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Reiseführer Chiemgau:Stichworte

Von Barockkunst und Südwind, der Vielfalt der Trachten und der Geschichte des weißen Golds – alles, was Land und Leute ausmacht

Baiern

Woher sie kamen, ist bis heute noch nicht restlos geklärt. Vermutlich gingen die „Boiern“, wie sie im Jahr 624 erstmals urkundlich erwähnt wurden, nach dem Abzug der Römer aus der Vereinigung von keltischen und römischen Bevölkerungsresten hervor, ergänzt durch die aus Böhmen einwandernden Bajuwaren, die eine germanische Note hinzufügten. Die Baiern sind somit der beste Beweis für die Vorzüge multikulturellen Neben- und Miteinanders – schließlich haben sie sich im Lauf der Jahrhunderte als besonders kunstfertiges und lebensfrohes, wenngleich auch jähzorniges, sturköpfiges und misstrauisches Volk offenbart. Immerhin sind sie weder ausgestorben noch untergegangen; als einzige Niederlage bisher mussten sie ihren angestammten Namen abändern. König Ludwig I., ein großer Freund alles Griechischen, ordnete im 19. Jh. an, dass Baiern künftig mit „y“ zu schreiben sei. Heute versteht man unter „Bayern“ den politischen Freistaat, zu dem jedoch auch so unbaierische Gruppierungen wie die Franken gezählt werden. „Baiern“ oder „Altbaiern“ aber darf sich auch heute noch das alte Stammesgebiet nennen, zu dessen Kernstücken Berchtesgaden und der Chiemgau gehören.

Barock und Rokoko

Bayern – speziell Oberbayern – gilt vielen als regelrechtes Synonym für barocke Kunst und Architektur. In der Tat hat das Barockzeitalter genauso wie die darauffolgende Epoche des feineren Rokokos im bayerischen Voralpenraum besonders fruchtbaren Boden gefunden. Das späte 17. und das 18. Jh. hinterließen nicht nur Bauwerke von europäischem Rang – etwa die Klosterkirche Rott am Inn –, sondern verwandelten auch äußerlich schlichte Dorfkirchen in goldglänzende, puttenbewohnte Stuckparadiese. Dass sich der Barockstil in Oberbayern so besonders gut macht, liegt vielleicht an den verwandten Formen. Wie gemalt erscheint schließlich auch die Voralpenlandschaft, barocke Figürlichkeit weist sie überall in ihren Hügeln und Tälern auf.

Benedikt XVI.

Dass sich Oberbayern im Papsttum Benedikts XVI. sonnen konnte, ist Joseph Ratzingers Kindheit in Marktl am Inn zu verdanken, wo der 2013 emeritierte Papst 1927 geboren wurde. Die Gemeinde im äußersten Nordosten Oberbayerns hat nach anfänglich ungebremster Benedikt-Vermarktung durch Benedikt-Bier, -Torte und -Gedenkmünze sowie Versand von Marktl-Heimaterde im Internet den Wildwuchs der privaten Geschäftemacher eingedämmt und für den Ehrenbürger ein pietätvoll-angemessenes Museum eröffnet.

Ganz ohne Geschäfte geht es aber auch auf Gemeindeebene nicht, weshalb man sich das Becken, über dem der kleine Joseph getauft wurde, patentieren ließ. Wer mit dem Taufbecken wirbt, muss Lizenzgebühren zahlen. Jede Abbildung davon bringt Geld in die Gemeindekasse.

Fauna

Murmeltieren wird man nur in Ausnahmefällen begegnen – nicht, weil es hoch oben im Fels keine gäbe, sondern weil sie menschliche Gesellschaft gar nicht schätzen. Weniger schüchtern ist das Gamswild, und auch Steinböcke und Steinadler können Sie im Hochgebirge seit einiger Zeit wieder antreffen. Oben wie auch in den unteren Chiemgauregionen sind Auer-, Schnee- und Birkhuhn heimisch. Das Berchtesgadener Land ist ein klassisches Jagdgebiet, in dem es an Hirschen und Rehen, Hasen und Fasanen nicht mangelt. Die lokalen Speisekarten sprechen eine deutliche Sprache! An den Seen lebt eine vielfältige Vogelwelt, in den Seen und Flüssen tummeln sich Renken, Saiblinge und manchmal sogar Hechte.

Flora

Ausgesprochen artenreich ist die Pflanzenwelt im Gebirge und im Voralpenland. Allein im Berchtesgadener Land kennt man 700 Arten. Das „Landl“ ist auch waldreich. In den Tälern überwiegen Laubbäume wie Buche und Linde, weiter oben wächst dann der Nadelwald, stehen Fichte, Tanne und Lärche zusammen. Die Baumgrenze liegt bei etwa 1800 m, in höheren Lagen gedeiht nur noch die Latsche, ein anspruchsloses Krummholz. Wiesen, Weiden und Almen reichen bis auf 2500 m hinauf. Auf den Bergwiesen wachsen noch Pflanzen, die es in der Ebene schon längst nicht mehr gibt: Enzian, Arnika, Berglöwenzahn und Mehlprimel blühen in intensiven Farben. Klassiker des Berchtesgadener Landes sind auch Schnee- und Alpenrose, Edelweiß und Silberdistel. Eine Besonderheit im Chiemgauer Land sind die zahlreichen Moore, auch Filzen genannt, mit ihrem schützenswerten Pflanzenbestand. Hier stehen Birken und Weiden, und man findet Türkenbund, die Sibirische Schwertlilie und anderswo selten gewordene Orchideen wie Knabenkraut und Frauenschuh.

Föhn

Bei dieser oberbayerischen Wetterspezialität handelt es sich eigentlich um etwas Schönes: Der Föhn ist ein aus Oberitalien kommender Südwind, der über die Alpenkämme streicht und als warmer Fallwind ins bayerische Voralpenland hineinbläst. Diesem beschert er zwanzig zusätzliche Sonnentage im Jahr, er sorgt für strahlend blauen, mit Federwölkchen geschmückten Himmel und eine glasklare Fernsicht. Was also ist der Haken? Man hat den Föhn als Auslöser von Kopfweh, Nervenzusammenbrüchen, Auffahrunfällen und Tobsuchtsanfällen ausgemacht. Er „wirkt“ freilich nicht immer und nicht bei jedermann und erwischt vor allem erheblich mehr Alteingesessene als Neuankömmlinge und Touristen.

Gletscher

Heute gibt es nur noch einen und zudem nicht allzu eindrucksvollen Gletscher in Deutschland – den Blaueisgletscher am Hochkalter, einem Nachbarn des Watzmanns. Warum Gletscher für die Bilderbuchlandschaft des Chiemgaus dennoch eine so wichtige Rolle spielen? Weil sie sie geschaffen haben! Als vor etwa 1 Mio. Jahren die letzte Eiszeit einsetzte, schoben sich die Massen des gewaltigen Inngletschers und seines Nachbarn, des weitaus kleineren Chiemseegletschers, bis weit ins Alpenvorland hinein, schürften weite Becken aus und formten das Land. Mit dem Ende der Eiszeit schmolzen auch die Gletscher ab und hinterließen gewaltige Schuttablagerungen: die Moränenhügel, die im Westen, Norden und Osten einen breiten Gürtel um das Chiemseebecken bilden. Vor allem aber blieb der Chiemsee zurück. Dass er ursprünglich zehnmal größer war als heute, davon künden seine vielen kleinen Ableger wie Simssee und Seeoner See im Norden und die Moorlandschaften im Süden.

Die langsame Verlandung des Chiemsees ist immer noch nicht abgeschlossen. Vor allem die Tiroler Ache transportiert tonnenweise Geröll und Schlamm heran, die sich am Seeboden sammeln. Mit Konsequenzen: Das Mündungsdelta der Tiroler Ache verlagert sich jedes Jahr um bis zu 25 m weiter in den See hinein. Berechnungen haben ergeben, dass dem Chiemsee nur noch 10 000 Jahre bleiben – dann wird das „bayerische Meer“ vollständig verlandet sein.

Inn-Salzach-Architektur

Als eine der Folgen des regen Handelsverkehrs entwickelte sich im 15. Jh. an den Ufern der Flüsse Inn und Salzach ein neues städtebauliches Erscheinungsbild. Seine Wurzeln liegen im Süden – im Salzburger Land und sogar in Italien –, und von der in Oberbayern sonst üblichen, bäuerlich inspirierten Stadtarchitektur mit ihren giebelständigen Häusern und Flachsatteldächern unterscheidet es sich deutlich. Ob Burghausen oder Mühldorf, ob Rosenheim oder Tittmoning: Im Mittelpunkt stehen weite, lang gezogene Plätze, gesäumt von den oft prachtvollen Fassaden alter Handels- und Patrizierhäuser. Arkadenhöfe und gotisch gewölbte Laubengänge sorgen für südliches Flair. Auffallend sind die vermeintlichen Flachdächer der Gebäude. Ihre Giebelwände sind nur Show, zumindest in der obersten Etage. Denn dahinter verbergen sich die für die Gegend typischen, in der Mitte zusammenlaufenden Grabendächer.

Klöster

Ohne die tapfer missionierenden Mönche wären Chiemgau und Berchtesgadener Land so schnell keine lebenswerten Gebiete geworden. Im 8. Jh. kamen als Erste die Benediktiner, damals noch einziger Mönchsorden des Abendlandes, und gründeten auf Geheiß des Bayernherzogs Tassilo auf den beiden Chiemseeinseln ein Männer- und ein Frauenkloster, später dann auch die Abtei in Seeon. „Ora et labora“ lautete ihr Ordensgrundsatz – betend machten sie sich die noch unkultivierte und raue oberbayerische Erde untertan. Nach ihnen kamen Augustiner und Zisterzienser und taten es ihnen gleich. Die Klostergründungen dieser Zeit – wie das Chorherrenstift in Baumburg und die Abtei Raitenhaslach – stellten noch weit über das Mittelalter hinaus Zentren des geistigen, vor allem aber des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens dar. Der Macht und nicht zuletzt dem Geld ihrer Stiftsherren ist jene Fülle sakraler Kunst und Prachtentfaltung zu verdanken, die das Gesicht des südöstlichen Oberbayerns auf so unverwechselbare Weise prägt.

Maibaum

Er ist die Zierde jedes traditionsbewussten bayerischen Dorfs: weiß-blau geringelt, mit einem Fichtenkranz an der Spitze und, wenn es die Gemeinde ernst meint, mit Fahnen und geschnitzten Figuren, die die am Ort vertretenen Handwerkszweige darstellen – oft darf heute aber auch das Symbol der örtlichen Sparkasse dabei sein. Wichtiger als der Maibaum als solcher ist das Aufstellen desselben. Traditionsgemäß findet es am 1. Mai im Rahmen einer großen Feier mit viel Blasmusik und noch mehr Bier statt. Wichtiger als das Aufstellen wiederum ist das Maibaumstehlen, ein heiterer Brauch, bei dem es darum geht, den meist gut bewachten Baum des Nachbardorfs zu entwenden, kurz bevor er aufgerichtet werden soll. Wenn der Diebstahl gelingt, müssen die Besitzer den Maibaum auslösen. Das zu zahlende Lösegeld besteht in der Regel aus ein paar Fässern Bier – ein weiterer Anlass für eine fröhliche Feier.

Salz

Dass Salz einmal große Reichtümer bescheren konnte, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Doch schon die Kelten und später die Römer handelten mit dem lebensnotwendigen Mineral, das in den Gegenden um Salzburg und Reichenhall besonders reichlich vorhanden war. Die Salzgewinnung und der Handel mit dem „weißen Gold“ prägten die Geschichte des Chiemgaus und des Berchtesgadener Landes mehr als jeder andere Faktor. „Salzstraßen“ entstanden, große Handelswege, die über Land und auf dem Wasser nach Wien, München und Augsburg führten. Zu Reichtum, wirtschaftlicher Blüte und architektonischer Pracht gelangten neben den Städten, die an der Salzgewinnung beteiligt waren (Salinen gab es in Berchtesgaden, Reichenhall, Traunstein und Rosenheim), vor allem jene, die am Wegesrand der großen Salztransporte lagen. Laufen beispielsweise lag derart „unglücklich“ an einer wegen vieler Stromschnellen unpassierbaren Salzachschleife, dass die kostbare Fracht dort umgeladen werden musste – was der örtlichen Wirtschaft bestens bekam. Heute gibt es nur noch eine bayerische Saline; sie steht in Bad Reichenhall.

Trachten

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, anzunehmen, es gebe eine bayerische Tracht schlechthin. In Wahrheit besitzt jede Region, jeder Ort und oft noch einmal jeder Verein eine eigene Tracht, sodass es schon genauerer Kenntnisse bedarf, um den Sitz des Wadenstrumpfs, die Hutform und das Material der Miederknöpfe richtig zu interpretieren. Berchtesgadener Tracht kann man bei den Männern etwa am „Dragoner“ erkennen, einem breiten Riegel im Rücken der grauen Joppen. Aus Berchtesgaden stammen auch die berühmten schwarzen Strickjäckchen mit den grün-roten Streifen am Halsausschnitt und den filigranen Silberknöpfen.

Wirtschaft

Chiemgau und Berchtesgadener Land haben eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten Deutschlands und stehen ökonomisch prächtig da. Doch vom Anblick stattlicher Ferienbauernhöfe und glücklich grasender Kühe dürfen Sie sich nicht in die Irre führen lassen. Landwirtschaft und Tourismus spielen zwar eine große Rolle, aber beileibe nicht die einzige. Gut ausgeprägt ist das Handwerk, aufgrund des großen Waldreichtums speziell in der Holzverarbeitung. Aber auch die Industrie ist vertreten. Sie konzentriert sich allerdings auf einige wenige Standorte wie Burghausen, wo der Chemiekonzern Wacker eine Produktionsstätte hat, und das erst nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebenenstadt entstandene Traunreut – hier wird u. a. für Bosch und Siemens produziert.

Eine Besonderheit ist die eigene Regionalwährung des Chiemgaus – die knallbunten „Chiemgauer“-Scheine, die seit 2003 zirkulieren und als Fördermaßnahme für die heimische Wirtschaft gedacht sind. Die Idee dahinter: Das Geld soll in der Region bleiben und nicht anderswo ausgegeben werden. Rund 600 Geschäfte in den Landkreisen Traunstein und Rosenheim akzeptieren den Chiemgauer – darunter Bäcker und Metzger, aber auch Zahnärzte und Psychotherapeuten.

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Die Reisejournalistin wohnte lange in ihrer Geburtsstadt München, doch am Wochenende zog es sie stets hinaus aufs Land zum Baden im Waginger See oder zum Bergsteigen in den Chiemgauer Alpen. Mittlerweile lebt Annette Rübesamen in Italien. Ihre Sehnsucht nach der alten Heimat ist umso größer – und wird jedes Jahr in den Sommerferien ausgiebig gestillt.

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Quelle: www.marcopolo.de