bedeckt München 17°

Reiseführer Ägypten:Auftakt

Entdecken Sie Ägypten!

Es sind nicht gerade wenige Superlative, mit denen das Land am Nil aufwarten kann. Ägypten gilt als die Wiege der Zivilisation und als der älteste Verwaltungsapparat der Menschheit. Hier wurde die Steinbauarchitektur erfunden, deren früheste Zeugin, die Stufenpyramide von Saqqara, man noch heute bewundern kann, hier entdeckten Archäologen die ältesten Schriftstücke der Menschheitsgeschichte und hier kann man das letzte erhaltene Weltwunder der Antike sehen: die Pyramiden von Gizeh.

Ein Superlativ aber wird selten beachtet: Ägypten ist gleichzeitig das älteste Reiseziel der Welt. Tempel und Pharaonengräber, die mit klingenden Namen wie Ramses, Tut-ench-Amun, Nofretete oder Echnaton in Verbindung gebracht werden können, dazu prächtige Moscheen und die Kirchen einer der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt, üppige Gärten am Nil und Wallfahrtsorte im ganzen Land locken seit Jahrtausenden Wissenschaftler und Pilger, Abenteurer oder einfach nur Neugierige hierher. So ist es nur folgerichtig, dass Ägypten auch die Geburtsstätte des modernen Tourismus ist. Thomas Cook, ein praktisch veranlagter britischer Pedant, sah, dass alle wichtigen Sehenswürdigkeiten des Landes in Reichweite des Nilufers liegen, und erfand 1869 die Nilkreuzfahrt, die deren Besichtigung ohne große Strapazen ermöglichte. Und damit seine Gäste in der exotischen Fremde immer wussten, woran sie waren, beglückte er sie mit der Pauschalreise. Unterkunft, Verpflegung, Tourguide – alles war im Reisepreis enthalten, außer Gin und andere Alkoholika.

Heutige Touristen haben vor allem ein Problem: Wo sollen sie zuerst hinfahren? Im Süden locken die magische Kultur der Pharaonen und die idyllische Nillandschaft, im Osten bietet das Rote Meer Traumstrände, glasklares Wasser und eine artenreiche Unterwasserwelt, die zu den beeindruckendsten der Erde gehört. Für Kairo allein bräuchte man Wochen, um alle pharaonischen, römischen, koptischen, fatimidischen und mamlukischen Kunst- und Baudenkmäler zu erkunden, und mindestens Monate, um zu begreifen, wie dieser aberwitzige Schmelztiegel aus Tradition und Moderne wirklich funktioniert. Aber dann gibt es ja noch Alexandria, die „alte Dame“ am Mittelmeer, in die Nostalgiker aus aller Welt hoffnungslos verliebt sind; außerdem die Oasen in der Westlichen Wüste, den biblischen Sinai, den Sinai der Beduinen, den Sinai der Beachurlauber aus Europa und den der Hippies und Aussteiger auf Zeit an den Stränden von Dahab und Tarabin.

Das gesamte Land wirkt, als hätten es die Planer in den großen Reisebüros auf der Suche nach perfekten Kombinationsmöglichkeiten erfunden: Sport und Bildung, Tauchen und Bergwanderungen, extreme Naturerlebnisse und das Großstadtabenteuer im Moloch Kairo. Ägypten reizt Hobbyarchäologen und Bibelkreise, Esoteriker, Völkerkundler und Teenager, die die Unterwasserwelt des Roten Meers erkunden oder Paragliding ausprobieren wollen.

Der Nil ist die Lebensader des Landes. Seit Jahrtausenden beschert er den Ägyptern einen Lebensrhythmus, der ihre Mentalität geprägt hat. Einmal im Jahr überschwemmte die Nilflut das Ackerland und ließ fruchtbaren Schlamm zurück. Die Fellachen bestellten das Feld, brachten die Ernte ein, und mit der nächsten Flut begann der Kreislauf erneut – jahraus, jahrein. Kein Alltagsproblem konnte so bedeutend sein, kein Streit, keine Sorge, kein Unglück so groß, dass die Ägypter daran zweifelten, von der Vorsehung reich beschenkt zu werden.

Das erklärt teilweise Eigenschaften der Ägypter, über die viele Reisende immer wieder erstaunt sind: ihre unendliche Gelassenheit, ihren Humor und ihre ansteckende Freundlichkeit. Es gibt nur wenige Dinge, die sie aus der Ruhe bringen können. Problemen und ihrem eigenen schlechten Gewissen begegnen sie mit einer Formel, die oft schon in Büchern beschrieben wurde. Sie lautet: IBM. Das I steht für „Insha'Allah“ und bedeutet „so Gott will“. Es ist die übliche Antwort selbst auf die Frage, ob die U-Bahn, an der Helwan steht und die in Richtung Helwan vor Ihnen einfährt, auch wirklich nach Helwan geht. Das B steht für „bukra“, was „morgen“ heißt, aber meistens meint: „Was ich heute kann besorgen, kann ich morgen immer noch verschieben, irgendwann wird es schon werden.“ Das M ist das Kürzel für „malesh“ – „tut mir leid, macht doch nichts, ist nicht so schlimm“.

Diese Gelassenheit hilft den Menschen, Lebensverhältnisse zu ertragen, die viele Mitteleuropäer längst in die Verzweiflung getrieben hätten. Fast jeder zweite Ägypter muss mit weniger als 1,30 Euro pro Tag auskommen, aber selbst in Armenvierteln kostet ein Liter Milch fast einen Euro. Die Analphabetenrate beträgt knapp 30 Prozent. Mindestens zwei Drittel aller Menschen in Kairo leben in zumeist ärmlichen Vierteln, die ohne behördliche Genehmigung errichtet wurden, in den sogenannten Ashwa'iyyas.

Nachdem das Mubarak-Regime die Parlamentswahlen Ende 2010 dreister gefälscht hatte als jemals zuvor und Korruption, Polizeigewalt sowie Folter nie dagewesene Ausmaße angenommen hatten, war es mit dem Gleichmut jedoch vorbei. Millionen Menschen überwanden Angst und Resignation. Jung und Alt, Muslime und Christen stürzten gemeinsam 2011 ihren verhassten Präsidenten. Auch sein gewählter Nachfolger, der Muslimbruder Mohamed Mursi, konnte sich aufgrund der anhaltend schlechten Wirtschaftslage und seines autoritären Regierungsstils nicht lange im Amt halten. Er wurde im Juli 2013 durch einen Militärputsch gestürzt – der Auslöser für eine blutige Staatskrise. Hunderte Pro-Mursi-Demonstranten wurden von Sicherheitskräften erschossen, in der Folgezeit Anhänger der Muslimbrüder im Schnellverfahren zum Tod verurteilt, Tausende Regierungsgegner, gezielt auch demokratische Aktivisten und Intellektuelle, ins Gefängnis gesteckt. 2014 ging Armee-Oberbefehlshaber Abdel Fattah el-Sisi aus Wahlen als neuer Präsident hervor. Viele Ägypter erhofften sich von ihm wirtschaftlichen Aufschwung und sahen el-Sisi als einen Retter, der das Land mit dem Militärputsch vor einer islamischen Theokratie bewahrt hatte. Weltweit warfen Kritiker, darunter Menschenrechtsorganisationen und westliche Regierungen, el-Sisi vor, dass er wie schon seine diktatorischen Vorgänger jede noch so legitime Opposition unterdrücke, Zehntausende willkürlich ins Gefängnis stecken lasse. Im Jahr 2015 eskalierte auf dem Nordsinai, der Region an der Mittelmeerküste um Al Arish und des Gaza-Streifens, der blutige Konflikt mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“. Deren Ziel war klar: Destabilisierung Ägyptens, Regimesturz, Errichtung eines Kalifats. Es gibt allen Grund, davon auszugehen, dass sich die Ägypter einer solchen Tyrannei mit allen Kräften widersetzen. Denn generell sehnen sich auch hier die Menschen nach stabilen Verhältnissen. Sie werden es von den Ägyptern hören, die Sie treffen. Und staunen werden Sie sicher auch, mit wie viel Heiterkeit und Humor sie ihrer schwierigen, vielfach von Armut geprägten Lage begegnen. Diese Erfahrung ist eines der schönsten Mitbringsel einer Ägyptenreise.

Weiter zu Kapitel 2

Die Autorin und Ägyptenliebhaberin, die bereits 2006 im Land am Nil lebte, um Arabisch zu studieren, hat das kulturell wie landschaftlich faszinierende Stück Erde und seine freundlichen Bewohner schnell ins Herz geschlossen. Deshalb kehrte sie nach Studiumsende ins Land der Pharaonen zurück, um als Journalistin über die Besonderheiten einer außergewöhnlichen Urlaubsregion zu berichten.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite