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Reiseführer Languedoc-Roussillon:Stichworte

Okzitanisch ist das Erbe, katalanisch die Identität: Notizen zu Sprache und Kultur, Traditionen und Natur

Canal du Midi

Jean-Paul Riquet, ein Ingenieur aus Béziers, verlor im 17. Jh. sein ganzes Vermögen. Der Nachwelt aber hat er mit dem Canal du Midi ein Werk hinterlassen, das zwar nie seinen wirtschaftlichen Zweck erfüllt hat, aber für Einheimische und Touristen zur Attraktion geworden ist. 338 Bauwerke, Tunnel, Schleusen, Brücken oder Ausgleichsbecken sind zwischen 1666 und 1681 von Sète am Étang du Thau bis nach Toulouse von 12000 Arbeitern angelegt worden. Zusammen mit dem Garonne-Seitenkanal verbindet der Canal du Midi den Atlantik mit dem Mittelmeer. Gesäumt wird er von Platanen, die im heißen Sommer des Südens Schatten spenden. Die Wasserstraße ist nicht nur ein Paradies für Hausboote, sondern mittlerweile auch für Fußgänger oder Radfahrer, die den chemin de halage erobert haben, den Treidelpfad, auf dem damals am Ufer Pferde die Schiffe zogen. Überall gibt es im Sommer die guinguettes, die kleinen, sympathischen Gastwirtschaften, die selbst die eiligsten Kapitäne zu Pausen verführen.

Causses

Als Causses werden die fast menschenleeren, endlosen Hochflächen aus Kalkfels bezeichnet, die sich nordwestlich an die Cevennen anschließen: Causse Méjean, Causse de Sauveterre, Causse Noir und Causse du Larzac. Es ist eine Welt für sich, von grandioser Einsamkeit, dabei keineswegs so abweisend, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. In die bis 1000 m hohen Causses haben Flüsse im Lauf der Jahrtausende tiefe Schluchten gegraben: Gorges du Tarn, Gorges de la Jonte, Gorges de la Dourbie. Sie sind ebenso beeindruckend wie die zahlreichen Grotten der Region, z. B. Grotte de Dargilan, Aven Armand und Abîme de Bramabiau.

Corrida

Stierkämpfe gibt es im Amphitheater von Nîmes und in Carcassonne - sehr zum Ärger von Tierschutzverbänden. Die Gegner der blutigen Show schlagen vor der in der dritten Augustwoche stattfindenden corrida in Carcassonne und Umgebung Hunderte von Plakaten an, die unter der Überschrift Corrida - la Honte ("Corrida - eine Schande") ein Ende der "perversen Spektakel" fordern. 2012 hat der französische Staatsrat einen neuen Vorstoß der Tierschützer abgeblockt und die corrida als verfassungskonform beurteilt. Die Stierkampffans in Nîmes, Béziers, Carcassonne, aber auch in kleinen Städten wie Céret atmen auf.

Garrigue

Die garrigue entspricht dem maquis oder der macchia in anderen Mittelmeergebieten, wächst aber im Gegensatz zu jenen auf Kalkböden. Es ist die typische Vegetation des Bas-Languedoc, von der Küstenzone bis zu den Cevennen, sowie der Corbières und des pays cathare. Lavendel, Thymian und immergrüne Steineichen bilden die überwiegend buschartige, in der Sonne des Midi stark duftende garrigue.

Katalanisch

Die Grenze mit Spanien ist zwar mit dem Pyrenäenfrieden 1659 zugunsten Frankreichs verschoben worden. Im Roussillon, einst Teil von Katalonien, ist die katalanische Tradition aber weiterhin zu spüren. Sie prägt die kulturelle Identität, etwa ein Drittel der Bevölkerung spricht noch Katalan im Alltag. Die katalanische Literatur wird weiter gepflegt. Das Gleiche gilt für Volksbräuche, die hier weit mehr als nur touristische Folklore sind: die sardane etwa, ein streng choreografischer Volkstanz, begleitet von der cobla, dem Orchester, oder die passejada, ein abendlicher Korso der Jugend in den Straßen der Städte des Roussillon.

Katharer

Pays cathare, Katharerland, ist das Languedoc-Roussillon bis heute, obwohl dieser religiösen Sekte nur ein relativ kurzes Leben beschieden war. Ihre Lehre ("Katharer" leitet sich vom Griechischen "die Reinen" ab) gründete auf den Worten eines Jüngers von Zarathustra, der im Persien des 3. Jhs. lebte: Während die geistige Welt des Lichts und der Schönheit Gottes Reich ist, herrscht Satan in der materiellen Welt. Im 12. Jh. fasste der Katharismus im Languedoc Fuß und wurde zu einem ernsthaften Konkurrenten für die katholische Kirche. Da die Katharer die Welt als Werk des Teufels ansahen, lehnten sie die Sakramente der katholischen Kirche, Jesus als den Erlöser und die Heiligen ab. Sie hatten eigene Bischöfe und Diakone und unterschieden sich in Eingeweihte, sogenannte parfaits oder bonshommes, und normale Anhänger, croyants. Da sie zuerst in der Stadt Albi hervortraten, nannte man die Katharer auch Albigenser. Die katholische Kirche sah ihre Vorherrschaft bedroht und 1208 rief der Papst zum Kreuzzug gegen die "Ketzer" auf. Mit beispielloser Grausamkeit wurden sie verfolgt und getötet. Bei der Einnahme von Béziers gab es kein Pardon: "Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen erkennen", rief der Kirchenmann Arnaud Amaury aus. Der Vormarsch der Kreuzzügler unter Führung des grausamen Simon de Montfort wurde mehr und mehr zum Eroberungskrieg. Mit dem Fall der Katharerburgen Montségur 1244 und Quéribus 1255 war jeder Widerstand gebrochen. Es folgte die finstere Zeit der Inquisition, viele Katharer flohen ins Ausland.

Langue d'Oc

Die Sprache, die der Region ihren Namen gegeben hat, entstand aus dem Umgangslatein und dem gallischen Sprachfundus. Der Langue d'Oc steht die Langue d'Oïl gegenüber, unterschieden durch die harte oder weiche Aussprache des "oui". Die Grenze zwischen den Sprachbereichen verlief nördlich des Massif Central. Im Mittelalter, mit den Troubadours, erlebte die Langue d'Oc, das Okzitanische, eine Blüte. Es hat in mehreren großen Dialekten in Südfrankreich überlebt. Ähnlich wie das katalanische Erbe im Roussillon ist auch das Okzitanische noch heute lebendig - rund 10 Mio. Menschen im Süden Frankreichs sprechen oder verstehen zumindest die alte Sprache.

Malerei

Das Roussillon hat in der Malerei der Moderne eine bedeutende Rolle gespielt. In Collioure wurde mit Henri Matisse und André Derain 1905 der Fauvismus, die Malerei der fauves, der "Wilden", geboren; in Céret weilten von 1911 bis 1913 Pablo Picasso und Georges Braque und machten das Städtchen zu einem Mekka des Kubismus, in das im Lauf der Jahre viele große Künstler pilgerten. Unter ihnen war auch Aristide Maillol, 1861 in Banyuls-sur-Mer geboren und dort 1944 auch gestorben. Der Künstler, der bei seinen Kollegen als "Cézanne der Bildhauer" galt, schuf für Céret ein in ganz Frankreich einmaliges Kriegerdenkmal: Es stellt keinen Soldaten dar, sondern eine trauernde Frau.

Pavillon Bleu

Die Erschließung der Küsten für den Tourismus brachte eine erhebliche Umweltbelastung mit sich. Um sie im Rahmen zu halten, wurde 1985 die Aktion Pavillon Bleu d'Europe ("Blaue Flagge") ins Leben gerufen. Badeorte, die das begehrte Label erhalten wollen, müssen dafür sorgen, dass die Strände und das Wasser sauber sind, die Küste nicht wild zugebaut und der Müll vorschriftsmäßig entsorgt wird. Im Languedoc-Roussillon haben zuletzt insgesamt 28 Kommunen das Siegel bekommen und die Region damit zum Spitzenreiter in Frankreich gemacht. Die Blaue Flagge weht dabei nicht nur am Meer, sondern auch an Seen wie dem Lac du Salagou bei Clermont l'Hérault oder am Lac de Villefort in der Lozère.

Romanische Kunst

Abgesehen von den oberen Cevennen stößt man überall im Languedoc-Roussillon auf romanische Kirchen, Kapellen und Abteien, die oft mit wertvollen Kunstwerken - figurenreichen Kapitellen, Tympana, Kreuzgängen, Fresken oder Schmiedearbeiten - geschmückt sind. Die Romanik kam erst verhältnismäßig spät, zu Beginn des 11. Jhs., von der Lombardei ins Languedoc. Im Roussillon entwickelte sich ein sehr einheitlicher, origineller Stil, dessen reich verziertes, florales Rankenwerk mit menschlichen Figuren und phantastischen Tieren auf orientalische Wurzeln weist.

Sonnenenergie

Mit mindestens 2400 Sonnenstunden im Jahr sind die Pyrenäen der ideale Standort für Sonnenenergie in Frankreich. Der Chemiker Félix Trombe baute schon 1949 seinen ersten Sonnenofen in Mont-Louis, der zwar heute noch funktioniert, aber nur in bescheidenem Ausmaß Keramiken emailliert oder Bronzebarren herstellt. Ein paar Kilometer weiter hat Trombe dann 1969 den viel größeren Versuchssonnenofen in Odeillo eingeweiht, der heute Forschungszentrum für französische Wissenschaftler ist.

Den Schritt zum ersten Sonnenkraftwerk der Welt hat Frankreich 1983 mit der Thémis-Anlage in Targassonne mit ihrem über 100 m hohen Turm gewagt. Die erneuerbare Energie wurde aber schon 1986 auf dem Altar der Atomindustrie geopfert. Seit 2003 ist das Departement Pyrénées-Orientales dabei, das Kraftwerk auf knapp 1700 m Höhe wieder in Betrieb zu nehmen. Das Modell hat in der Vergangenheit durchaus Schule gemacht: In Spanien oder in den USA wird Sonnenenergie nach dem Thémis-Modell erzeugt.

Stevenson, Robert Louis

Der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson ist mit seiner "Schatzinsel" und der Geschichte von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" weltberühmt geworden. Seine literarische Karriere hat der Autor allerdings mit einem Esel begonnen. Weil seine damalige Geliebte und spätere Frau Fanny Osbourne nach Amerika reiste, um ihre Scheidung einzureichen, wollte Stevenson in der Einsamkeit des französischen Zentralmassivs zu sich kommen. Als Gefährtin auf seiner Wanderung von Le Puy-en-Velay nach nach St-Jean-du-Gard wählte er die Eselin Modestine. Sie brachte ihn in den zwei Wanderwochen zur Verzweiflung, verschaffte ihm aber das Material für sein Buch "Reise mit einem Esel durch die Cevennen". Die 220 km lange Strecke, die im Languedoc-Roussillon von Langogne über Le Bleymard, den Col de Finiels über Le Pont-de-Montvert und Florac nach Alès führt, ist heute als Wanderweg GR70 mustergültig ausgeschildert (www.chemin-stevenson.org).

Tramontane und Éoliennes

Wie im Rhônetal der Mistral, bläst von den Pyrenäen der kalte Tramontane über das Roussillon - in der Region um Perpignan durchschnittlich an 192 Tagen im Jahr. Er sorgt für frische Luft, kühlt aber oft auch das Mittelmeer ab. Dank des Tramontane hat sich das Languedoc-Roussillon zu einer Hochburg für Windenergie entwickelt. Die in mehreren Windparks gruppierten éoliennes (Windmühlen) produzieren fast die Hälfte der Windenergie in Frankreich.

Via Domitia

Die Via Domitia, erbaut um 118 v. Chr. vom Prokonsul der Provinz Gallia Narbonensis, Gnaeus Domitius Ahenobarbus, war eine der Hauptschlagadern des Römischen Reichs. Als Militärstraße konzipiert, wurde sie schnell auch ein wichtiger Handelsweg zwischen Rhône und Pyrenäen. Befestigte Militärlager, Häfen und Städte wurden entlang der Straße erbaut. Die heutige Autobahn nach Spanien folgt auf mehreren Abschnitten fast exakt dem Verlauf der Via Domitia. In Narbonne ist vor dem Rathaus ein Teil der alten Römerstraße freigelegt. Das Comité Régional de Tourisme gibt eine detaillierte Wegbeschreibung heraus.

Vide-Grenier

Unter diesem Motto, das "Dachboden leeren" bedeutet, laden vor allem im Sommer zahlreiche Dörfer zu Flohmärkten ein. Die Bewohner verkaufen alte Möbel, Kleider, ausgemusterte Haushaltsgeräte und Trödel aller Art. Meist ist auch für geselliges Zusammensein gesorgt: Die Märkte werden oft von örtlichen Sportvereinen organisiert, die mit dem Verkauf von Paella, Cassoulet oder Grillwürstchen ihre Kasse aufbessern.

Wein

Mit fast einem Drittel der Gesamtrebfläche ist das Languedoc Frankreichs größte Weinregion. Der Ruf, hauptsächlich billige Massenware zu produzieren, gehört für das Languedoc-Roussillon der Vergangenheit an. Seit den Achtzigerjahren wurde mehreren Weinbaugebieten im Languedoc und im Roussillon der AOC-Status (Appellation d'Origine Contrôlée) zuerkannt. Die Region erzeugt mit jährlich rund 300000 hl 40 Prozent des französischen Weins und 98 Prozent der vins doux naturels: Muscatweine, der Wermut Noilly Prat sowie Banyuls, Maury und Rivesaltes - portweinähnliche, zumeist rote Likörweine.

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Peter Bausch hat seit über 35 Jahren seinen zweiten Wohnsitz in Südfrankreich. Der Journalist, der acht Monate im Jahr in der Redaktion der Sindelfinger Zeitung arbeitet, ist regelmäßig im Languedoc-Roussillon unterwegs. Der Schwabe schätzt die mediterrane Küche, die Weine, die grandiosen Landschaften und die Gastfreundschaft der Menschen zwischen einsamen Hochebenen und quirligen Städten.

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Quelle: www.marcopolo.de