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Reisefotograf Alexander Gonschior:Armenien, ein Land wie eine Zeitmaschine

Als Urlaubsziel bekommt der Kaukasusstaat immer mehr Aufmerksamkeit. Alexander Gonschior zeigt ihn voller Kontraste - und noch fast unberührt vom Tourismus.

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Armenien

Quelle: Alexander Gonschior

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Stuck, schöne Teppiche und gar Kronleuchter in den Wohnzimmern - hinter solchen Mauern? Kaum zu glauben, und doch war das einer der frühen Aha-Momente, die Alexander Gonschior in Armenien erlebte. "Man glaubt es nicht, wenn man aus dem Aufzug steigt", erinnert sich der Fotograf. Seine erste Reise im Land begann vor fast 15 Jahren mit einem Übernachtungsbesuch in dieser Plattenbausiedlung am Rande der Hauptstadt Eriwan.

Die Erklärung für die versteckte Wohnlichkeit: Den Bewohnern fehlt meist das Geld für große Renovierungen oder Fassadenpflege, drinnen werden dafür mit umso größerer Sorgfalt die guten Stuben gepflegt. So mag manch vorbeifahrender Tourist beim Anblick fast erschrecken, und doch nur die halbe Wahrheit sehen.

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Quelle: Alexander Gonschior

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Auch den Sewansee hat Gonschior als Ort frappierender Kontraste erlebt. Als einer der größten Hochgebirgsseen der Welt, größer als der Bodensee, ist der Սևանա լիճ für Armenier ein beliebtes Ziel für Ausflüge und Wochenendtrips. Vor der noch "eher rustikalen" Kulisse konnte der Fotograf viele Gegensätze des Südkaukasuslandes beobachten, zwischen Vergangenheit und dem Drängen in die Zukunft.

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Gonschior beschreibt zwei Extreme: Einerseits Menschen mit Geld, die in SUVs und Hummer-Jeeps von der Hauptstadt aus über die wohl beste Straße Armeniens an den See brausen, um sich die Zeit mit Wasserscootern und allerlei modernen Gadgets zu vertreiben. Andererseits Menschen in ihren alten Ladas, die von einem solchen, neuen Armenien wie abgeschnitten scheinen.

Als "eine bizarre Verbindung" empfand Gonschior die auseinanderklaffenden Lebenswelten von normalen Einheimischen und reichen (Exil-)Armeniern. Immer stärker sei gerade in den Nullerjahren zu beobachten gewesen, wie Letztere hyperfuturistische Bauten oder "Villen samt Säulen und vergoldetem Schnickschnack" als Landanwesen um das Ufer herum bauen ließen: "Reiche Menschen zeigen dort gerne, dass sie reich sind."

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In jüngster Zeit kommt das lange übersehene Armenien als Reisetipp immer stärker ins Gespräch. Gonschiors Fotos, die während mehrerer Aufenthalte zwischen 2002 und 2010 entstanden, zeigen das Land noch fast unbeeinflusst von internationalen Besuchern.

Das persönliche Bild des Fotografen von Armenien ist in erster Linie von Einheimischen geprägt - wie diesen Fischern am Sewansee. Und umgekehrt war er in entlegenen Gegenden selbst manchmal eine kleine Attraktion. Der Betreiber einer kleinen Fischbraterei habe ihn Jahre nach seinem erstem Besuch wiedererkannt - und bemerkte sogar, dass Gonschiors Begleiterin mittlerweile eine andere Haarfarbe hatte.

Besonders verwundert hätten sich Einheimische auch immer wieder über das Reisen mit dem Rad gezeigt. Während Gonschior das Gefühl hatte, Teile von Eriwan sähen zunehmend aus "wie Las Vegas", weil extrem gebaut wurde, habe sich das Leben auf dem Land nur äußerst langsam verändert.

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Quelle: Alexander Gonschior

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Wenn Bauern zu den großen Märkten in der Hauptstadt fahren, laden sie ihre Autos bis unters Dach voll. Diese Aufnahme in Eriwan entstand, nachdem einer der Verkäufer schon viel losgeworden war.

Auch an den Überlandstraßen finden sich immer wieder kleine Stände mit frischem Obst und Gemüse, so Gonschior. Besonders bei seinen ersten Reisen sei es jedoch kompliziert gewesen, unterwegs Lebensmittel einzukaufen. Läden waren außerhalb der großen Orte - und abgesehen von Kiosken - kaum zu finden gewesen. Die an Selbstversorgung gewöhnten Landbewohner hätten sie schlicht nicht gebraucht. Erst mit der Zeit und mit dem langsam wachsenden Tourismus habe sich das zu ändern begonnen.

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Immer wieder blieb Gonschiors Blick an den Relikten der Sowjetzeit hängen. Damals war Armenien touristisch eine Art Schweiz des Ostblocks, viele Arbeiter etwa wurden - wenn nicht an die Schwarzmeerküste - hierhin zur Erholung geschickt. Nach der Wende blieben diese Besucher weg, also verfielen einige der riesigen Herbergen.

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Manche Überbleibsel sind inzwischen selbst kleine Sehenswürdigkeiten: Wie ein Betonvogel, der den Abflug noch nicht geschafft hat, kauert dieses Bushäuschen an der Kreuzung. In der Sowjetzeit entwickelten sich ausgerechnet solche Wartestationen zu Gelegenheiten für Architekten, sich auszutoben - "Kleinkunstwerke" nennt Gonschior sie.

Unzählige sind bis heute über Armenien und andere ehemals kommunistische Länder verteilt, jedes für sich ein kleines Kuriosum, jedes anders gestaltet. Hier kann man Muster erkennen, die offenbar an den nahegelegenen Sewansee erinnern sollen, zeigt Gonschior: Wellen, Möwen, Fische?

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Die klassischen Wahrzeichen sind aber die Kreuzsteine, die überall in Armenien zu finden sind. Nicht wenige sind viele Hundert Jahre alt, manche wurden als Grabsteine, manche als Wegkreuze errichtet. Einige stehen einsam, andere bedecken zusammen ganze Wiesen. Neben dem Berg Ararat sind die Chatschkare das Symbol Armeniens überhaupt, erzählt Gonschior. Auch wenn die meisten Menschen nach seinem Eindruck gar nicht unbedingt sehr religiös seien, sei der Glaube doch wichtig für die kulturelle Identität, so seine Beobachtung.

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Der legendäre Berg Ararat (5137 Meter hoch) wiederum ist von Armenien aus nur von weitem zu sehen - denn er liegt auf dem Staatsgebiet der Türkei. Den besten Blick auf das ferne Nationalsymbol haben die Armenier vom Gipfel des Aragaz aus, während es weiter unten oft neblig oder diesig bleibt.

Der Aragaz, mit 4090 Metern der höchste Berg auf armenischem Territorium, ist hier im Hintergrund zu sehen - davor der Kari-See. Wer gerne fotografiert, sei in dieser Gegend der spektakulären Panoramen besonders gut aufgehoben, sagt Gonschior.

Mit dem See vor dem Gebirgsmassiv verbindet der Deutsche außerdem eine der Lieblingsaktivitäten der Einheimischen: Picknick. "Mit dem Auto irgendwo hinfahren, die Decke ausbreiten, Feuer machen, opulent grillen - das ist etwas, das ich sehr stark mit Armenien verbinde", erzählt er. Bei der Gelegenheit im Bild gönnte sich auch ein Polizist eine Pause, erkennbar an der großen Mütze.

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Das Kloster Tatew im Süden wurde 895 gegründet - und ist heute eine bekannte Sehenswürdigkeit. Gonschiors Aufnahme mit einer Noblex-Panoramakamera entstand 2010, kurz bevor die Seilbahn gebaut wurde, die Besucher heute von Halidsor aus über die Worotanschlucht befördert und ihnen die sonst lange und mühsame Wanderung erspart.

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Das Sanahin-Kloster in der Nähe der Grenze zu Georgien, gegründet 966, ist mittlerweile Unesco-Welterbe. Zwischen den Säulen sind am Boden Grabplatten zu erkennen. Das Bild zeige eigentlich auf einen Blick, was das Innere armenischer Kirchen ausmacht, findet Gonschior.

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Armenien sei allerdings "nicht das Land der großen Hotspots, sondern hat viele schöne kleine Orte", sagt der Fotograf. Die Hauptstadt selbst habe "einen eher spröden Charme", wie er es nennt, und nicht viel Altes zu bieten.

Umso reicher an alten Gemäuern sind die ländlichen Gegenden - hier das Hayrawank-Kloster aus dem 9. Jahrhundert, am westlichen Ufer des Sewansees. Im Vordergrund sind wieder Chatschkare, die allgegenwärtigen Kreuzsteine, zu erkennen.

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Das Steinfeld von Zorakarer (manchmal auch Karahundsch genannt) nahe der Kleinstadt Sissian wird gerne als armenisches Stonehenge bezeichnet, erzählt Gonschior. "Was vielleicht etwas übertrieben ist", fügt er höflich hinzu. "Jedes Land versucht ja, möglichst alt zu sein", und so würden eben auch hier die geheimnisvollen, archaischen Steine so spektakulär wie möglich betitelt.

Was sie darstellen, ob sie etwa eine astronomische Bedeutung hatten, und wann sie wirklich aufgestellt wurden, darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Was bleibt, ist in jedem Fall ein faszinierender Anblick aus der Bronzezeit.

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In ländlichen Gegenden hat Gonschior sich oft unwillkürlich in seine frühe Kindheit zurückversetzt gefühlt, "wie in einer Zeitmaschine", erzählt er - eine der Bäuerinnen auf diesem Bild erinnert ihn gar an seine Großmutter. Solche Porträts, aber auch die meisten anderen Bilder nahm er mit einer analogen Kompakt-Kleinbildkamera auf - damit könne er spontaner sein als mit großen Apparaten und es wirke weniger aufdringlich und unangenehm auf die Menschen.

Auch andere wenig bereiste Länder hat er bereits fotografiert, etwa 2014 den Senegal, als er eine einheimische Rapperin bei einer Aufklärungskampagne begleitete. Im Februar 2011 engagierte ihn eine einheimische Agentur dafür, Libyen als Urlaubsziel in Bilder zu fassen, weil dort wieder internationale Kreuzfahrtschiffe erwartet wurden. Bekanntlich kam es anders - und Gonschior flog an Bord des letzten Linienflugs aus der Konfliktzone. Der 50-Jährige lebt in Tübingen und ist in seiner Heimat als freier Fotograf besonders viel auf Filmfestivals unterwegs. Seine Bilder veröffentlicht er unter anderem hier auf seiner Website.

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Quelle: Illustration Jessy Asmus

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In dieser Serie stellt SZ.de interessante Reisefotografen vor. Bislang ging es mit ihnen in die Metropolen der Welt, nach Vietnam, tief unter die Meeresoberfläche, zu indigenen Stämmen auf den Philippinen und mitten in die deutsche Städtelandschaft, an Vulkankrater sowie zur wahren Seele der Eisberge, nach Südamerika, Hongkong, nach Taiwan, Island, Bangladesch, in die US-Südstaaten, nach "Senegambia" und Rio de Janeiro sowie in den glühenden Sommer von Tadschikistan. Weitere Episoden zeigten bereits Reisen durch Schottland, Afrika, Armenien, Myanmar, Rumänien, Iran, Spitzbergen und Georgien sowie die Lieblingsorte eines Globetrotters, der alle Unesco-Welterbestätten abbilden will.

© SZ.de/kaeb/mane

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