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Reisefotograf Dane Strom:Ein Amerikaner verteidigt Mexikos Ehre

Jahre bevor Trump mit der Mauer drohte, wechselte Dane Strom die Seiten und zog nach Mexiko. Seine Bilder zeigen die knallbunten Feste und die harte Realität von Menschen, denen nie die Fantasie ausgeht.

Von Irene Helmes

12 Bilder

Mexiko

Quelle: Dane Strom

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Eine kleine Mädchenarmee marschiert durch die Straßen von Ajijic im Südwesten von Mexiko. Jedes Jahr wieder, am Tag der Revolution. Sie erinnern an die Soldaderas, die Frauen also, die 1910 Seite an Seite mit den Männern gegen das damalige Regime kämpften. Es ist einer der zahlreichen Feiertage, die heute das Leben in Mexiko durchziehen und den Fotografen Dane Strom faszinieren. Auch, weil sie mehr sind als einfache Umzüge oder leere Rituale.

"Der Geist der Revolution ist immer noch stark in Mexiko", sagt Strom, "vielleicht weil die Menschen sie nie wirklich gewinnen und zu Ende bringen konnten". Aber auch an solchen Tagen gibt es Details, die ihn nachdenklich machen: "Haben Sie bemerkt, dass die Babypuppen alle weiß sind?", fragt der Amerikaner. Für ihn ein Zeichen dafür, wie Mexiko von fremden Schönheitsidealen beeinflusst ist: "In den Läden gab es vermutlich gar keine anderen Puppen zu kaufen."

Mexiko

Quelle: Dane Strom

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Warten auf "Trump Towers": Ein Spott-Plakat, das Strom am 8. November 2016 in seiner Wahl-Heimat fotografierte, während seine Landsleute den Mexiko-Verächter Donald Trump ins Weiße Haus wählten. Das komplexe Verhältnis zwischen den Nachbarländern prägt Dane Stroms Leben entscheidend.

2010, lange vor Trumps Drohung mit der Grenzmauer, warf der damals 27-jährige Webdesigner seinen Job bei der Zeitung Denver Post hin und zog nach Ajijic, eine Kleinstadt im mexikanischen Bundesstaat Jalisco am Ufer des Chapala-Sees. Nun, acht Jahre später, fühle sich alles sehr anders an. Offener Hass sei in den USA gesellschaftsfähig geworden, klagt Strom. Man hört ihm an, wie sehr ihn das aufbringt, so wie der "Rassist und Heuchler Trump". Sein größter Antrieb zum Fotografieren sei mittlerweile, Mexikos Ehre und Schönheit zu verteidigen und zu versuchen, wenigstens ein paar Menschen andere Bilder zu zeigen, sagt Strom.

Über die Einstellungen anderer US-Expats in seiner Gegend macht er sich aber keine Illusionen: Viele der "Gringos" seien Trump-Anhänger. Umso ironischer, dass ausgerechnet sie, die Latinos in den USA Integrationsverweigerung vorwerfen, teils nach 30 Jahren in Mexiko kaum ein Wort Spanisch sprechen und "völlig abgekapselt" leben. "Es fehlt ihnen an Neugier", sagt Strom.

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Quelle: Dane Strom

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Der mittlerweile 34-Jährige reist gerne kreuz und quer durchs Land, um die örtlichen Eigenheiten kennenzulernen. Auf Einladung einer Zufallsbekanntschaft besuchte Strom auch San Cristóbal de las Casas im Hochland von Chiapas, im südlichsten mexikanischen Bundesstaat. Hier starteten die revolutionären Zapatistas 1994 ihren Aufstand. Eine der ersten Aktionen der indigenen Aktivisten war das Aufrufen eines "Revolutionsgesetzes" für Frauen. Die zehn Artikel forderten grundlegende Freiheiten wie das Recht, selbst über Heirat oder Kinderkriegen zu entscheiden.

Fast ein Vierteljahrhundert später sei Macho-Gehabe und Sexismus noch immer ein echtes Problem in Mexiko, sagt Strom, das würden ihm einheimische Freundinnen immer wieder bestätigen. Doch viele wehren sich - so auch in sarkastischen Graffitis wie hier in San Cristóbal, wo eine Comicprinzessin Machos mit Knarre und Machete droht.

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Auf dem Land haben die Zapatistas in Chiapas seit den 1990ern teils Selbstverwaltungen und eigene Strukturen aufgebaut, die der Staat mittlerweile gewähren lässt. Fremde brauchen oft erst eine Erlaubnis, bevor sie die Orte sehen können. Doch in manchen Dörfern, so erklärt Strom, können Besucher sich herumführen lassen und erfahren, was es heute mit den Zapatista-Ideen noch auf sich hat.

Oventic ist eines dieser Zentren. Strom war besonders von der vielfältigen Wandmalerei fasziniert, die revolutionäre Themen zeigt. "Als ich dorthin kam, hatten sie sogar gerade ein 'Black Lives Matter'-Graffiti gemacht", erzählt Strom. Bei allen Problemen, die er auch in den Zapatista-Orten beobachtet - manchmal bis hin zur Mobjustiz: Die indigenen Zapatista-Dörfer seien alles andere als weltabgewandt und auf sich fixiert. Sondern, auch dank Internet, mit der Welt verbunden und solidarisch mit Diskriminierten in anderen Ländern.

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Quelle: Dane Strom

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"Ich weiß noch, wie ich damals in der Schule gelernt habe, die USA seien ein melting pot", erzählt Strom. "Und dass ich gedacht habe: Ein melting pot, was soll das denn sein?!" Inzwischen sei ihm klar, dass Mexiko mindestens ebenso ein Schmelztiegel der Kulturen ist.

Die indigenen Kulturen haben hier, wie in den USA und Kanada, grausame Jahrhunderte durchlitten. Ganz konnten die spanischen Kolonialherren ihre Traditionen aber nicht auslöschen. Uralte aztekische Tänze etwa gingen in neuen katholischen Ritualen auf - sodass noch heute, wie auf diesem Bild, Tänzerinnen und Tänzer in traditionellen Gewändern dazugehören.

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"Wer hätte je gedacht, dass Mozart gut für Tequila ist?" Strom lacht, wenn er an diese Erkenntnis eines Ausflugs im Hochland von Arandas denkt. Agaven von riesigen Plantagen werden für das Nationalgetränk direkt vor Ort in einer Destillerie verarbeitet. In dieser läuft rund um die Uhr klassische Musik - und zwar grundsätzlich nur von Mozart. Ein sehr spezielles Erfolgsrezept also.

Stroms Bild zeigt Feldarbeiter bei der Ernte. "Die Mexikaner schuften hart für wenig Geld", sagt Strom, oft sechs Tage in der Woche, teils in mehreren Jobs. "Klagen höre ich trotzdem selten, eher Dankbarkeit darüber, dass man überhaupt Arbeit hat."

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Ein Schnappschuss im abendlichen Verkehr: "Diese Frau kam wahrscheinlich von einem mühseligen Tag auf einer der Erdbeer-Farmen der Gegend zurück", vermutet Strom.

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Einerseits die harte Realität, andererseits die Lust an gemeinsamen Festen - diese Kontraste Mexikos zeigt Stroms Motivauswahl.

Hier treten Escaramuzas, also mexikanische Cowgirls, in Chapala zu einer Synchron-Ritt-Vorführung an. Doch nicht, ohne vorher gemeinsam zu beten: "Man sieht bei dem dritten Mädchen von links auch einen Rosenkranz in der Hand."

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Das ganz besondere Verhältnis der Mexikaner zum Tod fing Strom mit einer Bilderserie von Friedhöfen ein. Immer wiederkehrendes Motiv: Blumenvasen aus gebrauchten Jalapeño-Dosen. Für fremde Augen mag der Gegensatz zwischen den klassischen Heiligenstatuen und profanen Konserven schräg, gar unpassend wirken. Doch so etwas hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun, weiß Strom.

Die Mexikaner seien einfach "weniger materialistisch" und pragmatischer in vielen Dingen, der Tod nicht nur etwas Schweres. Besonders an Feiertagen dürfen Kinder auf Friedhöfen herumrennen, lachen, Familien picknicken zwischen den Gräbern, verbringen so Zeit mit den Begrabenen. Und auch die Vasen werden durchaus gepflegt: "Dann ersetzen sie eben die alten Dosen mit denen von diesem Jahr."

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"Viele Feste hier, oder?", habe ihn ein Mexikaner einmal grinsend gefragt, erzählt Strom. Allerdings. Für ihn waren sie auch ein Weg, Kontakt zur Gemeinschaft zu finden: Die Straßenfeiern sind ein Treffpunkt für alle. In Ajijic ist er inzwischen als "Shaggy" stadtbekannt, wird sogar als Fotograf für einzelne Feiern beauftragt. Doch er reist auch immer wieder in andere Orte.

Zum Beispiel nach Ixtlahuacan de los Membrillos. Dieses Bild zeigt einen Wettbewerb um die schönste "Catrina" am Tag der Toten. Eine sichtlich nervöse Kandidatin "Nummer 5" wird gerade nach vorne gerufen. Catrina ist eine alte, tief in der mexikanischen Mythologie verwurzelte Figur. In Ixtlahuacan wurden ihr bei dieser Feier gleich mehrere Schönheitswahlen gewidmet - hier die Brautkleideredition, am Tag darauf folgte die normale Ausgabe. Männer verkleiden sich wiederum als "Catrins" in eleganten Anzügen. Die Skelettschminke ist für beide Geschlechter Pflicht. Dass sich Dutzende beteiligen, liegt sowohl an der Begeisterung als auch an den beachtlichen Preisgeldern.

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Quelle: Dane Strom

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Manche Feste vereinen ganz Mexiko, andere sind Besonderheiten bestimmter Regionen oder Orte. In Ajijic verkleiden sich Männer zum Karneval grellbunt und mit Masken als Frauen. Warum, darüber gibt es verschiedene Geschichten. Tatsache ist aber, dass die "Sayacas" in ihrer Montur besonders gerne Blumen oder Konfetti werfen und Kinder jagen. Zu deren großer Begeisterung, wie Strom jedes Mal wieder beobachtet. "Sie versuchen, die Aufmerksamkeit der Sayacas zu bekommen, provozieren sie, damit die ihnen dann nachrennen... Die Kinder lieben es."

Fast so sehr, wie Dane "Shaggy" Strom inzwischen Mexiko liebt, mit all seinen Sorgen und Problemen. "Mir wurde schon gesagt: Du scheinst unser Land mehr zu mögen als mancher, der hier geboren ist", erzählt er - und klingt durchaus ein bisschen stolz dabei.

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Quelle: Illustration Jessy Asmus

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Dane Strom verdient seinen Lebensunterhalt in Mexiko hauptsächlich als Webdesigner und -entwickler, seine Fotografien sind aber auch schon ausgestellt worden und haben Auszeichnungen gewonnen, etwa beim "International Photographer of the Year" 2015. Seine Bilderserien und Projekte zeigt Strom hier auf seiner Website sowie auf Facebook und Instagram. Und nach fast acht Jahren in Ajijic hat er eine Seite mit Informationen für Touristen ins Netz gestellt, die in seine zweite Heimat am Chapala-See reisen möchten.

In dieser Serie stellt SZ.de interessante Reisefotografen vor. Bislang ging es mit ihnen in die Metropolen der Welt, nach Vietnam, tief unter die Meeresoberfläche, zu indigenen Stämmen auf den Philippinen und mitten in die deutsche Städtelandschaft, an Vulkankrater sowie zur wahren Seele der Eisberge, nach Südamerika, Hongkong, nach Taiwan, Island, Bangladesch, in die US-Südstaaten, nach "Senegambia" und Rio de Janeiro sowie in den glühenden Sommer von Tadschikistan. Weitere Episoden zeigten bereits Reisen durch Schottland, Afrika, Armenien, Myanmar, Rumänien, Iran, Spitzbergen und Georgien sowie die Lieblingsorte eines Globetrotters, der alle Unesco-Welterbestätten abbilden will.

© SZ.de/dd/kaeb/sks

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