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Reisebuchverlage in der Pandemie:Heimaturlaub

Nordsee, Bodensee, Alpen: Die Verantwortlichen in den Verlagen rechnen damit, dass die Deutschlandthemen wesentlich bleiben fürs Geschäft.

(Foto: Illustration: Julia Kienscherf)

Die Reisebuchverlage haben ihre Programme radikal verändert. Durch den Neustart des Tourismus ändern sich die Wünsche der Käufer aber schon wieder.

Von Stefan Fischer

Wer nicht verreist, braucht keinen Reiseführer. Das bekommen die Reisebuchverlage seit Beginn der Pandemie teilweise deutlich zu spüren. Dennoch ist deren Lage bei Weitem nicht so trostlos, wie man vielleicht meinen könnte. "Wir haben das vergangene Jahr mit einem positiven Betriebsergebnis abgeschlossen", sagt etwa Birgit Hürter, die Vertriebsleiterin beim Verlagshaus Geranova Bruckmann. Auch das laufende Jahr entwickele sich zufriedenstellend.

Zu dem Münchner Unternehmen gehören mittlerweile 13 Marken, darunter die Verlage Bruckmann, Frederking & Thaler, National Geographic und J. Berg. Rund 700 Buchtitel erscheinen jedes Jahr, ein beträchtlicher Teil davon sind Reisebücher: Bildbände, Abenteuerberichte, Reiseführer und Ratgeber. Vieles davon verkauft sich seit mehr als einem Jahr nur schleppend oder gar nicht: Reiseführer zu nicht erreichbaren Zielen gehen überhaupt nicht, auch klassische Bildbände und Titel über internationale Ziele bei National Geographic und Bruckmann werden nicht besonders gut nachgefragt.

Bücher übers Wandern, Radfahren und über Wohnmobiltouren verkaufen sich hervorragend

Hingegen haben Outdoor-Ratgeber massiv zugelegt, sagt Birgit Hürter: Bücher übers Wandern, Radfahren und über Wohnmobiltouren. Geranova Bruckmann hat sein Programm schnell und radikal umgestellt: Der Großteil der Titel behandelt aktuell Deutschlandthemen. Der Bruckmann-Verlag hat sogar eine neue Deutschland- und Österreichreihe mit dem Titel "Herzstücke" gestartet. Auch Fotobände mit konkreten Inspirationen zu deutschen Zielen verkaufen sich laut Hürter hervorragend.

Ähnliche Erfahrungen machen viele in der Branche: Katharina Hokema, Geschäftsführerin beim Michael-Müller-Verlag in Erlangen, sagt: "Auch 2020 wurde ja gereist." Deutschland erlebte einen besonderen Boom. Mit dem Auto erreichbare Ziele wie Bretagne und Normandie, Toskana oder skandinavische Länder seien ebenfalls hoch im Kurs gestanden. "Und bei den Flugzielen lag trotz allem Griechenland weit vorne", so Hokema - bezogen jeweils auf die Absätze der Reiseführer. Den Verlagen hat mutmaßlich geholfen, dass viele Menschen Urlaub an Orten gemacht haben, die sie zuvor nicht gekannt hatten. Weshalb sie eher bereit waren, einen Reiseführer zu kaufen.

Mitunter scheinen die Deutschland-Ratgeber Menschen überhaupt erst inspiriert zu haben. Zwei Reiseführer übers Grüne Band - den großen Biotopverbund entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze - sind aktuell die Besteller des Trescher-Verlags. "Wir haben viele Rückmeldungen von Gastwirten und Hoteliers bekommen, die sich bedankt haben, dass wir mit unseren Büchern Menschen zu ihnen gelockt haben", berichtet Detlev von Oppeln, der Gründer und Verleger des Berliner Reiseführerverlags.

Einige Verlage haben die richtigen Lehren aus der Finanzkrise 2008 gezogen

Der Trescher-Verlag hatte sich ursprünglich auf Individualreiseführer zu Osteuropa, den ehemaligen Sowjetstaaten sowie zu Mittel- und Ostasien spezialisiert. Bereits in der Finanzkrise 2008 hat Oppeln jedoch das Deutschland-Programm ausgebaut. Davon profitiert er derzeit wesentlich. Aktuell hat Trescher beispielsweise einen Reiseführer zu Erfurt im Programm, wo in diesem Jahr die Bundesgartenschau stattfindet. Demnächst erscheint ein Schlei-Führer - in der beliebten Ostseeregion gibt es seit einigen Wochen das erste Modellprojekt für eine Öffnung des Tourismus in Schleswig-Holstein.

Schwierig ist die Situation dennoch für viele Verlage. Einige haben Kredite aufgenommen. Die meisten mussten Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, neben Michael Müller, Iwanowski's oder Reise Know-How auch der Marktführer Mair Dumont. Zu dem Unternehmen in Ostfildern bei Stuttgart gehören viele bekannte Reiseführermarken, etwa Marco Polo, Baedeker, Lonely Planet und Stefan Loose.

Trotz der Einbußen habe man jedoch in neue Titel und Reihen investiert, sagt die Verlegerin von Mair Dumont, Stephanie Mair-Huydts. So sind bei Marco Polo die "Camperguides" und die Serie "Dein Insidertrip" zu deutschen Zielen neu herausgekommen, der Kompass-Verlag hat die Reihe "Dein Augenblick" mit Wandertouren gestartet. "Unser Bestseller ist die ,Eskapadenserieʻ von Dumont, die haben wir stark ausgebaut", so Mair-Huydts. Der Untertitel dieser Bände lautet: Ab nach draußen!, in ihnen finden sich Tipps für Touren in deutschen Regionen und Städten für alle Jahreszeiten.

Die Autoren stehen bereit, um ihre Reiseführer zu europäischen Zielen zu aktualisieren

Die Verantwortlichen in den Verlagen rechnen damit, dass die Deutschlandthemen wesentlich bleiben fürs Geschäft. Im Moment sind sie aber vor allem damit beschäftigt, sich auf die erhofften Reiseerleichterungen in Europa vorzubereiten. Viele Staaten haben einen Neustart des Tourismus angekündigt. Die Reiseführer zu Spanien, Italien, Griechenland müssen aktualisiert werden. Recherchen waren bislang kaum möglich, da die Autoren nicht reisen konnten. Auch entscheidet sich häufig erst jetzt, welche Restaurants, Bars und Hotels die Pandemie überstanden haben.

Katharina Hokema von Michael Müller hofft zwar, dass die Toleranz gegenüber fehlerhaften Angaben in Reiseführern in den nächsten Monaten etwas höher sein wird. Aber im Kern gilt, was Stephanie Mair-Huydts sagt: "Die Aktualität eines Reiseführers ist entscheidend, die Informationen müssen stimmen." Im Juni ist also noch nicht mit Neuauflagen zu rechnen. Doch die Autoren stünden bereit. "Die meisten unserer Autoren", so Mair-Huydts, "leben vor Ort und können die Situation einschätzen." Auch in diesem Sommer kommt es für die Verlage wieder darauf an, schnell und flexibel zu reagieren.

Wichtig ist für die Verlage auch, dass der Buchhandel gut durch die Pandemie gekommen ist. In Reiseführern und Bildbänden blättern die Menschen gerne, ehe sie sie kaufen. Reisetitel werden so stark wie kein anderes Segment des Buchmarktes über den stationären Buchhandel abgesetzt. Umgekehrt sind diese Werke für die Buchhandlungen eine wichtige Säule ihres Umsatzes. Die Verlage Michael Müller, Reise Know-How, Iwanowski's und Trescher haben deshalb gemeinsam einen offenen Brief an die Buchhändler verfasst. Um ihnen zu danken und um sie zu ermutigen, ihre Reisebuchabteilungen nicht zu verkleinern. Dann könnte es ein guter Sommer werden.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Bundesgartenschau 2021 fälschlicherweise im fränkischen Erlangen verortet. Sie findet jedoch in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt statt.

© SZ/cat
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