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Reisebüro:Überleben

Anja Roesner und Lutz Stickeln in der Stabkirche Borgund

Die Corona-Pandemie bringt die Reisebüro-Inhaber Lutz Stickeln und Anja Rösner, hier in der Stabkirche Borgund, in Existenznot.

(Foto: Greta Rösner)

Anja Rösner und Lutz Stickeln steuern ihr kleines Reisebüro in Castrop-Rauxel durch die Tourismuskrise. Noch gelingt das. Auch, weil die Kunden den Service zu schätzen wissen. Aber jede Woche birgt gerade neue Probleme.

Von Ingrid Brunner

Am Jahresanfang hatte Lutz Stickeln allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Das Reisebüro Polarkreis Reisen in Castrop-Rauxel, das er und seine Frau Anja Rösner vor gut zehn Jahren übernommen hatten, stand wirtschaftlich so gut da wie noch nie. Als Norwegenfans hatten sie ihre Liebe zu Skandinavien zum Beruf gemacht und sich auf das kleine, lukrative Segment Nordeuropa, Arktis und Antarktis spezialisiert. Sie sind nicht nur Vermittler, sondern auch Veranstalter - von Autorundreisen sowie Begleiter von Hurtigruten-Gruppenreisen. Das Konzept hat sich bewährt. "Wir dachten, 2020 wird eines unserer besten Jahre", sagt Stickeln.

Dann kam Corona. "Seither", sagt Anja Rösner, "schwanken wir von Woche zu Woche und wissen nicht, was kommt." Noch im Februar dachte man, na ja, Corona, das ist ein auf Asien begrenztes Problem. Doch als die Krankheit nach Italien überschwappte, war ihnen klar, dass kein Land in Europa davon verschont bleiben würde. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Eine Reise nach der anderen, darunter eine Gruppenreise nach Norwegen mit mehr als 30 Teilnehmern, musste abgesagt werden, Buchungen für den kommenden Herbst und die Wintersaison hängen am seidenen Faden. "Seit Beginn der Corona-Krise haben wir keinen Umsatz mehr gemacht", sagt Rösner.

Ihre Bürotage verbringen sie damit, Reisen zu stornieren oder umzubuchen. "Wir haben von vornherein gesagt: Ein Etikettenschwindel, dass wir sagen, hier habt ihr einen Gutschein, das kam für uns nicht infrage." Siebzig Prozent der Reisen seien umgebucht, der Rest sei ausgezahlt worden. Innerhalb von 14 Tagen hätten die Kunden ihr Geld vom Veranstalter erstattet bekommen, sagt Stickeln. "Das konnten wir, weil wir gut gewirtschaftet haben."

Aber die Rücklagen, die das Paar für die eigene Altersversorgung gebildet hatte, gingen dafür drauf. Die meisten Partner - Fähren, Hütten, Hotels - haben das Geld, das das Reisebüro vorgestreckt hatte, zurückgezahlt. Nur die Airlines lassen sich Zeit. "Die nicht erstatteten Flüge, da stecken unsere Ersparnisse drin." Wie finden es die beiden, wenn große Marktteilnehmer wie Tui und Lufthansa Milliardenkredite bekommen? "Also erst mal denkt man: Mit dem Geld, das Tui bekommen hat, könnte man alle 11 000 Reisebüros in Deutschland vor der Insolvenz retten." Aber er sieht auch: Wenn die Großen stürzen, reißen sie viele kleine Unternehmen mit in den Abgrund.

Die Zahl von 11 000 Reisebüros in Deutschland stammt aus dem Jahr 2018, erklärt Kerstin Heinen vom Deutschen Reiseverband, eine aktuellere liege nicht vor. Wie viele davon die Corona-Krise überstehen werden, sei offen. Derzeit laufe dazu eine Umfrage unter Reisebüros und Reiseveranstaltern. Das Ergebnis stehe noch aus, doch Heinen nennt die Stimmung in der gesamten Branche "dramatisch". Zwar zögen die Buchungen wieder an, "doch wir sind jetzt bei einem Drittel der Vorjahresumsätze". Die Überbrückungshilfen seien hilfreich, griffen aber nicht bei allen. Und der Berechnungszeitraum laufe Ende August aus. "Das muss unbedingt verlängert werden, die Krise ist noch nicht vorbei", sagt Heinen, "es geht um Umsatzeinbußen von circa 20 Milliarden Euro."

Hinzu komme der Unsicherheitsfaktor, wie sich die Pandemie weiterentwickle. Sollte die Saison etwa in Spanien vorzeitig zu Ende gehen, wäre das eine Katastrophe. Diese Befürchtungen könnten sich nun bewahrheiten: Mittlerweile gilt erneut eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts für Spanien. Ausgenommen sind nur die Kanarischen Inseln. Tui hat daraufhin Pauschalreisen nach Spanien abgesagt.

Was aber hält die Kunden jetzt davon ab, wieder in den Norden zu reisen, wo die Infektionszahlen deutlich niedriger sind? So leer, so ganz ohne Touristen aus Übersee, wird man Nordeuropa wohl kein zweites Mal erleben. "Die Unsicherheit ist groß", erklärt Stickeln. Zudem könne man erst seit 15. Juni wieder nach Norwegen reisen - vom Buchungsvorlauf für den Sommer sei das viel zu kurz. Und dann ist da die Angst, dass einzelne Länder wieder zum Risikogebiet erklärt werden, man plötzlich nicht einreisen kann oder bei der Rückkehr in Quarantäne muss. Der Corona-Ausbruch auf einem Hurtigruten-Schiff habe die Kunden weiter verschreckt: "Gäste, die für September eine Hurtigruten-Tour gebucht haben, verschieben nun aufs nächste Jahr oder gleich auf unbestimmte Zeit."

Trotzdem finden Rösner und Stickeln, sie seien bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Die 9000 Euro Soforthilfe vom Bundesland Nordrhein-Westfalen kamen schnell und unbürokratisch an. "Eine Soforthilfe, die ihrem Namen alle Ehre macht", sagt Rösner. Auch dass sie nur zu dritt seien - das Ehepaar und eine Buchhalterin in Teilzeit -, sei nun von Vorteil. Da seien die Personalkosten überschaubar. Unterstützung kam auch von unerwarteter Seite: "Unsere Kunden haben uns ein Stück weit mitgetragen", sagt Rösner, viele hätten umgebucht oder das Geld stehen lassen. "Bei uns verhungert eben keiner in der Warteschleife", sagt sie, das werde geschätzt - auch dass man zu ihnen ins Geschäft kommen könne. Anders als bei manchen Airlines und Reisekonzernen.

Ob es sie im nächsten Jahr noch gibt? "Wenn es bald einen Impfstoff gibt, sind wir optimistisch. Viele Reisen sind ja nur verschoben", sagt Stickeln. Sich Zeit für die Kundenberatung zu nehmen, habe sich ausgezahlt. "Bis eine Reise steht, von der Route für Selbstfahrer bis zur Unterkunft, vergehen leicht zweieinhalb Stunden." Trotzdem: Ein zweites Corona-Jahr, mit immer neuen Hiobsbotschaften, das wollen und können sich die beiden nicht vorstellen. "Weder psychisch noch moralisch - und schon gar nicht finanziell."

© SZ vom 20.08.2020
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