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Reiseführer Italien:Stichworte

Slow Food, Mafia und Heilige: Notizen zu Kultur, zum Alltag und zur Politik in einem facettenreichen Land

Amore

Längst hat der Latin Lover Glanz eingebüßt, und der kosmopolitischen Jugend an den italienischen Stränden ringt er allenfalls ein Grinsen ab. Vielleicht war die ganze Sache auch nur eine Wunschvorstellung, der die Italiener selbst und alle anderen liebend gern auf den Leim gegangen sind. Dabei ist es ein italienisches Mädchen, dem seit Jahrhunderten die romantischen Liebesphantasien aus aller Welt gelten: die tragische Liebesheldin Julia, Romeos Geliebte aus Verona - heute auch im Internet zu erreichen: www.julietclub.com, mit einem alljährlichen Preis für den schönsten Liebesbrief. Ganz im Zeichen der Liebe steht auch der hochromantische Aufenthalt in Verona zum Valentinstag: www.veronainlove.it. Vielleicht liegt es ja an der italienischen Sprache, in der es sich so schön schmachten lässt. So sind auch die besten Troubadoure immer noch Italiener: der melancholische Paolo Conte für die Damen und der knackige Eros Ramazzotti für die Mädchen.

Autos und Motorräder

Die schnelle Fortbewegung entspricht dem Temperament der Italiener, nur sie konnten ein so schnittiges Auto wie den feuerroten Ferrari aus Modena erfinden. Motorradfans schwören auf die italienische Kultmarke Ducati aus Bologna und kleine Mädchen auf den unschlagbaren Rennfahrer Valentino Rossi. Und wie rasende Schwärme flitzen die Vespafahrer durch die engen Gassen der italienischen Städte. Trotz hoher Autobahngebühren und Verkehrschaos in den Städten macht den Italienern Autofahren immer noch Spaß, spritzig und wendig tun sie es, aber auch ungeduldig und aggressiv. Das schüchtert fremde Autofahrer zunächst ein. Da heißt es dann: hinein in den Strom und auf die Reaktionsschnelligkeit der anderen vertrauen. Der Spaß ist längst an seine Grenzen gestoßen, denn die einst für Italien typische Unfallstatistik - viel Blechschaden und wenig Verkehrstote - stimmt so nicht mehr. Wegen Smog machen die großen Städte immer öfter ihre Zentren dicht, auch für Autos von Touristen. Dagegen kann man heute in so gut wie allen Stadtzentren des Landes Fahrräder ausleihen, meist in Bahnhofsnähe. Umweltbewusstsein nimmt also im italienischen Straßenverkehr Fahrt auf; auch das Autofahren mit schadstoffarmem Flüssiggas ist sehr verbreitet, Carsharing ist kein Fremdwort mehr, und Taxiunternehmen setzen auf das Hybridauto Prius.

Bar

Die Bar öffnet in aller Herrgottsfrühe mit dem Duft frischer cornetti (Hörnchen) und cappuccini. Im Lauf des Tages schauen Hausfrauen, Schulkinder, Arbeiter, Angestellte, Passanten herein. Am Nachmittag planen die Jugendlichen hier ihr abendliches Vergnügungsprogramm, und die Alten spielen endlos Karten. Dann schlägt die Stunde des Aperitifs, in den Städten ein Höhepunkt des Tages. Auf den Dörfern kehren die Männer nach dem Abendessen zum letzten Plausch zurück. Im Sommer beobachtet man vor der Bar das Treiben auf der Piazza. Mal nüchtern bis schäbig, mal kitschig aufgemotzt, immer häufiger richtig schick, ist die Bar das zweite Zuhause der Italiener und auch jedem Fremden ganz unverbindlich zugänglich.

Familie

Es gibt sie noch, die italienische Familie. Sie lebt aber nicht mehr als großer patriarchalischer Generationenbund unter einem Dach, sondern hat sich in Single- und Kleinfamilienhaushalte aufgelöst. Hinzu kommt der im einstmals so kinderfreundlichen Italien verblüffende Geburtenrückgang, mit statistisch kaum mehr als einem Kind pro Familie ein europäischer Minusrekord. Heute helfen die Einwanderer aus Afrika, Asien und Osteuropa, dass Italien nicht völlig überaltert. Die Familie existiert aber nach wie vor als Verbund gegenseitiger Hilfe bei Arbeitslosigkeit, Arbeitsbeschaffung und Wohnungsnot, bei der Altenbetreuung und fehlenden Kindergartenplätzen. In der Verwandtschaft findet man auch Handwerker, den Arzt, den Anwalt und einen günstigen Pelzmantel. Das mag zum Teil erklären, warum viele Italiener bei den hohen Preisen und oft niedrigen Löhnen über ihre Verhältnisse leben können - und weshalb viele Jugendliche sich den Auszug in eine eigene Wohnung kaum leisten können.

Giotto

Unter den vielen Künstlergenies, die Italien hervorgebracht hat, gebührt dem Maler und Baumeister Giotto di Bondone (1266-1337), Sohn eines Bauern aus einem Dorf bei Florenz, ein besonderer Platz. In der Zeit mächtiger Städte wie im Florenz des 13./14. Jhs. entwickelt Giotto einen neuen Malstil, fern vom Schematischen der byzantinischen Kunst des Mittelalters: Perspektive, farbliche Nuancierung, Bewegung, menschliche Charakterisierung - kurz: Realismus. Seine Malerei wird damit zum Ausgangspunkt für die Entwicklung einer typisch italienischen Maltradition, die aus dem "internationalen" Mittelalter herausführt. In den Uffizien in Florenz kann man sehr schön dieses Neue sehen, beim Vergleich der "Maestà" des Giotto mit der des Cimabue, des Lehrers Giottos und noch eine Generation älter. Hauptwerke Giottos sind die Fresken in der Cappella degli Scrovegni in Padua und die Fresken zum Leben des heiligen Franziskus in der Oberkirche von Assisi.

Heilige

Italien ist zu über 90 Prozent römisch-katholisch. Und mitten in seiner Hauptstadt lebt der Papst, oberster Hirte der Katholiken, in seinem Kleinstaat, dem Vatikan. Vor allem im Süden nehmen die Priester nach wie vor erheblichen Einfluss auf Politik und Wahlen. Derweil hält man sich im Volk an die Heerschar der unzähligen Heiligen in der Hoffnung auf ihren Beistand im Lebenskampf. Etwas ganz Besonderes ist Neapels Stadtheiliger San Gennaro: Im Mai und im September treffen sich die Gläubigen in seiner Kirche und beten so lange, bis sich sein Blut verflüssigt. Und Zulauf von Millionen Verehrern erhält der kürzlich heiliggesprochene Wunderheiler Padre Pio (1887-1968) in seinem Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo in Apulien.

Immigration

Den Italienern fällt es schwer, ihr Land als "gelobtes Land" für Einwanderer wahrzunehmen. Zu stark verwurzelt ist ihre Vorstellung, aus Italien könne man nur auswandern, um anderswo nach Chancen zu suchen. Tatsächlich emigrierten von 1876 bis 1976 sage und schreibe 24 Mio. Italiener in alle Welt. Doch wie jede große Industrienation ist das Land längst Ziel von Hoffnungssuchenden aus aller Welt geworden, wie übervolle Boote vor den süditalienischen Küsten immer wieder deutlich vor Augen führen: 7,5 Prozent der Bevölkerung Italiens stammt heute aus Rumänien, Albanien, aus Afrika, Pakistan, China. Ohne sie sind die Wirtschaft und das soziale Gefüge Italiens nicht mehr vorstellbar, die Einwanderer betreuen die Alten und Kinder Italiens, betreiben Tante-Emma-Läden und Marktstände, arbeiten in den Krankenhäusern, Trattoriaküchen, bei der Müllabfuhr. Die Fabriken des Nordens und die Tomatenfelder des Südens könnten ohne die afrikanischen Arbeiter dicht machen bzw. lägen brach.

Mafia

Allein in Italien erwirtschaftet die Mafia jährlich rund 100 Mia. Euro, vor allem mit Schutzgelderpressung, Subventionserschleichung, Drogen und neuerdings bei der Müllentsorgung. Dass sie längst über die Grenzen Italiens hinaus operiert, ist in Deutschland mit den Morden in Duisburg 2006 wieder einmal deutlich geworden. Immer wieder gibt es Fahndungserfolge bei einst "unberührbaren" Bossen, auch die Zivilgesellschaft bemüht sich: So macht die Bewegung Addiopizzo ("Tschüs Schutzgeld") in Sizilien auf auch für Touristen relevante Betriebe wie Restaurants und Hotels aufmerksam, die sich den Schutzgelderpressungen mutig entgegenstellen; in Kalabrien tritt die Bewegung Ammazzatecitutti ("Tötet uns alle") mit öffentlichen Aktionen für ein stärkeres Legalitätsbewusstsein ein. Unter dem Label Libera Terra werden Öl, Wein und Pasta verkauft, die heute biologisch auf ehemaligem, konfiziertem Mafialand angebaut und produziert werden (www.liberaterra.it). Dennoch: Nicht umsonst wird die Mafia piovra, Krake, genannt, der ständig neue Fangarme nachwachsen.

Musica italiana

So vielfältig das Land, so reich seine Musikszene. Aus dem Norden kommen unglaublich populäre Altrocker wie Vasco Rossi, Zucchero, Ligabue und Gianna Nannini. Genua steht für die Tradition der Liedermacher, die berühmtesten sind Gino Paoli und der verstorbene, aber nach wie vor kultig verehrte Fabrizio De André. Im Süden hat sich eine eigene Musikrichtung entwickelt, eine Mischung aus den Rhythmen der traditionellen Volksmusik - allen voran die pizzica taranta aus Apulien - und modernem Sound. Vorreiter waren Teresa De Sio und Edoardo Bennato, ihre jungen Erben sind Gruppen wie Sud Sound System. Und Jazz, Pop und neapolitanischen Dialekt mischt Pino Daniele. Wer nach den klassischen canzoni napolitane sucht, sollte sich Roberto Murolo anhören. Und in den italienischen Charts? Die jungen Italienerinnen und Italiener hören melodiösen Pop von Gruppen wie Subsonica, Le Vibrazioni und Negroamaro. Eigenwillige Popbarden sind Tiziano Ferro, Sergio Cammariere, Simone Cristicchi sowie - auf weiblicher Seite - Carmen Consoli, Laura Pausini, Giorgia und die junge Malika Ayane. Viele dieser Künstler kann man auf den zahlreichen sommerlichen Festivals und Piazza-Events im Land live erleben.

Slow Food

Ihre kulinarischen Traditionen sind den Italienern mindestens ebenso wichtig wie ihre kunsthistorischen Schätze. Das zeigt der Erfolg der 1986 ins Leben gerufenen Vereinigung, die mit ausgewiesenen Speiselokalen, in denen man sorgfältig zubereitete lokale Spezialitäten bekommt, mit Geschmackskampagnen und Gastronomiemärkten gegen den industriellen Massengeschmack anzukämpfen begann. Anfangs fast ein wenig belächelt, hat Slow Food heute längst unter Beweis gestellt, dass guter Geschmack und die bewusste Nahrungsauswahl aus der nahen Umgebung und von lokalen Produzenten eng verknüpft ist mit Naturschutz und sozialem Bewusstsein. Mittlerweile gibt es Slow-Food-Anhänger in über 130 Ländern (Infos zu Veranstaltungen, Märkten und Messen in Italien unter www.slowfood.it).

Sprachen

Italien ist ein Land der Sprachenvielfalt. Zum Italienischen und dessen Dialekten kommen zehn weitere eigenständige Sprachen: im Friaul und in den Dolomitentälern Ladinisch, Deutsch in Südtirol (hier gleichberechtigt neben dem Italienischen) und im Trentino. In einigen Dörfern in Sizilien und Süditalien wird Albanisch gesprochen, Erbe albanischer Siedler aus dem 14. Jh. In Apulien und Kalabrien haben sich in einigen Dörfern griechische Sprachreste erhalten. In den nordostitalienischen Grenzprovinzen von Triest, Görz und Udine spricht man Slowenisch, Serbokroatisch in einigen Dörfern im süditalienischen Molise. In Alghero auf Sardinien hat Katalanisch überlebt wie auch das Frankoprovenzalische in den nordwestlichen Regionen Aostatal und Piemont. Französisch ist sogar zweite Amtssprache im Aostatal. Und kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache ist das Sardische. Der heute noch hoch verehrte und viel zitierte Nationaldichter Dante Alighieri aus Florenz (1265-1321) legte mit seiner "Göttlichen Komödie" in 15000 Versen die Grundlage für das Hochitalienische. Im 20. Jh. haben Schule und Fernsehen dafür gesorgt, dass sich die vielsprachigen Italiener untereinander verstehen.

Wirtschaft

In der zweiten Hälfte des 20. Jhs. hat sich Italien von einem bäuerlichen Agrarland zu einer hoch entwickelten Industrienation gewandelt. Im Dienstleistungsbereich dominiert der Tourismus. Wichtige Industriezweige sind der Maschinenbau, die Verpackungsindustrie sowie die Nahrungsmittelherstellung, aber auch traditionelle Bereiche wie die Textil- und die Schuhindustrie sind bedeutend für Italiens Wirtschaft. Diese profitieren von den Impulsen der weltweit renommierten italienischen Modedesigner, aber auch von einer bislang erfolgreichen Struktur der italienischen Wirtschaft, für die hoch spezialisierte Klein- und Mittelbetriebe, oft in Familienhand, charakteristisch sind. Sie residieren hauptsächlich in Nord- und Mittelitalien und sind als flexible Zulieferer wichtige Stützpfeiler der wenigen Großbetriebe, auch diese oft in Familienhand - siehe Ferrero (Nutella, Kinder), Benetton, Barilla und Fiat. Es kriselt jedoch: Produktionsverlagerung in Billiglohnländer ist auch in Italien ein Thema, Bürokratisierung, Staatsverschuldung und Steuerlast drücken, es fehlt an Investitionen in Bildung und Forschung, entsprechend schlecht sind die Chancen für junge Leute: Ihr Anteil an der Gesamtarbeitslosenquote von 10 Prozent beträgt 36 Prozent. Auch hinkt der Süden trotz jahrzehntelanger Subventionen stark hinterher. Ein großes Problem: die verbreitete Schattenwirtschaft, die Schwarzarbeit. Doch zahlreiche Reformen wurden zuletzt Erfolg versprechend in die Wege geleitet.

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Bettina Dürr pendelt seit bald drei Jahrzehnten zwischen Bologna und Düsseldorf. Sie schreibt Reiseführer und übersetzt Kinder- und Jugendliteratur. Gelegentlich organisiert sie für kleine Gruppen Kurzreisen zu ausgewählten Themen. So kommt sie fast automatisch viel in Italien herum. Richtig Ferien machen kann sie kaum noch - eine Art Berufsdeformation.

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Quelle: www.marcopolo.de