Süddeutsche Zeitung

Reiseführer:"Die Bücher haben sich auch ohne Werbung verkauft"

Lesezeit: 4 min

Noch läuft das Geschäft mit gedruckten Reiseführern. Verleger Michael Müller erzählt, warum er trotzdem auf Apps setzt, wie er auf die Overtourism-Diskussion reagiert - und was er selbst im Urlaub macht.

Interview von Stefan Fischer

Ruhestand? Ist kein Thema für den Verleger Michael Müller, obwohl er kürzlich 65 Jahre alt geworden ist. Er möchte seinen Michael Müller Verlag selbst in eine ungewisse Zukunft führen. Denn die Reiseführerbranche ist im Umbruch: Zwar verkaufen sich die gedruckten Ratgeber trotz leichter Umsatzrückgänge nach wie vor gut. Doch in absehbarer Zeit werden sich die Menschen ihre Reise-Tipps mehr und mehr digital besorgen. Die Verlage stehen vor der Herausforderung, mit den kostenlosen Informationen von Kartendiensten, Bewertungsportalen und sozialen Netzwerken zu konkurrieren. Michael Müller hat schon früh begonnen, in die Digitalisierung zu investieren. Obwohl er bis heute nichts lieber tut, als zu reisen und Bücher zu schreiben.

SZ: Herr Müller, Sie waren gerade in Portugal. Arbeit oder Urlaub?

Michael Müller: Das war ein Urlaub.

Können Sie das überhaupt, Urlaub machen? Oder schielen Sie nicht doch immer nach neuen Restaurants und aktuellen Öffnungszeiten?

Ich kann schon auch Urlaub machen. Das heißt aber nicht, dass ich mir am Strand die Sonne auf den Bauch scheinen lasse. Ich möchte etwas sehen. Das war schon immer so, in meiner Jugend habe ich die Ferien voll ausgeschöpft.

Heute verreisen mehr Menschen denn je monatelang, etwa nach der Ausbildung oder während eines Sabbaticals. Haben die Reiseführer dabei?

Eher nicht. Sie haben meist die Fertigkeit, ihre Reisen mit dem Smartphone zu organisieren.

Sie investieren viel in die Digitalisierung. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Es ist sehr aufwendig und bringt bislang kaum Ertrag. Wobei eine App zu programmieren, überschaubar ist. Entscheidend ist das System dahinter, in dem die Inhalte für Bücher und Apps bearbeitet werden, ohne alles doppelt machen zu müssen.

Trotzdem entsteht ein Mehraufwand.

Ja, ich brauche gut bezahlte Informatiker. Dabei macht der digitale Bereich nur 1,5 Prozent unseres Umsatzes aus. Aber ich habe den Ehrgeiz, die Kurve zu kriegen. Eine App hat unschätzbare Vorteile, sie verortet mich und zeigt mir an, was um mich herum von Interesse ist für mich. Im Buch muss ich erst den richtigen Kartenausschnitt suchen und dann blättern, um die Beschreibungen zu lesen. In einer App lässt sich das viel eleganter umsetzen.

Reicht dafür nicht Google Maps - wozu brauche ich eine Reiseführer-App?

Bei Google werde ich geflutet von Angeboten. Dann muss ich noch bei Tripadvisor schauen, wie die Angebote bewertet werden. In einer Reiseführer-App bekomme ich Informationen kompakt und gefiltert.

Aber die App kostet etwas.

Es gab Informationen schon immer überall gratis. Früher konnte man ins Tourismus-Büro gehen und ist mit einem Koffer voller Prospekte wieder rausgekommen. Aber wer hat Lust, sich durch diesen Berg zu wühlen? Wir filtern Informationen, bewerten sie und geben uns Mühe, das nachvollziehbar zu beschreiben.

Junge Menschen ziehen dennoch die vermeintliche Intelligenz der Masse einem redaktionellen Angebot vor. Woran liegt das?

Die Leute gewöhnen sich nur langsam daran, dass auch im Netz gut recherchierte Inhalte Geld kosten müssen. Wir gehen jetzt dazu über, Apps zu vermieten, statt sie für knapp zehn Euro zu verkaufen. Das kostet wahrscheinlich zwei Euro, und man kann die App zehn Tage nutzen. Als Lockmittel haben wir letztes Jahr unsere kostenlosen Web-Apps herausgebracht. Die enthalten alle Sehenswürdigkeiten und Tipps, jedoch nur mit einem kurzen Kommentar. Wir hoffen, dass die Nutzer das so nützlich finden, dass sie dann die App mieten oder den Reiseführer kaufen, um den kompletten Inhalt zu bekommen. Wir entwickeln gerade eine Marketingstrategie. Bislang war das nicht notwendig, die Bücher haben sich auch ohne Werbung verkauft.

Das Buchgeschäft funktioniert also noch?

Tendenziell geht es leicht zurück. Zuletzt lagen die Umsatzverluste bei einem oder zwei Prozent. Dank der Preisbindung können sich Buchhandlungen besser halten als etwa in England oder den USA, wo selbst große Ketten den Bach runtergehen. Das bewahrt uns vor Umsatzeinbrüchen wie in den USA von zum Teil 20 Prozent.

Reiseführer werden also nicht nur für konkret geplante Urlaube angeschafft ?

Menschen lassen sich zu Reisen inspirieren durch Reiseführer. Wenn ich aber nicht mehr die Möglichkeit habe, mich vor ein Regal zu stellen und zu stöbern, fallen diese Spontankäufe weg. Ich hoffe, dass das Geschäftsmodell mit den Büchern so lange trägt, bis wir im digitalen Bereich relevante Erlöse erzielen. Wir haben vor über zehn Jahren angefangen, diesen Weg zu gehen, und es ist unglaublich, mit wie viel Aufwand das verbunden ist und auf welchen Irrwegen man sich verläuft. Es ist auch nicht einfach, ein Entwicklerteam zu finden. Ein klassischer Informatiker ist kein Traveller und ein Buchverlag old school.

Hilft die Digitalisierung, Aktualisierungen zu automatisieren? Oder verlieren Sie dann die Kontrolle über Ihre Inhalte?

Es ist schon das Ziel, einiges zu automatisieren, etwa, ob Lokale noch existieren.

Wie steht es um Provisionen, wenn Ihre Nutzer etwa aus Ihren Apps heraus Hotels buchen?

Das wäre schön, funktioniert aber erst, wenn man die Masse erreicht. Bei zwei Hotelbuchungen pro Tag lohnt sich das nicht. Es ist aber durchaus eine Perspektive.

Sie haben auch eine Audio-Guide-Tour aufgelegt, bieten GPS-Daten für Wanderungen an und sind in sozialen Medien aktiv. Was versprechen Sie sich davon?

Wir probieren vieles aus. Der Audio-Guide Berlin war ein Versuchsballon, stieß aber auf kein Interesse. Die GPS-Daten sind eine reine Dienstleistung. Und auf Facebook haben wir 4000 Follower - eigentlich nichts. Aber wir machen es natürlich trotzdem. In der Hoffnung, den richtigen Dreh zu finden. Wenn es ihn überhaupt gibt.

Sie produzieren Ihre Reiseführer klimaneutral. Was bedeutet das?

Wir zahlen rund 20 000 Euro im Jahr an Myclimate und kompensieren dadurch die Umweltschäden, die die Herstellung und das Bedrucken von Papier verursachen. Dahinter steckt ein bisschen Idealismus und die Überlegung, dass Menschen, denen an Nachhaltigkeit liegt, sich für unsere Produkte entscheiden.

Wenn es um Ethik beim Reisen geht, muss man über den sogenannten Overtourism reden. Kann ein Reiseführerverlag da Einfluss nehmen, ohne sein Geschäft zu torpedieren?

Wir versuchen verstärkt, Gebiete ins Programm zu nehmen, die etwas abseitiger sind, etwa Städte wie Marseille, Lyon oder Porto. Wir geben auch Hinweise, wie man dem Übertourismus in stark besuchten Städten aus dem Weg gehen kann. Aber die Leute zieht es in die Städte, die sind schneller zu erreichen als ländliche Regionen, und die Flüge sind günstig. Städtereiseführer verkaufen sich überproportional gut.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3964047
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.05.2018
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.