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Reiseführer Brasilien:Stichworte

Von Capoeira, Fußball und Samba: brasilianische Mischung – afrikanische Wurzeln und europäische Kultur in tropischen Gefilden

Amazonas

Mit 6800 km ist der Amazonas neuesten Messungen zufolge der längste Fluss der Welt. Bevor der Fluss aber überhaupt den Namen Amazonas trägt, hat er schon über die Hälfte seines Weges aus den peruanischen Anden zurückgelegt. Das größte Frischwasserreservoir des blauen Planeten wird aus über 1100 Zuflüssen gespeist, 17 davon sind über 1600 km lang. Eine Wassertiefe von über 60 m ermöglicht es selbst Ozeanriesen, 3720 km flussaufwärts zu fahren. An seiner engsten Stelle, in Óbidos, ist der Fluss noch immer 2 km breit; an seiner Atlantikmündung in Belém öffnet sich ein 330 km breites Delta. Das Amazonasbecken beherbergt das größte Regenwaldgebiet der Welt, in dem ein Drittel aller bekannten Pflanzen- und Tierarten zu Hause ist. Drei Viertel der Fläche Amazoniens, mit rund 5,8 Mio km2 eine Fläche so groß wie ganz Europa ohne Russland, liegen in Brasilien. Seit den 1970er-Jahren sind große Flächen tropischen Regenwalds durch legale und illegale Rodungen verlorengegangen. Strengere Umweltgesetze und eine konsequentere Anwendung der Gesetze konnten die Geschwindigkeit der Zerstörung in den letzten Jahren zumindest etwas verringern.

Bevölkerung

Brasilien hat eine bunt durchmischte Bevölkerung. 5–6 Mio. Indianer sollen im Gebiet des heutigen Brasilien gelebt haben, als die Portugiesen das Papageienland in Besitz nahmen. In der Folgezeit wurden rund 5 Mio. afrikanische Sklaven ins Land gebracht. Die meisten europäischen Einwanderer stammten aus Portugal, Italien, Spanien und Deutschland. Dazu kamen die japanischen Immigranten. So wundert es nicht, dass die Brasilianer 143 Bezeichnungen für die Selbsteinschätzung ihrer Hautfarbe bei der Volkszählung fanden. Die trockene Statistik fasst zusammen: 47 Prozent weiße, 43 Prozent farbige, 7,6 Prozent schwarze Brasilianer, 2 Prozent sind asiatischer und 0,3 Prozent indianischer Abstammung. Die über 200 Indianergruppen leben weit verstreut und sprechen verschiedene Sprachen.

Candomblé

Die afrikanischen Sklaven brachten ihren Glauben mit in die Neue Welt. Als Candomblé bezeichnet man die religiösen Praktiken zu Ehren der afrikanischen Götter, die je nach ihrer Herkunft Orixás oder Voduns (bei den Yoruba und Jeje aus Westafrika) und Inquices (bei den Bantu aus Angola) genannt werden. Die Sklaven wurden von den Kolonialherren zwangsgetauft. Das verhinderte nicht, dass sie weiter ihren Göttern huldigten, im Notfall „versteckt“ hinter dem Bild eines katholischen Heiligen. So entstand der Synkretismus, wie man die Vermischung verschiedener Religionen nennt. Als Umbanda bezeichnet man die Vermischung afrikanischer Götter mit katholischen Heiligen und dem Spiritismus – verbreitet in Rio de Janeiro und im Süden. Wer von Macumba spricht, meint meist schwarze Magie.

Capoeira

Kampf und Tanz, Gesang und Percussion, Improvisation und Akrobatik vereinen sich in der Capoeira , ursprünglich eine Kampftechnik, mit der die Sklaven unter dem Deckmantel von Musik und Tanz ihren Körper stählten. Bei einem Capoeira-Spiel stehen zwei Kontrahenten innerhalb eines Kreises und versuchen, ihr Gegenüber mit schwingenden Schritten, Tritten und Schlägen, echten und angedeuteten, zu dominieren. Das Geschehen in der roda, dem Kreis, wird bestimmt vom berimbau, dem mit einer Metallsaite gespannten Musikbogen mit der Kalebasse. Zum Capoeira-Orchester gehören außerdem die atabaque genannte Fasstrommel und das Schellentamburin. Die Umstehenden singen Lieder und klatschen den Rhythmus.

Favelas

Favelas heißen die planlos wachsenden, illegalen Wohnviertel der armen Brasilianer in den Städten. Aus dem Canudos-Krieg (1897) im Nordosten nach Rio de Janeiro zurückgekehrte Soldaten siedelten sich auf einem Hügel in der Nähe des Zentrums an, der als Morro da Favela bekannt wurde. Die meisten Favelas in Rio de Janeiro liegen bis heute an den Berghängen, in anderen Städten breiten sie sich in der Ebene aus. Große Probleme gibt es, wenn Drogenhändler in den unübersichtlichen Wohngebieten ihre Imperien einrichten. In Rio de Janeiro konnten einige der wichtigsten Favelas inzwischen von der Polizei befriedet werden. Mit groß angelegten Regierungsprogrammen – alles mit Blick auf die bevorstehenden sportlichen Großereignisse – soll fehlende Infrastruktur aufgebaut werden. Angesichts der Dimension der Favelaproblematik werden aber nur punktuelle Verbesserungen zu erwarten sein.

Fussball

Als die Engländer das Spiel mit nach Brasilien brachten, war es nur den weißen Eliten vorbehalten. Heute ist Fußball neben dem Karneval die größte Leidenschaft aller Brasilianer. Pelé und Garrincha, Ronaldinho, Kaká und Neymar – die Brasilianer sind Ballartisten, bekannt für Kreativität, Eleganz und Schlitzohrigkeit im Spiel. Jahrelang wurden die größten Talente nach Europa exportiert. Der neue Star Neymar blieb zunächst noch in seiner Heimat, doch 2014 wechselt auch er zum FC Barcelona. Jede WM ist ein Ereignis, das das ganze Land in Aufregung versetzt. Fünfmal wurde die seleção (die Auswahl) bisher Weltmeister. Bei der WM im eigenen Land ist der Titel fast ein Muss. Der Countdown für 2014 läuft; dann wird das Land im Fußballrausch versinken. Leidenschaft und Talent haben übrigens auch die brasilianischen Fußballfrauen: Fünfmal hintereinander wurde Marta zur besten Fußballerin der Welt gewählt.

Gesellschaft

Die sozialen Gegensätze in Brasilien sind eklatant. Das Land weist noch immer eine der größten Einkommenskonzentrationen weltweit auf. Doch inzwischen hat sich erstmals der Gini-Koeffizient, der die Einkommensverteilung misst, verbessert: Dank des wirtschaftlichen Wachstums und dank Bolsa Família, eines breit angelegten Programms von Transferzahlungen, begonnen unter Präsident Lula. Dennoch wird die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Gruppen immer tiefer – mit allen negativen Auswirkungen. Die Beseitigung der Kriminalität, zusammen mit einer umfassenden Reform des Bildungssystems, gehört zu den größten Herausforderungen für Brasilien.

Gold & Barock

Zu Beginn des 18. Jhs. wurde im Bergland von Minas Gerais Gold gefunden. Innerhalb weniger Jahre stieg Vila Rica (Ouro Preto) zur größten und reichsten Stadt Amerikas auf. Mit dem Gold wurden Kirchen und Paläste gebaut, in denen sich portugiesische Traditionen mit brasilianischem Talent vermischten. Aleijadinho, das „Krüppelchen“, wurde der geniale Künstler genannt, dessen Skulpturen, Reliefs und Kirchen zum Schönsten des brasilianischen Barock gehören. Der als Sohn einer Sklavin und eines portugiesischen Baumeisters geborene Antônio Francisco Lisboa ließ sich seine Werkzeuge an die Arme binden, als seine Gliedmaßen durch eine Krankheit verstümmelten. Ähnlich arm und besessen durchwühlen bis heute Tausende von Goldgräbern die Erde und Flüsse Brasiliens, hauptsächlich im Amazonasgebiet.

Karneval

Brasilien ist das Land des Karnevals. Die Portugiesen brachten das Entrudo (Fasching) mit in die Neue Welt. Daraus wurde in den Tropen durch den Einfluss der Sklaven und ihrer Nachfahren der farbenprächtigste Karneval der Welt. Ob bei der Parade der Sambaschulen oder im Straßenkarneval – die Zurschaustellung der sprichwörtlichen brasilianischen Lebensfreude ist ein einmaliges Erlebnis. Karneval wird überall etwas anders gefeiert. Höhepunkt in Rio de Janeiro sind die zwei Nächte (So/Mo), in denen die zwölf besten Sambaschulen durch das Sambódromo ziehen. Sie können als Zuschauer auf der Tribüne dabei sein oder sogar bei einer der Sambaschulen mitmachen. Tickets und Infos auf Englisch unter www.rio-carnival.net . Umsonst auf der Straße sind die Umzüge der Karnevalsgruppen im Stadtzentrum , in Santa Teresa, in Copacabana und Ipanema. In den letzten Jahren erlebte der Straßenkarneval eine echte Renaissance – mitfeiern erwünscht (Infos unter www.sebastiana.org.br ). Auch in São Paulo (Fr/Sa) und am Amazonas wetteifern die Sambaschulen bei einem Umzug durch ein Sambastadion. Im Nordosten wird der Karneval tagelang auf den Straßen gefeiert. In Salvador herrscht sieben Tage lang Ausnahmezustand: Riesige Trios Elétricos – so heißen die von Sattelschleppern gezogenen fahrbaren Bühnen, auf denen Musikgruppen spielen – schieben sich durch die Straßen. Begleitet werden sie von Tausenden Tanzenden in den jeweiligen Blocos. Entlang der Karnevalsmeilen sind riesige Tribünen aufgebaut, camarotes genannt, von denen man dem Treiben auf der Straße zuschauen kann. Karten für Blocos und Camarotes gibt es bei www.centraldocarnaval.com.br . Viele kleinere Musik- und Karnevalsgruppen, darunter auch Blocos Afros und traditionelle Blaskapellen, präsentieren sich im Pelourinho-Viertel – familiärer, entspannter, aber nicht weniger ausgelassen.

Auch in Olinda und Recife wird auf der Straße gefeiert. Auf einer Bühne am Ponto Zero in der Altstadt Recifes präsentieren sich jede Nacht Frevo-, Maracatu- und Mangue-Beat-Gruppen. Das Treffen der riesigen Pappmachépuppen ist einer der Höhepunkte des Karnevals in den engen Gassen von Olinda. Hier ist der Karneval noch weniger kommerzialisiert als in den anderen Karnevalshochburgen. Wer will, kann mitmachen.

Musik

Samba und Bossa Nova haben die brasilianische Musik weltberühmt gemacht. Im Alltag werden Sie sehen, dass immer irgendwo jemand singt, spielt, trommelt, tanzt. Musik gehört einfach dazu, ganz gleich ob intelektuelle MPB (Música Popular Brasileira), seelenvolle Sertanejo-Musik (die Country-Musik Brasiliens aus dem Sertão), poppige Axé-Music aus Bahia, Romantikschmelz, Funk und Rap, fetziger Forró oder eindeutig zweideutiger Pagode. Jede Region hat ihre eigenen Musikstile und ihre eigenen Stars.

Rassismus

Obwohl die brasilianische Bevölkerung eine wilde Mischung von Menschen unterschiedlichster ethnischer Herkunft ist, gibt es Rassendiskriminierung. Das wollten die Brasilianer lange selbst nicht wahrhaben, aber die statistischen Daten belegen die großen sozialen Diskrepanzen zwischen Brasilianern heller und dunkler Hautfarbe. Das vorherrschende Schönheitsideal orientiert sich an Nordeuropa: lange, glatte Haare, am besten blond, nicht allzu dunkle Haut und helle Augen. Inzwischen ist das (Selbst-)Bewusstsein der Afrobrasilianer jedoch gewachsen. Statt die Haare zu glätten, tragen die Jugendlichen Black-Power- oder Flechtfrisuren und Rastazöpfe. Rassismus wird strafrechtlich verfolgt, und an den meisten öffentlichen Universitäten z. B. gibt es Quotenregelungen.

Religion

Bei aller Lockerheit der Brasilianer: Die Religion spielt im täglichen Leben eine wichtige Rolle. Bis heute ist Brasilien die größte katholische Nation der Welt, deren Bischöfe selbstbewusst auftreten. Aber der katholischen Kirche laufen die Gläubigen in Scharen davon, am häufigsten zu einer der modernen Pfingstkirchen, wo das persönlilche Seelenheil vor allem gegen finanzielle Beteiligungen zu haben ist. Die Vermischung der religiösen Traditionen, insbesondere der afrikanisch-animistischen mit den katholischen – der Synkretismus –, ist seit Jahrhunderten typisch für Brasilien. Es ist nicht ungewöhnlich, mehrfach den Glauben zu wechseln.

Wirtschaft

Brasilien verkauft heute Flugzeuge und Trucks, produziert Erdöl und Biotreibstoffe, exportiert Soja und Orangensaftkonzentrat. Der wirtschaftliche Reichtum konzentriert sich allerdings in den Städten des Südostens und des Südens. Und dennoch: Der Wirtschaftsboom hat ganz Brasilien erfasst. Über 20 Mio. Brasilianer sind im vergangenen Jahrzehnt in die Mittelschicht aufgestiegen. Es wird konsumiert wie verrückt. Der riesige Binnenmarkt ist auch für ausländisches Kapital interessant. São Paulo beispielsweise gilt als größte „deutsche“ Industriemetropole.

Zucker

Wirtschaftlich interessant wurde Brasilien seinerzeit erst, als es den portugiesischen Besatzern gelang, Zuckerrohr anzubauen. Für die harte Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern holten sie Afrikaner als Sklaven nach Brasilien, die später auch im Bergbau, auf den Kaffee- und Kakaoplantagen eingesetzt wurden. Zwei Jahrhunderte lang blieb Brasilien der größte Zuckerproduzent der Welt; bis heute ist das Land weltweit der größte Kaffeeproduzent. Zu Beginn des dritten Jahrtausends steht Zucker nun erneut im Mittelpunkt des internationalen wirtschaftlichen Interesses: diesmal zur Produktion von Bioethanol, das als kostengünstiger Treibstoff gilt.

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Petra Schaeber begeisterte sich schon als Schülerin für Lateinamerika. Nach den ersten Reisen auf den Kontinent absolvierte sie die Journalistenschule und ein Wirtschaftsstudium in Köln und Rio de Janeiro. Heute lebt die von der afrobrasilianischen Kultur faszinierte Autorin und Journalistin mit ihrer Familie in Salvador da Bahia im Nordosten Brasiliens.

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Quelle: www.marcopolo.de

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