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Reiseführer Lettland:Auftakt

Was für ein Land!

Landschaften wie unberührt und von melancholischer Weite, 500 Kilometer Küste, gesäumt von endlosen Stränden, Herrenhäuser und pittoresk verwitterte Burgruinen, die von bewegter Geschichte zeugen: Lettland, die mittlere der drei baltischen Republiken, steckt voller Kontraste. Mancherorts scheint die Zeit stillzustehen. Und dann diese Hauptstadt: Rīga, die elegante, extravagante, pulsierende Ostseemetropole, die wuchtige Backsteingotik mit der Pracht des Jugendstils vereint, der sich in Europas üppigsten Gründerzeitvierteln zu einer Operette aus Stein entfaltet. Geradezu spielend zieht „Miss Baltica“ jeden Besucher in ihren Bann.

Wälder, so weit das Auge reicht. Storchennester auf Telegrafenmasten, einsame Ostseestrände und Sommernächte, in denen das hohe Licht des Nordens in östlicher Melancholie zerfließt. Ist vom Baltikum die Rede, klingt es meist nach Weite und Stille, nach Bernstein, Blaubeeren und Burgruinen. Auch Lettland kann damit aufwarten. Doch wer würde hier eine der modernsten Rennrodelbahnen Europas vermuten, Schlösser so schön wie Zarenpaläste und eine Hauptstadt, die sich in ihrer pulsierenden Vitalität an Berlin und in der Pracht ihrer Jugendstilfassaden an Wien und Brüssel messen kann?

Schönes, nahes, fernes Lettland. Als freie Republik zurückgekehrt nach Europa, wo die baltischen Staaten nach vier Jahrzehnten hinterm Eisernen Vorhang fast vergessen waren. Mancher im Westen erinnerte sich erst an die drei kleinen Nationen, als 2002 eine junge Lettin namens Marija Naumova den European Song Contest gewann.

Das Singen liegt den Letten im Blut. Mit den Dainas, ihren jahrhundertealten Volksliedern, auf den Lippen stellten sie sich 1991 Moskaus Panzern entgegen, ersangen sich die Freiheit. Im Folklorearchiv in Rīga wurden 2,5 Mio. Dainas gesammelt, statistisch kommt auf jeden Einwohner ein Lied. Wo gibt es das noch einmal in Europa?

Die mittlere der baltischen Republiken, mit 64500 km² nicht ganz so groß wie Bayern, birgt eine Schatztruhe unberührter Naturlandschaften. Fast die Hälfte Lettlands ist bewaldet, Heimat für Elche, Luchse, Schelladler und über tausend Schwarzstorchenpaare. Ganz im Osten des Landes liegt die Seenplatte, eine stille Wasserlandschaft, in die sich kaum ein Fremder verirrt. Auch die lettische Küste, ein 494 km langer, von Steilküsten, Dünen und Salzwiesen gesäumter Badestrand, gleicht auf weiten Strecken einem unentdeckten Paradies.

Der Kontrast zwischen dem sanften Land und seiner Hauptstadt könnte größer kaum sein. Rīga platzt vor Energie, hier schlägt das Herz Lettlands, und mit 890000 Einwohnern ist die Metropole an der Daugava (Düna) auch urbanes Zentrum der drei Ostseerepubliken. „Miss Baltikum“ hat sich herausgeputzt. In Vecrīga, der Altstadt, künden restaurierte Kaufmannshäuser vom Wohlstand ihrer Bauherren. Spielend vereint die alte Hansestadt wuchtige Backsteingotik mit der schwelgerischen Pracht von über 800 Jugendstilbauten links und rechts der Albertstraße.

Im Sommer durchweht Rīga fast südländisches Flair. In den Straßencafés rings um Dom-, Rathaus- und Livenplatz genießt ein buntes Kaffeehausvölkchen den Tag, während elegante Rīgaerinnen auf hohen Absätzen sicher durch die Kopfsteingassen flanieren. Gut auszusehen gehört für Rīgas Frauen zum Lebensstil. Rīga rühmt sich, gemessen an der Einwohnerzahl, weltweit die Stadt mit den meisten Friseuren zu sein.

Die Provinzstädte Lettlands wirken dagegen geradezu bescheiden. Das Leben fließt gemächlicher fern der Hauptstadt, die Menschen sind zurückhaltender, bodenständiger. Daugavpils, Liepāja und Ventspils überraschen mit originellen Museen und restaurierten Altstädten. Doch nicht alle Wunden der Sowjetzeit sind vernarbt. Vielerorts verschandeln Plattenblocks das Stadtbild; Lettlands kriegszerstörte Handelsstädte waren den Betonstrategen schutzlos ausgeliefert.

Tiefere Verletzungen trägt die Nation unter der Haut. Die meisten Letten empfanden die Sowjets als Okkupanten. Kaum in Freiheit, schlug das Pendel zurück. Nun bekamen die im Land verbliebenen Russen Ungerechtigkeit und Diskriminierungen zu spüren. Im Reinen miteinander sind Russen und Letten noch lange nicht. Wen wundert's? Lettlands Geschichte ist eine Geschichte fremder Herren. Der Mönch Meinhard von Segeberg kam 1186 noch in friedlicher Absicht, und die an der Daugava lebenden heidnischen Liven ließen sich von ihm wohl freiwillig taufen. Als bald darauf der Bremer Domherr Albert mit 23 Schiffen voller kampflustiger Ordensritter anlandete, war es mit dem sanften Missionieren vorbei. Der Schwertbrüderorden zwang die baltischen Stämme unter das Kreuz, und im Gefolge kamen deutsche Kaufleute nach Livland, deren Nachfahren dort für Jahrhunderte die Oberschicht stellten. Bald weckte die günstige strategische Lage des Landes an der Ostsee auch Gelüste anderer Herrscher. Polen zwang Kurland unter seine Krone, Schweden eroberte Rīga, schließlich rissen sich die russischen Zaren gleich das ganze Land unter den Nagel. Die Letten blieben Knechte. Erst 1918 konnten sie erstmals ihre eigene Republik ausrufen. Das alles scheint nun in weiter Ferne. Zurück blieben steinerne Zeugen: Ordensburgen, Gutshäuser, Schlösser. Viele der Herrensitze gehörten einst deutschbaltischen Baronen, der prächtigste dem Günstling einer Zarin: Schloss Rundāle, Lettlands barockes „Klein Versailles“.

Abseits der asphaltierten Straßen spinnt das Leben bis heute einen leisen Faden. Pferdewagen sind das Transportmittel auf den Sandwegen zwischen winzigen Dörfern, auf den Feldern wird wie eh und je von Hand geerntet. Die Menschen im baltischen Hinterland haben es schwer im neuen EU-Europa. Darum bieten immer mehr Bauernhöfe auch Ferienquartiere an. Westlichen Hotelluxus haben sie nicht im Programm, dafür herzliche baltische Gastfreundschaft, Natur satt, manche sogar Reitpferde und immer frisches Gemüse aus dem Garten. Lettland ist ein Paradies für Radwanderer, Naturfreaks und die gemächliche Art des Entdeckens. Sie können abenteuerliche Floßfahrten buchen, mit dem Kanu endlose Wasserläufe erkunden, mitten im Sommer rodeln oder in einer historischen Schmalspurbahn durch die Provinz zuckeln. Und wen lockte nicht die Küste mit einem Strand wie Goldstaub? Zwanzig Minuten von Rīga liegt Jūrmala, der Villenbadeort der „lettischen Riviera“. Wem abends der Sinn nach Unterhaltung steht, der ist in der Hauptstadt bestens aufgehoben: Rīgas Nachtleben stellt das mancher westlicher Metropole in den Schatten.

Einmal im Jahr wird im ganzen Land die Nacht zum Tag. Am 23. Juni feiern die Letten Mittsommernacht, und sie feiern es so ausgelassen wie wohl nirgends sonst rings um die Ostsee. In der Johannisnacht darf niemand schlafen. Überall lodern die Feuer, und der Sonnenaufgang danach zählt wohl zum Schönsten, was einem Gast in Lettland passieren kann. Er wird wiederkommen. Wen dieses Land einmal aufnahm, den hält es für immer umfangen.

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Lettland hat alles, um sich dort wohl zu fühlen: Wunderschöne, vielfältige Landschaften - viele wie unberührt, das ganze Land ein großes Freilichtmuseum des Auf und Ab der Ostseegeschichte. Und natürlich Rīga: eine schöne, moderne und vor Dynamik geradezu zitternde Stadt.

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Quelle: www.marcopolo.de