Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Gardasee:Stichworte

Von Alpenveilchen bis Zugvögel: Notizen zu Inseln und Trüffeln, zur Sprache und zur Politik

Blaue Flagge

Immer wieder wurde am Gardasee freudig verkündet, welche Strände die Blaue Flagge ( www.blueflag.org ) verliehen bekamen. Zuletzt erhielt nur noch Sirmione diese Auszeichnung für besonders sauberes Wasser und weitere Kriterien, die für einen nachhaltigen Tourismus sprechen, wie etwa Abfallbehälter zur Mülltrennung und die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Blaue Flagge vergibt die FEE (Foundation for Environmental Education), eine Stiftung für Umwelterziehung. Aber in den letzten Jahren wurde auch Sirmione die Bandiera Blu nicht mehr verliehen. Somit gibt es nun keine Blaue Flagge mehr am Gardasee. Um die Wasserqualität europäischer Seen wieder zu steigern, wurde von der EU das Projekt Eulakes ins Leben gerufen, in das auch der Gardasee aufgenommen wurde. Ziele von Eulakes sind vor allem, die Uferverbauung einzudämmen, die Wasserqualität zu schützen und klimatische Veränderungen zu erforschen.

Fauna

Wasservögel mögen den See nicht besonders, zu wenig Uferraum wurde ihnen zum Brüten und Verstecken gelassen, einige Möwen- und Entenarten flattern aber umher und in jüngster Zeit auch wieder mehr Schwäne. Außerdem ziehen am Gardasee viele Zugvögel durch, was eine interessante Mischung von nordafrikanischen und nordeuropäischen Vögeln ergibt. Im Parco Alto Garda hat sich ein Goldadlerpärchen eingenistet, und auch Auerhähne sind dort zu beobachten. Ein echter Spezialist muss man sein, um die herrlichen Schmetterlinge auseinanderhalten zu können. 959 verschiedene Sorten wurden am See gezählt! Aber auch wer ihre Namen nicht kennt, wird sich an den bunten Faltern erfreuen können, wenn sie auf Lavendelbüschen sanft im Wind schaukeln. Urtümliche Lebewesen wie Feuersalamander und Smaragdeidechsen wird man vor allem beim Wandern entdecken – und vereinzelt auch die giftige Aspisviper und die Kreuzotter, festes Schuhwerk ist also angeraten! Sogar der Luchs ist zurückgekehrt an den Gardasee: In den Bergen oberhalb, im Parco Alto Garda, wurde das scheue Wildtier gesichtet.

Flora

Nutzpflanzen bestimmen das Bild des Sees. Am nordwestlichen Ufer stehen die erwähnten, heute leider aufgegebenen Zitronenhaine, im Osten und im Süden wechseln sich sanfte Weinhügel mit Olivenhainen ab. Ein Dorado für Botaniker ist der Monte Baldo, der auch Garten Europas genannt wird. Da sein Gipfelkamm während der Eiszeiten über die Gletscher hinausragte, konnten sich Pflanzen erhalten, die es sonst nirgends mehr gibt, so etwa die endemische Anemone baldensis. Etwas tiefer, im Schatten großer Steineichen und Buchen, wachsen wilde Alpenveilchen. Im Parco Alto Garda, der Hochebene von Tremosine, findet man die einzige insektenfressende Spezies des Gebiets, die Pinguicula alpina. Auch rare Feuerlilien und die Orchideenart Frauenschuh wachsen hier. Am Seeufer selbst spaziert man in mediterraner Blütenpracht. In Maderno reihen sich am Ufer Oleanderbäume auf, Mimosen und Kamelien wachsen in den parkähnlichen Gärten von Gardone Riviera, Magnolien beschatten die Uferstraße von Desenzano, und an der schönen Promenade von Salò sitzen Sie sogar unter Palmen. Ganz zu schweigen von den Rosen, die rund um den See an Spalieren die Hauswände emporklettern und ihre Blütenkelche Spaziergängern zuneigen.

Friedenspfad

Das Gebiet um den Gardasee war immer wieder Schauplatz erbitterter Kämpfe, nicht nur zu Zeiten der Scaligerherrschaft: Im Ersten Weltkrieg verlief durch das Trentino die Front zwischen Italien und Österreich. Auf über 300 Kilometern folgt ihr der „Sentiero della Pace“, gekennzeichnet mit einer weißen Taube. Für die gesamte Wanderstrecke braucht man etwa 30 Tage. Vom Adamellogebiet geht er Richtung Riva del Garda, weiter vom Monte Altissimo bei Nago bis nach Mori und hinunter nach Rovereto. Für diese Abschnitte ist keine Hochgebirgserfahrung notwendig, der südliche Teil zwischen Riva, Rovereto und Folgaria ist leicht begehbar. Überall trifft man auf Reste des Kriegs, auf Schützengräben und in Bergflanken gesprengte Wege, findet Relikte wie Patronenhülsen oder verrostetes Essgeschirr. Die landschaftlichen Eindrücke auf diesem Weitwanderweg sind oft spektakulär, doch bei jedem Schritt werden sensible Wanderer daran erinnert, auf welch fürchterlichen Pfaden sie hier unterwegs sind. Auf 150 000 bis 180 000 Tote auf beiden Seiten wird die Opferzahl des Gebirgskriegs zwischen 1915 und 1918 geschätzt. Rund zwei Drittel davon kamen durch Lawinen, Bergrutsche oder die Kälte zu Tode. Allein vom 10. bis zum 13. Dezember 1916 starben mehr als 10 000 Menschen. mp.marcopolo.de/gar20

Gardesana

Mancher Autofahrer hat schon geflucht: Nur 30 km, aber 74 Tunnel weit weg liegt Gargnano von Riva del Garda. In einigen der Tunnel geht es eng zu, zwei Campingbusse passen so gerade aneinander vorbei, und wenn dann noch ein Trupp Rennradler durchpedaliert ... Dabei zählt die Gardesana Occidentale am Westufer zu den Traumstraßen Italiens. Wo immer die Tunnelfenster und Galerien den Blick auf den See freigeben, ist diese Bezeichnung wirklich berechtigt. Gebaut wurde sie nicht aus touristischen Gründen, sondern um nach dem Ersten Weltkrieg das Nordufer des Sees, das von da an auch zu Italien gehörte, an den Süden anzubinden. Am gegenüberliegenden Ufer verläuft die etwas breitere, nicht ganz so spektakuläre Gardesana Orientale. Da die alten Straßen beim heutigen Verkehrsaufkommen oft völlig überlastet sind, werden im Sommer die beiden Uferstraßen für LKW gesperrt.

Inseln

Auch wenn der Gardasee keine so berühmten Inseln vorweisen kann wie Lago Maggiore oder Ortasee, gibt es doch ein paar kleinere Inselchen. Die größte liegt in der Nähe von Salò: die Isola del Garda ( www.isoladelgarda.com ) mit der Villa Borghese. Seit ein paar Jahren erst kann sie besucht werden (Informationen hierzu finden Sie bei den Ortsbeschreibungen von Garda und Salò). Etwa 2 km südlich davon, in der Bucht von Manerba und San Felice, liegt die Isola San Biagio mit ihrer Nebeninsel I Conigli (Kanincheninsel). San Biagio ist ein beliebtes Ausflugsziel – bei niedrigem Wasserstand kann man zu Fuß vom Festland aus hingehen, mit den Badeutensilien in der Hand. Die Isola Trimelone liegt vor Assenza zwischen Porto di Brenzone und Malcesine; sie ist militärisches Sperrgebiet und darf nicht betreten werden – bis jetzt jedenfalls. Die Insel war ein Munitionsdepot, zurzeit werden über 5000 Bomben verschiedenster Größe geräumt. Da die Insel so lange Sperrgebiet war, wurde sie eine Oase für Zugvögel. Derzeit ist nicht geklärt, ob sie nach der Beseitigung der Sprengkörper touristisch genutzt werden soll.

Kriegsgräber

Wer über Costermano bei Garda an den See fährt, kommt an einem nicht sehr auffälligen Schild vorbei: Cimitero Militare Tedesco – Deutscher Soldatenfriedhof. Der Friedhof wurde 1967 eingeweiht; hier liegen 21 951 Deutsche begraben, die während des Zweiten Weltkriegs in Norditalien gefallen sind. Zu großen Kontroversen kam es, als bekannt wurde, dass auf dem Friedhof nicht nur Opfer, sondern auch Täter liegen, so SS-Sturmbannführer Christian Wirth, der mehrere Konzentrationslager geleitet hat. Er hatte in der sogenannten Aktion Reinhardt eine leitende Funktion inne und war so für den Tod von 2 Mio. Juden und 50 000 Sinti und Roma mitverantwortlich. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland die Gräber, die nach geltendem Völkerrecht auf Dauer zu erhalten sind. Auf einer Informationstafel ist zu lesen: „Auf diesem Friedhof liegen auch die Gebeine von Personen, die für Kriegsverbrechen führend verantwortlich waren. Ihre Verbrechen sind uns eine ständige Mahnung.“

Monte-Baldo-Trüffel

Die Trüffel (italienisch tartufo) ist ein Schlauchpilz – was für ein schnöder Name für diese kulinarische Köstlichkeit! Die Pilze wachsen unterirdisch an den Wurzeln von Laubbäumen – auch am Monte Baldo. In San Zeno di Montagna findet jeden Oktober eine Trüffelwoche statt; in dieser Zeit bieten die Restaurants des Orts Trüffelgerichte an. Auch am westlichen Ufer, auf der Höhe von Tignale, wachsen Trüffeln. Früher ließ man Schweine nach Trüffeln suchen, die diese auch zuverlässig fanden, sie aber selber gerne fraßen. Heute richtet man Hunde darauf ab. Die Trüffelsuche ist gesetzlich geregelt, nur die tartufari dürfen mit ihren Hunden nach den teuren Knollen graben. Privates Trüffelsuchen wird als Wilderei geahndet! Achten Sie beim Kauf von Trüffeln darauf, dass sie fest und nicht wurmstichig sind. Eine frische Trüffel bewahrt man, locker in ein Geschirrtuch geschlagen, höchstens drei Tage im Kühlschrank auf. Am besten bereiten Sie sie aber schnell zu, das geht sogar auf dem einfachsten Campingkocher: Spiegel- oder Rühreier in die Pfanne schlagen und Trüffel dünn darüberhobeln – oder auch über Pasta oder Risotto. Es gibt über 100 verschiedene Trüffelsorten, von denen die schwarze Perigordtrüffel (tubermelanosporumvitt) am Gardasee am verbreitetsten ist. Aber auch die besonders edle weiße Trüffel kommmt vor. Letztere hat von Oktober bis Januar Saison, die schwarze von November bis März. Nicht ganz so kräftig im Aroma, aber dafür deutlich günstiger ist die Sommertrüffel tartufo d'estate.

Sprachen- und Nationenmix

Der Gardasee kann sich über Besuchermangel nicht beklagen. Unüberhörbar stellen die Deutschen mit knapp 60 Prozent den weitaus größten Anteil der Ausländer, 40 Prozent aller Urlauber am Gardasee – Italiener eingeschlossen – sind Deutsche. Sie reisen bevorzugt an das Nord- und das Ostufer von Riva bis Peschiera. Die Holländer lieben das West- und das Ostufer, die Engländer den Abschnitt von Salò bis Riva, und die Italiener fahren am liebsten in die Gegend um Gardone und Salò. Auch ohne ein Wort Italienisch kommen deutschsprachige Urlauber am Gardasee zurecht und bekommen ihr gewünschtes Abendessen. Auch holländische Besucher müssen sich nicht unbedingt mit Italienisch abmühen, viele Kellner sprechen auch diese Sprache – ganz zu schweigen von den vielen Gastarbeitern am See: Bayern als Surflehrer, Engländer als Discjockeys, Holländerinnen als Barmädchen. Auch die Dialekte werden noch von vielen jungen Leuten gepflegt. Vielleicht kann man nur noch in der Sprache eine Heimat finden, wenn die Gassen und Orte jahrein, jahraus von Fremden bevölkert sind.

Vergnügungsparks

Italiener lieben sie: riesige Ferienparks, wie sie in der Umgebung von Peschiera zu finden sind. Doch in den letzten Jahren gab es Kritik, vor allem nach dem Tod von zwei Delphinen in Gardaland. Während die Direktion von einem natürlichen Tod spricht, beschuldigte ein Dresseur die Leitung, die Tiere zu großem Stress auszusetzen. Der Beliebtheit des größten Vergnügungsparks in Italien hat das keinen Abbruch getan: Seit Jahrzehnten amüsiert man sich in Gardaland & Co., allein diesen größten der Vergnügungsparks besuchen jährlich über 3 Mio. Menschen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/tg.181676.119120
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Direkt aus dem dpa-Newskanal