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Reiseführer England:Auftakt

Entdecken Sie England!

Kennen Sie England aus Rosamunde-Pilcher-Erzählungen? Von den Fällen der Miss Marple? Aus James-Bond-Filmen, von Berichten über das Königshaus und ein bisschen auch aus Monty Pythons skurrilen Sketchen? Dann seien Sie gewarnt: England ist wirklich so - und doch mitunter ganz anders. Die einstige Weltmacht hat über Jahrhunderte von ihrer Insellage profitiert und sich dadurch vieles Historische bewahren können - inklusive mancher (aus heutiger kontinentaleuropäischer Sicht) unüblicher Regel wie dem Linksverkehr oder Maßen wie Pint, Fuß oder Meile.

Und doch ist England ein Land, das sich ganz dem Fortschritt verschrieben hat. Hier wird geforscht, entwickelt und gebaut, was das Zeug hält. Einst hatte die industrielle Revolution hier ihren Ursprung. Auf der Insel entstand die erste Eisenbahn der Welt, hier ging die erste U-Bahn-Linie in Betrieb, deren Name "Metropolitan" (kurz: Metro) fortan weltweit namensgebend für dieses Transportmittel werden sollte. Hier entstanden bedeutende Schiffe, Fahrzeuge - aber auch wichtige Wirtschaftstheorien: Die Werke des Ökonomen John Maynard Keynes gehören heute zur Grundausbildung in jedem Wirtschaftsstudium. Und auch wenn Karl Marx den Großteil seiner Theorien nicht in seiner Zeit im englischen Exil verfasst haben soll - er liegt hier zumindest auf dem Highgate-Friedhof von London begraben.

Heute fußt die britische Wirtschaft freilich eher auf Dienstleistung, Tourismus und dem Bankenwesen - London ist einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Das beschert dem Alltag vor allem in den Großstädten eine ganz internationale Dynamik: In den alten Docks von London entstand schon vor Jahren für das Finanzwesen ein komplett neuer Stadtteil. Es hat sich ein ganz eigener Architekturstil entwickelt, der nicht nur - wie inzwischen in aller Welt - von viel Glas geprägt ist, sondern auch von Materialien aus unterschiedlichen Regionen Englands: Holz, Stahl, Schiefer und anderem Gestein. Dabei vermeidet man heute die Bausünden der Sechziger- und Siebzigerjahre - nicht alles wird einfach gedankenlos plattgemacht, um Neuem Platz zu schaffen. Vielmehr wird vieles erhalten, eher behutsam durch neue Gebäude ergänzt.

Engländer gehen nach wie vor gern in alte, rustikale Pubs - doch es entstehen am laufenden Band auch neue, moderne Restaurants. Sie sind es, die den lange Zeit als miserabel geltenden Ruf der britischen Küche endlich retten konnten: Allein in London etwa gibt es heute rund 50 Sternerestaurants. In jedem noch so kleinen Ort findet man inzwischen einen Koch, dessen Rezepte an Menüs britischer Starköche wie Jamie Oliver oder Gordon Ramsey erinnern.

Auch dem englischen Wetter haftet ein ähnlich zweifelhafter Ruf an wie der Küche - und dies ebenfalls zu Unrecht. Sicher, die Britischen Inseln sind kein Garant für 14 Tage durchgängigen Sonnenschein; genauso wenig wie dies im übrigen West- und Mitteleuropa der Fall ist. Doch eines ist bewiesen: Das Wetter in England ist moderat, angenehm. Es wird nie richtig kalt und nie richtig heiß. Selbst zwischen eventuellen Regenschauern scheint immer wieder die Sonne. Außerdem ist das Klima ideal für viele Pflanzen, selbst tropische. Das Land mit den bunten Blumen an Straßen und in den herrlichen Landschaftsgärten und Dörfern, die aussehen, als würde eine Gartenschau abgehalten, macht tatsächlich den Eindruck, als ob Heerscharen von Gartendesignern sich rund um die Uhr um das pflanzliche Wohl der Insel kümmern würden. Die Besichtigung von Gärten, ob Landschaftsparks oder intimere Blumengärten, gehört zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Engländer.

Auch Liebhaber von historischen Dampf- und Elektroloks haben in England ihre helle Freude. Für diejenigen, die sich (noch) nicht als Fans dieser Fahrzeuge definieren, sind die Dampfloks eine liebe Erinnerung an vergangene Zeiten. Besonders idyllisch ist eine Fahrt mit der North York Moors Railway, die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Meilen in der Stunde durch die Newtondale-Schlucht fährt. Kommt dabei der Gedanke auf, selbst aktiv zu werden, führt er direkt zum Fahrradfahren. Noch zur Jahrtausendwende war die Insel in dieser Beziehung eher verrufen. Es gab kaum Radwege, und die Kultur des Fahrradfahrens war fast verloren gegangen. Nach und nach aber wurde das National Cycle Network ausgebaut. Es entstanden Routen, auf denen man die schönsten Gebiete ganz oder weitgehend ohne Autoverkehr durchqueren kann.

Marketingstrategen arbeiten intensiv daran, England als modernes Land mit weltbekannten Designern, Künstlern und Architekten zu vermarkten. Mit Erfolg. Prestigeträchtige Neubauten zeigen die Modernität englischer Städte. In Newcastle beeindrucken am südlichen Tyne-Ufer die kühne Millennium Bridge und The Sage, ein von Sir Norman Foster entworfener Komplex mit Konzerthallen. Im Hafengebiet von Manchester entstand das Imperial War Museum North. Hier bildet ein aufregendes Werk des Stararchitekten Daniel Libeskind den Rahmen für einen kritischen Blick auf das Thema "Mensch und Krieg". In Birmingham wurde ein desolates Einkaufsviertel in der Stadtmitte erneuert und unter dem Beifall der Architekturkritiker eröffnet. Und auch im täglichen Leben ist vieles moderner, ja europäischer geworden. Selbst die Königin bemüht sich um Volksnähe und zahlt inzwischen sogar Steuern. Ihr Sohn Charles durfte 2005 endlich seine langjährige Geliebte Camilla heiraten.

Dennoch ist die Geschichte des Lands ständig präsent. Vielerorts stößt man auf Spuren von Römern, Wikingern und Normannen. Im äußersten Norden Englands erstrecken sich die eindrucksvollen Überreste des größten römischen Monuments auf britischem Boden: der Hadrian's Wall. Das südliche Bath, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, ist vor allem für seine Thermalquellen aus der keltisch-römischen Zeit berühmt. Doch in noch stärkerem Maße spricht aufmerksame Reisende das Unerwartete an, die kleinen Begebenheiten, die Geschichte lebendig werden lassen. Etwa im Lord Nelson Pub in Burnham Thorpe ein Real Ale zu trinken und sich vorzustellen, dass genau hier Nelsons Abschiedsfest vor der großen Schlacht von Trafalgar stattgefunden hat. Solche Begegnungen mit der Vergangenheit sind in England keine Seltenheit und wecken die Entdeckerfreude ebenso wie der Besuch von aus Büchern und Filmen bekannten Schauplätzen. Dazu gehören z. B. die Kathedrale in Gloucester oder der Bahnhof in Goathland, die im ersten Harry-Potter-Film als Kulisse dienten, und natürlich die einzigartige Landschaft Cornwalls mit ihren schroffen Klippen und kleinen Fischerhäfen, die Sie vielleicht schon aus den Romanen Rosamunde Pilchers kennen ...

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Es muss irgendwo zwischen dem Ärmelkanal und dem ersten englischen Frühstück gewesen sein, als der Journalist noch zu Schulzeiten seine Vorliebe für die Britischen Inseln entdeckte. Inzwischen berichtet er seit fast 15 Jahren über Land und Leute, Politik und Sonderbares in Großbritannien und Irland. Zeitweise lebte er in Bristol, wo er auch heute noch regelmäßig anzutreffen ist.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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