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Reiseführer Dublin:Stichworte

What's the craic? Viel mehr als Klatsch und Tratsch über Kleeblätter, Schiedsrichter in Kitteln und König Georgs Lieblingstüren

Bloomsday

Am Morgen des 16. Juni 1904 zog der 38-jährige Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom die Tür seines Hauses in der Eccles Street Nr. 7 hinter sich zu. Er ging an Larry O'Rourkes Kneipe vorbei und kaufte in Dlugaczs Metzgerei eine Niere. Auf dem Weg kam ihm in den Sinn, dass es „ein ganz schönes Geduldspiel wäre, quer durch Dublin, ohne an einer Kneipe vorbei“. Seit 1954 probieren es die Joyce-Anhänger Jahr für Jahr, immer am 16. Juni, aus: Blooms achtzehn Meilen lange Odyssee durch die irische Hauptstadt, die James Joyce in seinem Jahrhundertwerk Ulysses beschrieben hat. Manche kommen zum Dubliner Bloomsday gar in edwardianischer Kleidung. Viele Stationen auf Blooms Weg durch Dublin sind noch erhalten, z. B. der Wehrturm von Sandycove. Joyce hatte dort fünf Tage lang mit dem Schriftsteller Oliver St. John Gogarty und dem Engländer Samuel Trench gelebt. Auch Sweny's Chemist Shop, wo Bloom ein Stück Zitronenseife kaufte, gibt es noch. „Drogisten ziehen selten um“, weissagte Bloom korrekt. Das gilt auch für die Toten auf dem Friedhof von Glasnevin, wohin der Romanheld mit drei anderen Trauergästen in einer Kutsche fährt. Außer den Straßen und Plätzen, die Bloom zwischen acht Uhr morgens und zwei Uhr nachts durchstreifte, existieren noch viele Läden und Wirtshäuser, die von den Joyce-Pilgern wie die Stationen eines Kreuzwegs aufgesucht werden können. Im Davy Byrne's nahm Bloom ein Gorgonzola-Sandwich und einen Burgunder zu sich. Dieses Gericht wird im Davy Byrne's noch immer serviert, aber eben nur am Bloomsday.

Craic

In Irland steht der Pub im Mittelpunkt des Lebens. Er ist viel mehr als nur ein Ort, an dem Bier getrunken wird. Denn hier pflegen die Iren zwei wichtige Elemente ihrer Kultur: Musik und Gespräche. Die Bedeutung der traditionellen Musik, die in Kneipen immer noch am besten gedeiht, ist bekannt. Fast noch wichtiger aber ist den Iren eine gute Unterhaltung, denn sie sind ein redegewandtes, witziges Volk. Ihr wortgewaltiges Talent heimst nicht nur Nobelpreise für Literatur ein – allabendlich kommt es auch am Tresen zur Geltung. Wo gelacht und geredet wird, dort fällt das Wort „craic“, das nur unzureichend mit „Spaß“ zu übersetzen ist. „What's the craic?“ bedeutet „Was ist los?“, „Was gibt's heute für Tratsch?“. Die Frage ist eine Aufforderung, etwas Unterhaltsames zu erzählen. Nach einem gelungenen Abend im Pub heißt es dann: „It was great craic!“ – „Wir hatten viel Spaß!“

Gaelic Football

Die traditionelle irische Sportart erinnert entfernt an Fußball. Auch hier geht es darum, das Leder im Netz unterzubringen, was drei Punkte einbringt. Dazu dürfen aber auch die Hände benutzt werden. Geht der Ball zwischen den verlängerten Pfosten über die Querlatte, zählt es einen Punkt. Torrichter in langen, weißen Kitteln wachen über die Flugbahn und signalisieren einen Punktgewinn mit Fähnchen. Für die Behandlung der Gegenspieler gibt es strenge Vorschriften, was unbedarfte Zuschauer kaum für möglich halten. Die gälischen Sportarten – neben Football gibt es Hurling, entfernter Verwandter des Hockey, jedoch wesentlich kampfbetonter – sind Ende des 19. Jhs. von der Gaelic Athletic Association (GAA) wiederbelebt worden, nachdem sie von den englischen Besatzern jahrhundertelang unterdrückt worden waren. Sport und Rebellion gehörten daher von Anfang an zusammen. Polizisten, Gefängniswärter und Soldaten durften nicht der GAA beitreten. GAA-Mitgliedern andererseits war es bis in die 1950er-Jahre verboten, sich „barbarische englische Sportarten“ wie Rugby, Fußball oder Kricket anzusehen, geschweige denn daran teilzunehmen. Heutzutage ist der Verband eine Säule der Gesellschaft, viele Spieler gehen nach Beendigung ihrer Laufbahn in die Politik. Jack Lynch, Hurling-Star aus Cork, hat es sogar bis zum Premierminister gebracht.

Der Besuch eines Gaelic-Football- oder Hurling-Matchs ist garantiert ein unvergessliches Erlebnis. Bis September spielen die Amateure der GAA-Liga oft im Stadion Croke Park im Dubliner Vorort Drumcondra.

Gälisch

Touristen in Dublin wundern sich oft, wie viele Busse nach „An Lár“ fahren. Dennoch spricht kein Mensch von diesem Ort – er ist nicht einmal auf dem Stadtplan verzeichnet. „An Lár“ ist das gälische bzw. irische – genau genommen ist Gälisch der Überbegriff für Irisch und Schottisch, wird aber landläufig als Synonym für Irisch gebraucht – Wort für „Stadtzentrum“. Und Irisch ist laut Verfassung von 1937 erste Landessprache – Englisch ist erst die zweite offizielle Sprache. Die Realität steht allerdings in krassem Gegensatz zu diesem Wunschdenken. Irisch gehört zu den keltischen Sprachen. Bis zum 16. Jh. konnte sie sich relativ ungehindert entwickeln. Erst Heinrich VIII. und seine Nachfolger versuchten, ihre aufsässigen irischen Untertanen zu befrieden, indem sie ihnen englische Gesetze und die englische Sprache aufzwangen. Nach der großen Hungersnot Mitte des 19. Jhs. war es verboten, in der Schule das irische Gälisch zu sprechen. Die Kinder mussten einen Holzstock um den Hals tragen, in den für jedes irische Wort, das sie sagten, eine Kerbe eingeritzt wurde. War am Ende der Woche eine bestimmte Anzahl Kerben überschritten, wurden die Eltern des Kindes mit Lohnabzügen bestraft. Erst im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung Ende des 19. Jhs. begannen zaghafte Wiederbelebungsversuche. Nach der Gründung des irischen Freistaats 1922 nahm sich die neue Regierung der Förderung der Sprache an. Gälisch wurde in den Schulen unterrichtet und es wurden „Gaeltachts“ – Gemeinden mit Irisch als Umgangssprache – gegründet. Steuererleichterungen und Zuschüsse beim Hausbau sollten die Ansiedlung dort schmackhaft machen. Sogar in Dublin wurden Häuserkomplexe für irisch sprechende Bewohner eingerichtet. Dennoch ist das irische Gälisch vom Aussterben bedroht. Übrigbleiben werden wohl die Toilettenschilder, die Touristen oft vor Probleme stellen: Wer nämlich unter Zeitdruck blitzschnell kombiniert, dass „Fir“ Frau und „Mná“ Mann heißt, geht unweigerlich durch die falsche Tür.

Georgian

„Georgian“ bezeichnet die Epoche von 1714–1830, in der vier aufeinander folgende britische Könige – allesamt aus dem deutschen Fürstenhaus von Hannover – Georg hießen. Als zweitwichtigste Stadt nach London im aufstrebenden britischen Handelsimperium blühte Dublin in dieser Zeit. Die Bevölkerung wuchs von 60 000 auf 224 000 Einwohner, und für die Wohlhabenden entstanden neue Stadtteile mit breiten Straßen, repräsentativen Plätzen und Wohnhäusern in einem eigenen klassizistischen Stil. Augenfälligstes Element jener georgianischen Architektur sind stets die Türen, die berühmten „Georgian Doorways“. Sie sind der dekorative Kontrast zu den schlichten Backsteinfassaden, die in der Regel nur durch kleine gusseiserne Balkone in Höhe der ersten Etage verziert sind. Die Türen dagegen verwöhnen das Auge mit vielen Details. Einfache oder doppelte Säulen rahmen sie. Über dem Türsturz gewähren halbrunde Fenster mit fächerförmiger Verzierung, die so genannten fan-lights, einen Blick auf die dahinter liegenden Stuckdecken. Die Türen selbst werden außen in allen kräftigen Farben lackiert, so dass man selten zwei gleiche auf einen Blick sieht. Auf Hochglanz polierte Messingelemente – Klopfer, Knäufe, Briefschlitze, Namensschilder und Beschläge – runden das edle Gesamtbild der Dublin Doors ab.

Guinness

Der Pub ist das verlängerte Wohnzimmer der Iren, und aus Wohnzimmern hat er sich auch entwickelt. Im Mittelalter brauten die meisten irischen Familien ihr eigenes Bier. Es sprach sich schnell herum, wer das beste Bier in der Nachbarschaft produzierte, und die Familien machten ein Geschäft daraus. Ein William Petty stellte 1682 fest, dass von den 6025 Häusern in Dublin mehr als 1200 Verkaufsstellen für Alkohol waren. Daraus entwickelte sich so manche Brauerei. Eine davon, ziemlich heruntergekommen und schlecht in Schuss, kaufte Arthur Guinness am 31. Dezember 1759. Der 34-jährige Protestant aus Kildare zahlte hundert Pfund und pachtete die Brauerei in einem Anflug von Optimismus für 9000 Jahre zum Preis von 45 Pfund jährlich. Seine Familie hielt ihn für verrückt. Das Gelände war gerade mal 1,5 ha groß, heute sind es 24 ha, die sich beiderseits der Thomas Street erstrecken. Anfangs braute Arthur Guinness helles Bier und englisches Ale, erst später stieg er auf das berühmte dunkle Porter um. 1914 war Guinness die größte Brauerei der Welt. Heute gibt's das große Schwarze in mehr als 150 Ländern. Im Dubliner Stammhaus werden täglich 4 Mio. Pints hergestellt. Viele Dichter haben sich mit Guinness beschäftigt, sowohl in den Pubs als auch in ihren Werken. Benjamin Disraeli, Graham Greene und Charles Dickens haben darüber geschrieben. Kurz und prägnant fasste es die Krimischriftstellerin Dorothy L. Sayers. „Guinness is good for you“, schrieb sie, und das war 1929 auch der erste Werbeslogan.

Das Guinness Buch der Rekorde, das seit 1955 erscheint, ist nach der Bibel und dem Koran das meistverkaufte Buch der Welt. Entstanden ist es aus einem Streit, den der Guinness-Geschäftsführers Hugh Beaver mit einem Jagdfreund hatte. Es ging dabei um die Frage, welcher der schnellste Vogel der Welt ist. Ursprünglich war das Rekordbuch lediglich als Werbegag geplant, doch schon bald wurde es ein derart kommerzieller Erfolg, dass heute 50 Menschen in der Redaktion des Rekordbuchs arbeiten, das Buch in fast 40 Sprachen erscheint.

Harfe und Shamrock

Zwei Nationalsymbole sind in Dublin allgegenwärtig. Die zwölfsaitige Harfe steht für den Barden und damit zugleich für Musik und Literatur. Wenn im Phoenix Park die Fahne mit der gelben Harfe auf blauem Grund weht, dann ist das Staatsoberhaupt zu Hause, in seiner Residenz mitten auf dem grünen Parkgelände. Die Harfe schmückt steinerne Wappen an den Fassaden repräsentativer Gebäude, am häufigsten aber ist sie als Logo der Firma Guinness zu sehen – dann allerdings spiegelverkehrt, denn auch in Irland wäre es anmaßend, die Staatsharfe auf einem Bierglas abzubilden.

Ein weiteres Symbol der Iren ist das Kleeblatt: Für Botaniker trifolium dubium, im Volksmund einfach shamrock. Am Nationalfeiertag St. Patrick's Day (17. März) haben die Gärtnereien Hochkonjunktur, jeder Dubliner trägt das patriotische Grün im Knopfloch. Der Legende nach nahm Patrick bei der Missionierung Irlands im 5. Jh. den dreiblättrigen Klee zur Hand, um die Lehre der Dreifaltigkeit zu erklären. Wann immer es darum geht, für das Land Flagge zu zeigen, am Trikot der irischen Fußball- und Rugbymannschaften oder im Logo der Tourismusbehörde, erscheinen die drei Blätter der Shamrock-Pflanze.

Whiskey

Der Name des hochprozentigen Getränks stammt von einem alten gälischen Wort ab: Uisce Beatha, „Lebenswasser“. Weil die Soldaten des englischen Königs Heinrich II., die Irland im 12. Jh. besetzten, das Wort nicht aussprechen konnten, verballhornten sie es zu Whiskey. Irischen Whiskey – früher wurde er bisweilen wie der schottische Whisky ohne „e“ geschrieben – gibt es seit mehr als tausend Jahren. Die Iren sind stolz darauf, dass sie ihn erfunden haben, wenn auch die Schotten diese kulturelle Leistung für sich beanspruchen. Als Beweis führen sie an, dass es wesentlich mehr schottische Marken als irische gebe, doch die Iren antworten darauf: „Ihr übt eben noch.“ Bis zur Prohibition war irischer Whiskey in den Vereinigten Staaten marktbeherrschend. Doch während des Alkoholverbots 1920–1933 brannten viele Amerikaner Whiskey schwarz und gaben ihm wohlklingende irische Namen. Dadurch wurde der Ruf des irischen Whiskeys ruiniert, weil die Qualität des illegalen Gebräus erbärmlich war. Nach Aufhebung der Prohibition eroberte Scotch Whisky den US-Markt.

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Der gebürtige Berliner reiste 1974 zum ersten Mal nach Irland. Zwei Jahre später zog er nach Belfast, wo er als Deutschlehrer arbeitete. Anfang 1985 ließ sich der Wirtschaftspädagoge mit seiner irischen Frau und zwei Kindern in Dublin nieder. Seitdem berichtet er für die taz und die Tageszeitung über irische Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und vor allem über den manchmal skurrilen Alltag in Irland.

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Quelle: www.marcopolo.de