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Reisefotograf Christian Jobst:Auf Geistergleisen

Lokführer Christian Jobst fotografiert stillgelegte Bahntrassen in Frankreich, um sie so zu bewahren. Sein größter Gegner: die Natur.

Von Katja Schnitzler

15 Bilder

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst

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Das Leben von Christian Jobst verläuft auf Gleisen, ohne geradlinig zu sein. Oder langweilig. Wenn er als Lokführer einen Zug von Bahnhof zu Bahnhof steuert, hört er das rhythmische Rattern der Räder. Wenn er aber zu Fuß unterwegs ist auf französischen Bahndämmen, auf denen schon lange kein Zug mehr fährt, hört er nur das Knirschen seiner Schuhe auf dem Schotter, ebenfalls gleichmäßig, aber noch meditativer. Wobei er immer wieder innehält.

Im Bild: Bahnlinie Abbeville - Le Treport, eröffnet im Jahr 1882, einst zweigleisig, stillgelegt 2018

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern Bahnstrecke Gleis;

Quelle: Christian Jobst

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Denn der 36-Jährige geht nicht nur stillgelegte Zugstrecken in der französischen Provinz ab, er fotografiert sie auch, Stück für Stück und detailversessen. Manchmal macht er 2000 Fotos am Tag: Eidechsen auf rostigen Schienen, Signallampen, die keine Zeichen mehr geben, verfallende Bahnhäuschen und grüne Pflänzchen, die zwischen den Schwellen austreiben und in nicht allzu langer Zeit zu Sträuchern und Bäumen heranwachsen.

Im Bild: Baumschule der Natur zwischen Malesherbes und Bourron-Marlotte-Grez

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst

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"Es ist eine skurrile Freizeitbeschäftigung auf den wohl einsamsten Wanderwegen der Welt", sagt der Deutsche, dessen braun gebrannte Haut zeigt, dass er möglichst viel Zeit außerhalb des Führerstands verbringt. Diese Zeit braucht er auch, denn in Frankreich werden mehr Bahngleise stillgelegt, als Jobst abwandern und dabei dokumentieren kann.

Im Bild: Drahtzugleitung für ein mechanisches Signal an der Linie Autun - Avallon, seit etwa 2010 fahren hier keine Züge mehr.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst

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Früher hätten Frankreichs Verkehrspolitiker das Ziel verfolgt, dass selbst in dünn besiedelten Regionen jede Ortschaft per Bahn zu erreichen war, erklärt er. Doch die Instandhaltung der Strecken kommt zu teuer, über sanierungsbedürftige Brücken kriechen die Züge nur mit gedrosselter Geschwindigkeit. Das langsame Fahren macht die Strecken im Vergleich zum Autofahren unattraktiv, die Passagiere bleiben weg, eine Sanierung lohnt noch weniger - "ein Teufelskreis", bedauert Jobst.

Im Bild: Die Unterbrechungsstelle der Chemin de fer de la Mure südlich von Grenoble, im Jahr 2010 stürzten Felsen aufs Gleis.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst (C)2019; Christian Jobst

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Nach und nach werden Strecken stillgelegt, Gleise werden unterbrochen und Schwellenkreuze signalisieren: Hier fährt nichts mehr.

Im Bild: Ein Schwellenkreuz markiert den Punkt, bis zu dem ein Gleis noch befahren werden darf.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst

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Niemals würde der Deutsche auf noch aktiven Routen fotografieren, "das ist wirklich lebensgefährlich". Aber auf den verlassenen Gleisen zwischen kleinen Dörfern hat er sein Herzensthema gefunden. Seit 2010 reist er regelmäßig an, um möglichst viele Routen abzugehen, im steten Wettlauf mit der Natur. "Nach drei oder vier Jahren ist Schluss", sagt er. Dann blockieren nicht nur umgestürzte Bäume die Gleise, auch Büsche, Dornen und Brennnesseln machen die Wanderung unmöglich. Manchmal stößt Christian Jobst aber auf ganz andere Hindernisse, etwa wenn Tunnel blockiert sind - oder er darin plötzlich vor einer Champignonzucht steht.

Im Bild: Der Abschnitt Angoulême - Saillat-sur-Vienne ist erst seit dem Frühjahr 2018 außer Betrieb.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst

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Dann sucht er sich mühsam einen Weg außen herum und setzt seine Reise genau auf der anderen Tunnelseite fort. So lässig er mit seinen Lachfalten und Dreadlocks wirkt, so akribisch ist er bei seinem Projekt: Er will die ganze Trasse für eine Nachwelt dokumentieren, die sich "vielleicht einmal fragt, wie es hier ausgesehen haben mag, als es noch eine Bahnstrecke gab". Umso mehr ärgert er sich, wenn er bei der Nachbearbeitung der Fotos an Winterabenden merkt, dass er wegen der dichten Vegetation eine Abzweigung oder ein bauliches Detail übersehen hat.

Im Bild: Christan Jobst auf einem Teil der Chemin de Fer de la Mure

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst (C)2019; Christian Jobst

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Eigentlich ist ein Thriller mit Richard Harris und Sophia Loren aus dem Jahr 1976 schuld daran, dass Christian Jobst Monate allein auf verlassenen Bahnstrecken verbringt, "wobei mir die Einsamkeit gefällt, das entspricht meinem Naturell". In dem Film "Treffpunkt Todesbrücke" stürzt ein Zug mitsamt der "Kassandrabrücke" in die Tiefe - in Wirklichkeit das noch immer intakte Garabit-Viadukt von Gustave Eiffel in Südfrankreich. Vor einer Reise nach Frankreich stöberte Jobst im Internet, stieß auf den Film, die Brücke und ein paar Links weiter auf das höchste Eisenbahnviadukt des Landes, das Viaduc de Fades in der Auvergne - inzwischen Teil einer stillgelegten Linie. Jobst schmiss seine Pläne um und wanderte knapp 60 Kilometer zum Viaduc des Fades, vorbei an verwaisten Bahnhöfen. Mit einer viel zu schwachen Taschenlampe tastete er sich durch einen 400 Meter langen Tunnel.

Im Bild: Tunnel auf dem Chemin de fer de la mure

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern Bahnstrecke Gleis Viaduc des Fades Viadukt Frankreich

Quelle: Christian Jobst

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Als er danach wieder ins Licht trat, öffnete sich vor ihm ein Tal, darüber spannte sich das mächtige Viadukt mit den höchsten Brückenpfeilern der Welt. Eine Sehenswürdigkeit, die Jobst für sich ganz allein hatte, "ein königliches Gefühl". Zugleich machte es ihn wehmütig, dass diese schönen Strecken und die Leistungen der Ingenieure verschwinden sollten.

Im Bild: auf dem Viaduc des Fades

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern

Quelle: Christian Jobst

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Also kehrte er im nächsten Jahr nach Südfrankreich zurück und ging sieben stillgelegte Bahnlinien mit vielen Tunneln und Brücken ab - aber nicht die Strecken, die als Radwege bereits beliebt sind, sondern Trassen, die sich selbst überlassen wurden. Die Fotos teilt er auf seinem Blog railwalker.de und auch mit französischen Eisenbahnliebhabern, manchmal gibt es Ausstellungen in kleinen Bahnhöfen.

Im Bild: Zwischen den Städten Limoges und Angoulême gibt es seit dem Frühjahr 2018 keine direkte Zugverbindung mehr.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern Bahnstrecke Gleis;

Quelle: Christian Jobst

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Er selbst erregt wenig Aufsehen. "Bemerken die Leute meine Kamera, sind sie beruhigt, dass ich kein Metalldieb bin." Jobst genießt es, sein Zelt direkt an den Gleisen aufzuschlagen und am nächsten Morgen gleich weiterziehen zu können mit seinem leichten Gepäck. Wie man in einen Zehn-Kilo-Rucksack alles für wochenlange Touren packt, lernte er auf dem Appalachian Trail, dem 3500 Kilometer langen US-Fernwanderweg. Sein Trekkingstock erleichtert das Gehen, hält aufdringliche Hunde auf Abstand und wird abends zur Zeltstange.

Im Bild: Camping am Bahnsteig des Haltepunktes 'Cambron - Laviers' auf der Bahnstrecke Abbeville - Le Tréport.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst (C)2019; Christian Jobst

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Monatelang ist es sein Ziel, die Strecken nicht nur detail-, sondern auch abwechslungsreich aus verschiedenen Perspektiven zu fotografieren, er setzt Eidechsen oder Vogeljunge auf den Gleisen in Szene und eingeprägte Jahreszahlen im Stahl, "aber dann wird es langsam monoton". Doch beim Sichten in der kalten Jahreszeit bekommt er wieder Lust auf die nächste Tour. Und schließlich hat er Zeit nachzuholen.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst

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Denn 2013 ließ er seine Jobs als Lokführer und Fahrradkurier in München hinter sich, um bis 2017 gigantische Güterzüge durch die Wüste Abu Dhabis zu lenken. Eine lukrative Stelle, nur musste Jobst in der Ferne ertragen, wie viele Bahnstrecken in dieser Zeit in Frankreich geschlossen wurden und sich die Natur an die Rückeroberung machte, ohne dass er auch nur einen Meter dokumentieren konnte. Inzwischen arbeitet er in Blockteilzeit auf Wangerooge, im Winterhalbjahr fährt er dort die Inselbahn. Die Strecke auf dem Eiland in der Nordsee ist mit knapp sechs Kilometern nur etwas mehr als dreimal so lang wie die Züge, die Jobst in Abu Dhabi bewegte.

Im Bild: Auf der Bahnlinie Rodez - Sévérac-le-Château endete der Zugverkehr 2017.

Reisefotograf Christian Jobst Frankreich Gleise stillgelegt Schienen Bahn Wandern;

Quelle: Christian Jobst (C)2019; Christian Jobst

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So bleibt Christan Jobst Zeit für sein ganz persönliches Abenteuer, das Erkunden der "Lost Spaces" von Frankreich. Eigentlich ein Wanderweg de luxe, findet er: "Nicht nur ein gewöhnlicher Fußpfad, sondern eine Route mit Überblick auf einem Damm, durch Felseinschnitte, über weite Täler." Er fühlt sich unterwegs noch immer wie ein König, leider ohne dessen Salär. Das würde er in seinen Traum investieren: Die aufgegebenen Schienenwege als riesiges Rad- und Wanderwegenetz wiederzubeleben. Auch auf die Gefahr hin, dass es dann vorbei wäre mit der Einsamkeit.

Im Bild: zwischen den Bahnhöfen Oyonnax und Saint-Claude

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Quelle: Illustration Jessy Asmus

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Mehr Bilder von Christian Jobst finden Sie auf seiner Homepage railwalker.de sowie auf Instagram.

In dieser Serie stellt SZ.de interessante Reisefotografen vor. Bislang ging es mit ihnen in die Metropolen der Welt, nach Vietnam, tief unter die Meeresoberfläche, zu indigenen Stämmen auf den Philippinen und mitten in die deutsche Städtelandschaft, an Vulkankrater sowie zur wahren Seele der Eisberge, nach Südamerika, Hongkong, nach Taiwan, Island, Bangladesch, in die US-Südstaaten, nach "Senegambia" und Rio de Janeiro sowie in den glühenden Sommer von Tadschikistan. Weitere Episoden zeigten bereits Reisen durch Schottland, Afrika, Armenien, Myanmar, Rumänien, Iran, Spitzbergen und Georgien, nach Mexiko und Sudan, rund um den Baikalsee sowie an die Lieblingsorte eines Globetrotters, der alle Unesco-Welterbestätten abbilden will. Und Filmliebhaber finden hier berühmte Szenen passgenau in die Originalschauplätze eingefügt.

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