - viele wie unberührt, das ganze Land ein großes Freilichtmuseum des Auf und Ab der Ostseegeschichte. Und natürlich Rīga: eine schöne, moderne und vor Dynamik geradezu zitternde Stadt.

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Quelle: www.marcopolo.de