bedeckt München 23°

Reiseführer Japan:Auftakt

Entdecken Sie Japan!

Womit haben die Japaner ihre Götter erzürnt, dass diese gleich drei Katastrophen auf einmal über ihre harmonische Welt hereinbrechen ließen? Am 11. März 2011 erbebte im Nordosten die Erde mit nie zuvor gemessener Stärke, nur Minuten danach überrollte ein Tsunami die Küste, und Tage später drohte ein nukleares Desaster. Mit Ausnahme der fast völlig zerstörten Region um Fukushima hat sich die leidgeprüfte Nation inzwischen erstaunlich schnell erholt. Die Radioaktivität liegt wieder unter dem Weltdurchschnitt, Reisen und Essen sind sicher wie stets zuvor. Die Wolkenkratzer von Tokio oder Osaka und die tausendjährigen Tempel und Schreine von Kyoto haben dem Megabeben standgehalten. Heute können Sie wieder bedenkenlos in alle Landesteile fahren, auch die Menschen im Nordosten freuen sich über Ihren Besuch.

Wer nach Japan reist, sucht das Besondere in der Exotik, der Technik, dem Essen und der Tradition. Er will erleben, wie eine ganze Nation im kollektiven Glücksrausch der Kirschblüte versinkt und wie die spätherbstliche Laubfärbung Tempel und Gärten in farbentrunkene Gemälde verwandelt. Wer den weiten Weg fliegt, will in heißen Quellen entspannen, frischesten Rohfisch genießen, mit dem Shinkasen - dem pünktlichsten Zug der Welt - reisen, in stilvollen Gärten die Symbiose von Architektur, Natur und Mensch empfinden und in lärmenden Hightechvierteln die Zukunft bestaunen. Der Besucher wird auf extrem höfliche Menschen treffen und sich wundern, wie sie auf engstem Raum in stiller Harmonie miteinander auskommen.

"Hier habe ich gefunden, was ich zu finden hoffte", vertraute Literaturnobelpreisträger Saul Bellow dem Gästebuch der Nobelherberge Tawara-ya in Kyoto an: "menschliches Maß, Ruhe und Schönheit." Aber Japan ist auch hässlich. Warum hat man die meisten der über 26500 km Küsten allein auf den vier Hauptinseln Honshu, Hokkaido, Kyushu und Shikoku so zubetoniert? Warum ziehen sich Strom- und Telefonleitungen wie ein wirres Spinnennetz über die Straßen? Warum grenzen traumhafte Tempel an abstoßende Betonburgen? Warum drängt sich das Leben auf engstem Raum in wild gewachsenen Großstädten, obwohl das Land doch mit 378000 km2 größer ist als Deutschland?

Die Antwort ist so einfach wie unbefriedigend: Japaner sind angepasst. Sie haben gelernt, unangenehme Realitäten einfach zu übersehen. Sie verstehen es, sich an der kleinen Blume zu erfreuen, auch wenn sie aus einer Betonritze der Hochstraße vor ihrem Fenster sprießt. Japaner sind nett. Nur selten finden ausländische Gäste Grund, sich über eine Unhöflichkeit der Einheimischen beschweren. Japan benimmt sich gegenüber zahlenden Touristen immer zuvorkommend. Es gilt das Prinzip: Seien Sie herzlich willkommen, aber bitte befolgen Sie unsere Regeln. Das gilt besonders, wenn der Reisende direkt in die Welt der Söhne und Töchter Nippons eindringt, sei es in die heiße Onsen-Quelle oder in das schuhfreie Restaurant. Selbst moderne Japaner sind überzeugt, dass die Gaijin - also Ausländer - sie nie völlig verstehen können. Für die Kulturunterschiede braucht man Fingerspitzengefühl. Wollen Sie ein besseres Hotelzimmer zum selben Preis? Erwarten Sie besser nicht, dass die Reiseleiterin oder der Rezeptionist etwas, das nicht ohnehin vorgesehen ist, spontan zu Ihren Gunsten entscheidet. Man trägt das Anliegen bestenfalls weiter. In Japan werden selbst kleine Details im kollektiven Konsens entschieden, und äußerst selten lässt sich der wirkliche Entscheidungsträger ausmachen.

Die fernöstliche Insellage und wahrscheinlich noch mehr die lange politische Isolation haben eine relativ homogene Mentalität hervorgebracht, eine fast störungsfrei gewachsene Gesellschaftsstruktur, eine spürbare Nationalgeschichte und eine hochverfeinerte Kultur. Und dennoch ist Japan multikulti. Niemand mag mit Bestimmtheit zu sagen, woher diese Nation stammt, aus China, Korea, Sibirien oder Polynesien? Beinahe nichts, worauf Japan heute in Kunst und Kultur mit Recht stolz ist - die komplizierten Schriftzeichen, das feine Porzellan, der edle Lack oder der noble Kimono -, wäre denkbar ohne fremde Einflüsse.

Wenigstens in der Statistik ist Japan mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit reich. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt hat mehr als zwei Dekaden Krise hinter sich, aber nirgendwo sind einfache Büroangestellte so gut und teuer angezogen wie in Tokio, tragen Ladenmädchen Schuhe und Taschen von Luxusmarken aus aller Welt. Die Restaurants sind gut gefüllt, selbst wenn aberwitzige Preise verlangt werden. Und doch gibt es mehr oder minder verstecktes Elend. Am späten Abend betten sich im Bahnhof Shinjuku ganze Heerscharen von obdachlosen, schmutzigen, betrunkenen, kranken Männern in Verpackungskartons zum Schlaf.

Nach dem 11. März 2011 jedoch scheint nichts mehr so zu sein oder zu werden, wie es war. Äußerlich läuft längst vieles wieder normal, aber in den Familien, in den Firmen und am Finanzmarkt beherrscht die Gefahr noch immer Denken und Diskussionen. Keiner, der sie miterlebt hat, kann die Jahrhundertkatastrophe vergessen, die Killerwelle am Pazifik, den nuklearen Super-Gau, an dem die fernöstliche Industriemacht so millimeterscharf vorbei geschrammt ist. Dieses dramatische Kapitel ist zwar noch nicht Geschichte, aber aus dem Alltagsleben der übrigen Nation weitgehend ausgeblendet. Nach dem Schock von Fukushima schlägt das Entsetzen erst allmählich in Nachdenken um. Glaubensgrundsätze und Maßstäbe müssen überdacht werden. Was ist lebenswert? Der Sechzehnstundentag, die Fabrik als Familienersatz? Die Regierung hat immer Recht? Und nicht zuletzt: Atomkraft ist sicher und macht uns stark? Nippons technikgläubige Söhne und Töchter sind tief verunsichert, stellen ihr Dasein und die dahinterstehende Lebensphilosophie infrage. Selbst in diesem auf Harmonie bedachten Land werden Kritik und Zweifel auf einmal massiv geäußert. Eine Reise nach Japan stellt kein besonderes Risiko dar. Es gibt außerhalb des kollabierten Atommeilers Fukushima keine Sperrzonen, in denen Sie radioaktive Verseuchung befürchten müssen. Die Lebensmittel aus der Nachbarschaft werden strengstens kontrolliert, wenn sie nicht ohnehin aus den Geschäften und Restaurants verschwunden sind. Das Warnsystem für Erdbeben und Tsunami wurde weiter verbessert.

Reisen in Japan ist leichter, als das 3000 Kilometer lange Archipel vermuten lässt. Ein dichtes Netz von Fluglinien und Expresszügen führt bequem zu allem, was das Land an Sehenswertem bietet. Das eher subtropische Klima ist bisweilen schwierig, aber berechenbar. Nie sollten Sie im klebrigen Juli oder August kommen. Am schönsten ist es zur Kirschblüte zwischen März und April und zur Laubfärbung Ende November.Die japanische Sprache und die Schriftsysteme sind zwar eine Herausforderung, aber dies lässt sich mit ausreichend englischen Kenntnissen umschiffen. Zumindest in den Ballungszentren sind viele Hinweisschilder übersetzt. Im Zweifel können Sie sich auch über Gesten und Fingerzeige verständigen. Man wird Ihnen stets gern weiterhelfen. Trauen Sie sich diese Reise: Das Inselreich im Fernen Osten wird auch Sie faszinieren!

Weiter zu Kapitel 2

Wer mehr als 25 Jahre in Japan lebt und arbeitet, muss dieses Land, seine Menschen, ihre Mentalität und Kultur einfach mögen. Das Fremde ist längst vertraut geworden, auch weil beide Journalisten täglich ihr Gastland beobachten und sensibel werden für das Besondere und für Veränderungen. Das Neue zu suchen, macht ihren Job als Korrespondenten deutschsprachiger Medien so spannend.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite