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Reiseführer Budapest:Auftakt

Entdecken Sie Budapest!

Was für ein Panorama! Von der Fischerbastei schweift der Blick über die Donau und ihre Brücken auf die ungarische Hauptstadt. Budapests Pracht macht die Stadt zu dem, was sie sein will und sein soll: zu einer Metapher für das Selbstverständnis eines kleinen, aber dennoch großen Landes. Schon die Lage ist einzigartig: Der Stadtteil Buda liegt auf den Höhen der Budaer Berge, ihm gegenüber – jenseits der Donau – erstreckt sich das flache Pest, und an beiden Ufern reihen sich architektonische Schmuckstücke aneinander: am Pester Ufer das Parlament und viele prächtige Bürgerhäuser, am Budaer Ufer der gewaltige Burgpalast und der Gellértberg mit seiner Zitadelle. Zehn Brücken überspannen die Donau, und sie tragen viel zum Charme der Hauptstadt bei.

Budapest ist auch gut 25 Jahre nach der Wende eine Stadt im Um- und Aufbruch. Sie ringt um Authentizität, Modernität und mehr Lebensqualität. Glänzender wird die Stadt mit jedem Jahr. Dafür steht beispielsweise das Projekt „Neues Stadtzentrum“: Vom Szabadság tér bis zum Kálvin tér zieht sich nun die neue verkehrsberuhigte „Pester Hauptstraße“, und der Platz Március 15. tér an der Elisabethbrücke wurde sehr schön neu gestaltet. Bei Redaktionsschluss standen zudem die Wiedereröffnung der Pester Redoute und der prächtigen Liszt-Ferenc-Musikakademie am Liszt Ferenc tér auf dem Programm.

1,7 Mio. Menschen leben in der Hauptstadt. Schon diese Zahl steht für ihre Bedeutung. Debrecen, Ungarns zweitgrößte Stadt, bringt es nur auf 207 000 Einwohner. 17 Prozent aller Einwohner Ungarns leben in Budapest. Auf Berlin übertragen hieße das, die Stadt hätte nicht 3,4 Mio. Einwohner, sondern fast 14 Mio. Budapest ist die Inkarnation des ungarischen Nationalstolzes, ist der Kopf, das Herz und die Seele des Landes. Die Budapester sind eine besondere „Spezies“.

Ein Beispiel ist Ilona: Die 33-jährige Kreditfachfrau hat den Sprung von der Provinz in die Hauptstadt geschafft. Sie verdient mit 200 000 Forint netto überdurchschnittlich gut und besitzt eine Eigentumswohnung. Wohnungseigentum ist für die Budapester, wie für alle Ungarn, das A und O. Ilonas Wohnung ist nur 40 m2 groß, und trotzdem verschlingen der Kredit und die Nebenkosten mehr als die Hälfte des Einkommens. Bei dem, was übrig bleibt, ist an den Kauf eines Autos nicht zu denken. Zur Arbeit geht es mit Bus und Bahn – auch das hat Ilona mit den meisten Budapestern gemeinsam. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind die wichtigsten Fortbewegungsmittel und während des Berufsverkehrs regelrecht belagert.

Nirgendwo sonst im Land wird so gut verdient wie in Budapest. Den Arbeitnehmern eröffnet ihre Arbeit aber kaum Chancen auf Wohlstand – bei Lebenshaltungskosten, die weitgehend auf Westniveau liegen, ermöglichen die Löhne nur ein bescheidenes Dasein. Der Alltag ist für die meisten Budapester hart, und dennoch sind sie die größten Fans ihrer Stadt. Denn in Budapest spielt die Musik: Die Märkte haben ein Angebot, das es so nur in Budapest gibt, internationale Musikgrößen treten nur in der Hauptstadt auf, und nur hier laufen die großen Filme an, finden die großen Sportereignisse und Festivals statt.

In den Sommermonaten ist Budapest ein einziges Open-Air-Eldorado. Donauufer und Margareteninsel, Stadtwäldchen, Parks und Budaer Berge: Budapester machen die Stadt in jeder freien Minute zu ihrem Tummelplatz. Sie gehen raus – und sie gehen aus. Das gilt auch für Familien: Lájos und Lydia wohnen mit ihren zwei Kindern in einem Plattenbauhochhaus auf der Budaer Seite. Das Budget ist knapp, aber an Erlebnissen mit den Kindern wird nicht gespart. Zoo, Zirkus, Kindereisenbahn, Skaten auf der Margareteninsel, Ausflüge in die Shoppingcenter und in die Budaer Berge – die Familie hat sich in Budapest einen bunten Lebens- und Erlebnisraum abgesteckt.

Auch Essengehen gehört trotz knapper Kassen zum Leben wie die Luft zum Atmen. Bevorzugte Ziele sind die vielen preiswerten Restaurants. Die lassen in puncto Service und Sauberkeit zwar viele Wünsche offen, aber sie sind beliebte Treffpunkte. Man kann es sich dort bei ungarischer Kost stundenlang gut gehen lassen. Jugendliche finden McDonald's und Burger King schick, aber die meisten jungen Budapester sind weit weniger vom Familienleben abgenabelt als Gleichaltrige in westlichen Ländern. Das gemeinsame Essen mit der Familie ist heilig.

Eine Vertreterin der älteren Generation ist Mártha: Sie wurde in Budapest geboren und ist der Stadt ihr Leben lang treu geblieben. Für die 83-Jährige ist eine Tasse Kaffee im Hotel Astoria der pure Luxus. Dort trifft sie sich mit ihren Freundinnen – und das, sagt Mártha, muss sein, auch wenn die 80 000 Forint Rente das eigentlich nicht erlauben. Eine weitere Freude sind die Besuche im Thermalbad. Rentner können öffentliche Verkehrsmittel kostenlos benutzen, das macht mobil. Und therapeutische Anwendungen gibt's auf Krankenschein. Vor allem für ältere Menschen sind Budapests Thermalbäder mehr als nur Heilbäder, sie sind Kontaktbörse und Unterhaltung.

Aus allem das Beste machen, darin sind alle Budapester geübt. Vor allem aber verbindet sie eines: Budapester sind – Budapester. Gesegnet mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, tempo- und tonangebend zu sein. Wochentags bevölkern sie ihren städtischen Kosmos, freitags beginnt in den Sommermonaten der Exodus. Bevorzugte Ziele sind der nahe gelegene Velence-See, der Balaton (Plattensee) und das Donauknie. Zu den Stadtflüchtern gehören Budapester, die sich in den sozialistischen Jahren ein Ferienhäuschen zulegen konnten, oder die Freunde und Verwandte besuchen. Oder sie haben Ferienschecks im Gepäck, eine Art Urlaubsgeld von Betrieben. Budapester sind Großstädter einer etwas anderen, typisch ungarischen Art. Wichtiger als das Ich ist das Wir, familiäre Bande sind eine tragende Säule des Lebens. Familienmitglieder halten zusammen, feiern gemeinsam Geburtstage, Ostern und Weihnachten, sind die wichtigsten Unterstützer in der Not. Soziale Beziehungen prägen den Alltag in jedem Alter: In den Studentenwohnheimen werden Freundschaften fürs Leben geschlossen, es wird zusammen gefeiert und gekocht. Teure Kino- und Clubbesuche sind zwar die Ausnahme, aber reichlich Spaß ist trotzdem garantiert.

Hunderttausende Budapester sind am wichtigsten Nationalfeiertag, dem Stephanstag am 20. August, auf den Straßen, Plätzen und Brücken unterwegs. Geschichte ist in Budapest und in den Köpfen der Budapester allgegenwärtig. Die Geschichtsschreibung des Landes beginnt 896 mit der „Landnahme“ der sieben Magyarenstämme unter der Führung des Fürsten Árpád. Eine herausragende Stellung nimmt der erste ungarische König Stephan ein, der im Jahr 1000 gekrönt wurde. An ihn erinnert die Stephanskrone im Budapester Parlament. Nachdem die Mongolen 1241/42 das Land überrannt hatten, baute König Béla IV. auf dem Burgberg eine erste Burg. König Matthias (1458–90) ließ sie im Renaissancestil ausbauen. Dieser goldenen Ära folgte die 160 Jahre anhaltende Besetzung durch die Türken (1526–1668). Als der Kampf gegen die Besatzer erfolgreich endete, waren Buda und Pest vollkommen zerstört.

1941 trat Ungarn an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion ein. Während der von den ungarischen Pfeilkreuzlern unterstützten Terrorherrschaft der Nazis wurde das Budapester jüdische Viertel zum Ghetto und für Tausende zum Grab. Am Ende des Krieges lagen weite Teile der Stadt in Trümmern. 1947 kam die Kommunistische Partei an die Macht. Proteste von Budapester Studenten gaben 1956 den Anstoß zum Widerstand gegen das Regime; der Aufstand der „Konterrevolutionäre“ wurde blutig niedergeschlagen. Jahrzehnte später, in der Nacht zum 11. September 1989, öffnete Ungarn seine Grenze und ermöglichte rund 100 000 DDR-Bürgern – darunter vielen, die in einem Budapester Lager untergebracht waren –, die Flucht. Am 23. Oktober, dem 33. Jahrestag des Aufstands von 1956, wurde von einem Fenster des Budapester Parlaments aus die Republik Ungarn ausgerufen. Damit war die sozialistische Volksrepublik Geschichte.

In den letzten zwanzig Jahren waren die Scheinwerfer in Budapest vor allem auf die blühenden Stadtlandschaften gerichtet: auf die wunderbar restaurierten Glanzlichter des historischen Budapest, auf die gewaltigen internationalen Investitionen in Shoppingcenter und Luxusimmobilien, auf Großprojekte wie das Millenniumsviertel an der Lagymányosi-Brücke. Ausgeblendet blieben die Schattenseiten des Fortschritts. Die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Finanznot der öffentlichen Haushalte und die sozialen Spannungen verschärft. Selbst im liberalen Budapest hat das Wort „international“ keinen guten Klang mehr. Es steht für die internationalen Konzerne hinter den massiv gestiegenen Rechnungen für Strom und Gas, für die Banken, bei denen viele Wohnungseigentümer in der Kreide stehen – bedroht von der Gefahr, das Dach über dem Kopf zu verlieren –, und es steht für die vielen Bestechungsskandale im Zusammenhang mit der Privatisierung ehemals staatlicher Unternehmen. Als wirtschaftliches und politisches Zentrum des Landes ist Budapest eine Art Brennglas, das alle Probleme bündelt.

In der Hauptstadt wird Bilanz gezogen. Die wichtigste Frage lautet: Was haben die vergangenen zwanzig Jahre den „normalen“ Ungarn gebracht? Budapest besinnt sich mehr denn je auf die schwierigen Lebensbedingungen der meisten Menschen und auf die ureigene ungarische Identität der Stadt. Das Budapest von morgen soll ein anderes sein. Wie es aussehen soll? Die Antwort steht noch aus.

Die Schönheit der Stadt ist von alledem unberührt. Wenn die Scheinwerfer die Sehenswürdigkeiten an der Donau allabendlich in ein magisch-schönes Licht rücken, kann sich niemand diesem Zauber entziehen. Budapest-Besucher erwartet eine Stadt-am-Fluss-Magie der besonderen Art, eine Metropole, die mehr ist als die Summe ihrer Schokoladenseiten.

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Der Reisejournalist und Übersetzer Matthias Eickhoff ist seit 25 Jahren von der Vielseitigkeit Budapests fasziniert: „Die Donaumetropole ist eine der spannendsten und attraktivsten Städte Mitteleuropas, die ihre Traditionen bewahrt und immer offen für neue Trends ist. Budapest ist voller Dynamik.“ Auch privat ist Matthias Eickhoff mit Budapest eng verbunden, da seine Frau aus der ungarischen Hauptstadt stammt.

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Quelle: www.marcopolo.de