bedeckt München

Reisebuch:Wasser mit Gänsehaut

Jürgen Hosemann beobachtet einen ganzen Tag lang das Meer. Je wärmer es wird, desto mehr gleichen seine Beobachtungen Träumereien.

Von Stefan Fischer

Bereits um fünf Uhr morgens ist die Ablenkung an der Uferpromenade von Grado so groß, dass Jürgen Hosemann den Moment verpasst, in dem das erste Licht der Sonne zu sehen ist. Dunkel ist es ohnehin nicht: Der Mond reflektiert das Sonnenlicht, die orangefarbenen Laternen verströmen ihr fahles Licht, die kreisenden Warnlichter eines kleinen Lastwagens flackern durch die Nacht - die Müllabfuhr leert die Abfalleimer. Am anderen Ende der Bucht: "Die Lichter von Triest wie die glimmenden Reste eines Feuers, das die Nacht über durchgebrannt hat." Es sei, so schreibt Hosemann in seinem Buch "Das Meer am 31. August", als "habe jemand das Schwarz um mich herum verdünnt".

Abgelenkt haben ihn dann aber wohl die Rufe der Müllmänner. Als Hosemann wieder nach dem Licht schauen will, ist es schon da. So wird es ihm an diesem Tag noch mehrmals ergehen: Er sieht plötzlich Dinge, ein Schiff zum Beispiel oder Wolken am Himmel, die er eigentlich schon länger hätte sehen müssen. Und doch erst jetzt entdeckt. Hosemann hat sich vorgenommen, einen Tag lang das Meer zu beobachten, von der Strandpromenade in Grado aus. Frühmorgens bricht er auf - und ist nie alleine. Die Müllabfuhr, die Fischer, die Männer, die mit Radladern den Strand planieren für den neuen Badetag. Die ersten Jogger, ein Mann, der mit einer Harpune fischen geht. Um sechs Uhr die ersten beiden Schwimmerinnen. Natürlich der Trubel eines Ferientages am Strand. Spätabends dann Jugendliche, Verliebte.

In der Abenddämmerung eine erste Bilanz: "Ich hatte aufs Meer gesehen, aber ich hatte nicht das Meer gesehen." Viele Eindrücke bekommen, aber keine tieferen Wahrheiten gewonnen, soll das wohl bedeuten. Wechselhaft präsentiert sich das Mittelmeer: Ihm "ist kalt, es hat eine Gänsehaut", schreibt Hosemann, da sind die beiden älteren Frauen gerade ins Wasser gestiegen, und der Harpunier reibt sich mit Bier ein, ehe er seinen Taucheranzug überzieht. "Bier, sagte er, gibt nix Besseres." Erklärt aber nicht, warum. Mittags wirkt das Meer wie eine harte graue Betonfläche. Und dann gibt es da noch das Meer auf der Seekarte, die Hosemann bei sich hat. Er bringt sie aber nicht in Deckung mit dem, was er in der Wirklichkeit sieht. Er ist sich auch nicht sicher, welche Städte er auf der anderen Seite der Bucht von Triest sieht, am slowenischen und kroatischen Ufer. Rätsel im Dunst des Horizonts.

Je wärmer und je heller es wird, desto mehr gleichen die Beobachtungen Hosemanns Träumereien. In den kühleren Stunden sind seine Gedanken klarer, auch poetischer. Das abendliche Dämmerlicht vergleicht er mit dem Licht, "wie es tagsüber im Inneren von Sant'Eufemia herrscht, ein uraltes Licht, das vermutlich schon beim Bau der Basilika hineingeraten und jetzt dort gefangen ist, für immer gefangen ist, ein heiliges Kellerlicht". Solche Stimmungen sind dem Autor lieber als das stumpfe Sonnengrell des Tags. Um die Mittagszeit geht er für eine Stunde auf den Friedhof - der einzige Ort, an dem er tatsächlich keinem Menschen begegnet.

Ein Ausbruch, um der Langeweile zu entfliehen. Der Ort Grado, das Strandvergnügen öden Hosemann an. Er ärgert sich, dass er sich synthetisch schmeckende Limonade gekauft hat statt Wasser für diesen Tag, weil er nicht vernünftig sein wollte. Verbissen, verbohrt und prätentiös erscheint ihm sein Unterfangen zwischendurch. Aber irgendwann bläst der Wind diese Granteleien fort, und Hosemann findet wieder zurück zu seiner Neugier, kann seinen Blick für Details wieder schärfen. Und auch wenn er stets befürchtet, im entscheidenden Moment nicht hinzusehen und so das Wesentliche zu verpassen: Ihm entgeht wenig. Ohne dass er darüber zum Voyeur würde. Der Charme des Buches ist auch seine Diskretion.

Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August. Berenberg-Verlag, Berlin 2020. 112 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 06.08.2020
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