Süddeutsche Zeitung

Reisefotografie:Virus im Bild

Mit seinem Fotoprojekt "High Noon" zeigt Julian Kirschler die Leere an bekannten touristischen Orten. Und verstärkt sie noch.

Von Stefan Fischer

Zwei Dinge sind dem Fotografen Julian Kirschler sehr schnell klar geworden, als er kurz nach dem Beginn des ersten Shutdowns im Frühling 2020 durch ein leeres Parkhaus am Stuttgarter Flughafen gefahren ist: Zum einen, dass für ihn als Fotografen eine unheimlich interessante Zeit beginnen würde, da die Welt fortan anders aussehen würde als zuvor und sich deshalb vollkommen neue Motive ergeben. Zum anderen, dass es Millionen Fotografien geben würde, die diese neue dystopische Leere dokumentieren.

Die Herausforderung, der er sich stellen wollte, war insofern, eine eigene Perspektive auf diese besondere Situation zu entwickeln. Nun, ein knappes Jahr später, steht sein Fotoprojekt "High Noon" kurz vor der Vollendung. Zwei Monate ungefähr noch, sagt Kirschler, "dann kann ich Museen kontaktieren, in denen ich gerne ausstellen würde, und ihnen das Konzept anbieten." Er ist zuversichtlich, dass es im kommenden Jahr eine erste Präsentation im deutschsprachigen Raum geben und die Ausstellung anschließend um die Welt gehen wird. Auch für ein Buchprojekt ist Kirschler in Gesprächen mit Verlagen. In den Band soll - wie in der Ausstellung auch - Musik integriert werden, er werde eine Verbindung von Buch und App, so wünscht Kirschler sich das. Bislang sind seine Fotografien auf seiner Website High Noon Places zu sehen.

Der 56-jährige Fotokünstler aus Pforzheim bearbeitet seine digitalen Aufnahmen - er verwendet Kameras mit einer Auflösung von 100 Megapixel oder mehr - intensiv nach. In einem ersten Schritt perfektioniert er mithilfe von Photoshop endgültig den Stil, den er über die Jahre für sich entwickelt hat. Anschließend entfernt er einzelne Personen oder Fahrzeuge aus den Bildern, um den Eindruck von Leere zu verstärken.

Das Virus vervielfältigt das Bild und erzeugt eine Unschärfe

Der wichtigste Eingriff ist jedoch, dass Kirschler die Fotodateien mit einem selbst ersonnenen Virus infiziert. Das Virus vervielfältigt das Bild und verschiebt die Kopien in vertikaler Richtung jeweils um einige Pixel. Dadurch entsteht eine beabsichtigte Unschärfe. In einem letzten Schritt fügt Kirschler Elemente der Originaldatei wieder ein, dadurch wird manches erneut scharf. "So kann ich Dinge hervorheben, die mir wichtig sind", sagt er. Ein arbeitsintensiver Prozess, der bis zu eineinhalb Tage dauert.

Es geht Julian Kirschler dabei nicht darum, die neue Leere zu dokumentieren: "Ich mache keine journalistischen Aufnahmen. Ich benutze zwar Methoden der Street-Fotografie, aber letztlich manipuliere ich die Bilder." Er will den veränderten Sehgewohnheiten etwas entgegensetzen. "Auf Instagram ploppen Bilder auf, die Leute schauen drauf und wischen weiter - das dauert nicht einmal eine Sekunde." Auch deshalb bekommen seine Bilder in der Ausstellung alle ein eigenes Musikstück unterlegt. "Dadurch kann ich als Künstler die Verweildauer über die Länge der Soundscapes ein wenig steuern. Und den Betrachter dazu animieren, Dinge zu entdecken." Es gehe, sagt Kirschler, in diesen Fotografien nicht darum, einen Ort genau zu beschreiben. Sondern ein Gefühl für einen Ort.

Deshalb hatte er auch die Idee, ein digitales Virus zu kreieren, weil das symbolisch für unsere Zeit steht. Nicht nur über den Bildinhalt solle ersichtlich werden, wann die Bilder entstanden sind, sondern auch über die Methode der Fotografie. "Unsere aktuelle Gegenwart ist begleitet von einer gewissen Unschärfe, Diffusität, die ich auch meinen Bildern hinzufüge. Das zweite Thema ist die Vervielfältigung des Virus."

Der Fotograf hofft, dass die Orte auch nach der Pandemie nicht wieder so überfüllt sein werden

Die Pandemie bietet eine Chance, anders auf viele Dinge zu blicken. Kirschlers Bilder bieten Anhaltspunkte, sich mit Architektur und Geschichte, Tourismus und Umwelt, Stadtplanung und Verkehr auseinanderzusetzen. "Dass all diese bei Touristen beliebten Städte auf den Fotos menschenleer sind, so wie man sie gar nicht kennt, sagt uns zum Beispiel: Wir haben es übertrieben", so Kirschler. Er hofft, dass es nach dem Ende der Krise keinen vollständigen Rückfall in alte Muster gibt.

Der Titel "High Noon" stehe, so Kirschler, symbolisch für die Hauptverkehrszeit. Und, wenn man an den Western denke, für eine Zuspitzung. Bislang umfasst das Projekt Bilder aus Berlin, Hamburg, Frankfurt und München, Florenz, Siena, Rom, Mailand und Venedig, London und Madrid. In der spanischen Hauptstadt war Kirschler zuletzt, während der starken Schneefälle. "Das war herrlich skurril", sagt er. Er möchte unbedingt noch nach Amsterdam und Wien.

Eine besondere Serie ist in Venedig entstanden. Auf diesen Aufnahmen hat er die Steuerleute entfernt, die Boote jedoch in den Bildern belassen. Sie gleiten nun wie geisterhafte Gefährte durch die Kanäle. Die Idee geht zurück auf ein verstörendes Erlebnis: Kirschler wurde Zeuge, wie ein Rassist einer Person of Color, die mit einem Lastenboot unterwegs war, minutenlang Affenlaute hinterhergebellt hat. "Da ging es nicht darum, einen sehr schlechten Witz zu machen, sondern jemanden zu demütigen, das war für mich schockierend", sagt Kirschler. Seine Folgerung: Wenn eine Person of Color nicht durch Venedig fahren dürfe, ohne hasserfüllt begleitet zu werden, dann soll es keiner können.

Leseraufruf

Grenzen sind dicht, Quarantäne ist am Ziel und zuhause Pflicht, und die Virus-Mutanten sind schon vor uns da - Reisen ist zurzeit aus vielen Gründen weder möglich noch sinnvoll. Dabei wären im Lockdown-Stress viele Menschen eigentlich ferienreif. Doch wie sagen die Bayern, die ewigen Optimisten? A bisserl was geht immer. Daher: Schreiben Sie uns hier, wie Sie sich zuhause fühlen wie im Urlaub. Frühstücken Sie in der Hängematte, kaufen Sie die exotischste Zutat und suchen erst dann ein Rezept dazu, oder spazieren Sie durch Viertel Ihrer Stadt, die Sie noch nie betreten haben? Eine Auswahl der besten Tipps wird auf sz.de/reise veröffentlicht.

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