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Corona-Krise:Fisch und Wein aus dem Reisebüro

Ein Reisebüro in München verkauft nun Fisch.

Neue Ideen: Gedacht als einmalige Aktion, wurde der Fisch- und Weinverkauf in einem Münchner Reisebüro nun zum festen Standbein - auch durch originelle Werbeaktionen vor der Haustür.

(Foto: Helmut Lang)

Weil Flaute in den Reisebüros herrscht, überlegen sich die Inhaber neue Konzepte: Die einen werden zu Einzelhändlern, andere helfen beim Gesundheitsamt aus.

Von Hans Gasser

Zum Wein und Fisch kaufen ins Reisebüro? Das klingt zunächst skurril, ist aber laut Helmut Lang durchaus sinnvoll - und macht sogar Spaß. Der Inhaber des Reisebüros Möckel Reisen in München-Harlaching hatte keine Lust mehr, nur rumzusitzen und auf bessere Zeiten zu warten, in denen seine Kunden wieder Cluburlaub am Mittelmeer, Kreuzfahrten und Fernreisen buchen würden. "Wir haben das während des ersten Lockdowns begonnen und gemerkt, dass die Nachfrage sehr gut ist", sagt Lang, "deshalb habe ich jetzt sogar mit Sommelierkursen angefangen." 20 Weine haben Lang und sein Geschäftspartner Hans Götschl nun im Programm, von guten kleinen Winzern, dazu frischen und geräucherten Fisch vom Tegernsee.

Der Umsatz mit dem Verkauf von Reisen ist in diesem Jahr bei Lang und Götschl um etwa 75 Prozent geschrumpft. Zwar erhalten die beiden staatliches Überbrückungsgeld für Fixkosten und entgangene Margen. Aber es ging den beiden zunächst nicht so sehr ums Geld, sondern darum, etwas Sinnvolles zu tun, und nicht nur rumzusitzen. "Statt Reisen zu stornieren und Geld zurückzuzahlen, können wir was verkaufen. Und bei dem Geld weiß ich: Das bleibt in der Kasse", sagt Lang. "Das hebt ungemein die Motivation." Mittlerweile deckten die Einnahmen aus Fisch- und Weinverkauf sogar die Büromiete. Bald wollen sie ihren 2000 Stammkunden auch einen Weinversand anbieten.

Die Reisebranche wurde von der Pandemie, den Risikogebiets- und Quarantänevorschriften hart getroffen. Laut Deutschem Reiseverband (DRV) erlitten die etwa 11 000 Reisebüros und 2300 Veranstalter von März bis Jahresende einen Umsatzrückgang von im Schnitt 80 Prozent. Den Beschäftigten der Reisewirtschaft werde "die Berufsausübung entzogen", so der DRV, er fordert statt Quarantäne Tests bei der Rückkehr und beteuert mantraartig, dass Pauschalreisen kein Infektionstreiber seien. Die Verunsicherung unter den sonst sehr reiselustigen Deutschen ist jedoch groß, weshalb sich immer mehr Reisebüros und Veranstalter alternative Konzepte überlegen, mit denen sie etwas dazuverdienen und ihre Kunden bei Laune halten können.

Viele Reisebüros bewerben sich zurzeit bei den überlasteten Gesundheitsämtern, um bei der Kontaktnachverfolgung und den täglichen Anrufen von Infizierten mitzuhelfen. "Wir wären dafür prädestiniert", sagt Cornelius Meyer. "Wir sind gute Menschenkenner und Kommunikatoren. Zudem sind wir durch IT-Systeme gut untereinander vernetzt und beim Datenschutz auf dem neuesten Stand."

Meyer ist Vorstand von Best-Reisen, einer Kooperation von 650 Reisebüros. Eine Umfrage habe ergeben, dass 350 davon gerne bei den Gesundheitsämtern helfen möchten, schließlich könne man dadurch ja auch dazu beitragen, dass die Infektionen weniger würden und somit Reisen wieder möglich. "Wir bekommen aber leider viel mehr Absagen als Zusagen. Das finde ich sehr bedauerlich." Falls überhaupt eine Antwort von den Gesundheitsämtern komme, werde dies meist damit begründet, dass es aus Gründen des Datenschutzes nicht gehe, es zu viel Aufwand zum Einlernen sei und man lieber Menschen mit medizinischen Kenntnissen nehme.

Meyer hat es sogar mit einem Schreiben an Gesundheitsminister Jens Spahn versucht, weil er eine "systemische Lösung" fürs ganze Land wollte, jedoch liegt die Zuständigkeit dafür bei den Ländern und letztlich bei den Kommunen. Das heißt, dass interessierte Reisebüros sich direkt mit den lokalen Gesundheitsämtern in Verbindung setzen müssen. Dort blitzen sie oft ab. "Schade, dass man in einer so großen Krise nicht bereit ist, bürokratische Strukturen aufzubrechen", findet Meyer.

Geschafft hat es Laura Brokamp mit ihrem Reisebüro Schlagheck in Coesfeld, Nordrhein-Westfalen. Über Vermittlung eines örtlichen Politikers habe sie einen Dienstleistungsvertrag über bis zu 1700 Stunden monatlich mit dem Gesundheitsamt abgeschlossen, das entspricht etwa zehn Vollzeitstellen. "Vielleicht liegt es daran, dass es hier auf dem Land wenig Studenten mit medizinischen Kenntnissen gibt", sagt Brokamp.

Man habe eine Datenschutzbelehrung und eine Einarbeitung im Gesundheitsamt bekommen, könne nun aber vom Reisebüro aus telefonieren. Man werde nicht in der Kontaktnachverfolgung eingesetzt, sondern zum täglichen Anruf bei Covid-19-Patienten. Da gehe es um den aktuellen Gesundheitszustand, welche Symptome noch da seien, und ob die Quarantäne beendet werden könne. Zudem müsse man künftig auch die Familien von Schülern verständigen, die in Quarantäne versetzt werden, weil es einen Covid-Fall in der Klasse gab.

"Telefonieren, das können wir!", sagt Brokamp. Zwar werde man von der Bezahlung des Amtes nicht reich, aber durch die zusätzliche Arbeit könne sie ihr Reisebüro in Coesfeld von 10 bis 16 Uhr offenhalten, was sich sonst nicht lohnen würde. Und hie und da komme auch ein Kunde herein, der einen Urlaub auf den Kanarischen Inseln buchen wolle. "Hauptsächlich geht es darum, die Mitarbeiter beschäftigt zu halten und etwas Sinnvolles zu tun", so Brokamp. Von den meisten Kollegen aus anderen Reisebüros höre sie aber, dass sie Absagen von den Gesundheitsämtern erhielten.

So ist Bärbel Haas mit ihrem Reisebüro Liechtenstein bei Reutlingen schon seit Ende August mit dem lokalen Gesundheitsamt in Kontakt. "Unser Bundestagsabgeordneter war begeistert von meinem Angebot, aber mit dem Amt ging es dann sehr zäh", sagt Haas. Was sie für eine Win-win-Situation hielt, wurde zur monatelangen Hängepartie. "Ich wollte die Arbeit von unserem Büro aus machen und auf selbständiger Honorarbasis, doch da gab es viele Bedenken dagegen", so Haas. Der Datenschutz und das Arbeiten in Teams - für medizinische Rückfragen - habe dazu geführt, dass man ihr nun eine feste Anstellung mit Arbeit im Gesundheitsamt anbiete bis Mitte nächsten Jahres. Sie würde das sogar machen, auch wenn sie dann wohl doppelt Krankenversicherung bezahlen muss und nicht in ihrem Reisebüro sein kann. "Kommende Woche ist das Bewerbungsgespräch", sagt Haas. "Ich will einfach etwas Sinnstiftendes tun."

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© SZ vom 19.11.2020/edi
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