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Reisebuch "Via Appia":Vergessene Mutter aller Straßen

Paolo Rumiz wandert die älteste Straße Europas entlang: Was er aber auf der römischen Via Appia vorfindet - von der illegalen Luxuswohnung bis zum Autoschrottplatz -, steht für Italiens Umgang mit seinen Kulturgütern.

Sie ist die älteste Straße in Europa: Die Via Appia, deren Bau im Jahr 312 v. Chr. begonnen wurde, führt von Rom nach Brindisi. Sie hat das Zentrum des Römischen Reiches mit dem gesamten östlichen Mittelmeerraum verbunden, mit Griechenland, Ägypten, der Levante bis nach Mesopotamien.

Denn der Seeweg von Brindisi ist kürzer und um etliche Gefahrenstellen ärmer als der Weg von Ostia durch das Tyrrhenische Meer. Truppen konnten über die Via Appia schnell verlegt werden, sie hat den Handel und grundsätzlich das Reisen erleichtert.

Der italienische Reiseautor Paolo Rumiz, der sie komplett abgelaufen ist, bezeichnet sie in seinem Buch "Via Appia" als "Mutter aller Straßen"; sie ist Vorbild für alle weiteren großen Trassen, die den Kontinent erschließen. Zu den Zwecken dieser Verbindungsachsen gehört heutzutage nicht zuletzt, Urlauber in den Süden zu bringen.

Im "Italien der Schlitzohren"

Der Tourismus und die Via Appia, das ist allerdings ein schwieriges Kapitel. Nur unmittelbar vor den Toren Roms ist sie, gut erhalten und erschlossen, ein begehrtes Tagesausflugsziel vieler Rom-Touristen. Entfernt man sich aber von der italienischen Hauptstadt, schreibt Rumiz, "offenbarte sich augenblicklich das Italien der Schlitzohren: Luxuswohnungen auf antiken Ruinen, Locations für vulgäre Partys, ein illegaler Autoverschrotter ... wir spürten schnell die Überheblichkeit der Reichen und die Faust der Banden im Nacken Roms."

Geht man noch weiter, ist die Via Appia vielerorts nur noch eine Idee, hat kaum noch eine reale Gestalt. Paolo Rumiz und seine wechselnden Wandergefährten sind offenbar die Ersten, die die Appia Antica seit langem wieder einmal nicht nur abschnittsweise begehen. Sie begegnen Menschen, denen nicht bekannt ist, dass sie direkt an dieser geschichtsträchtigen Straße leben. Und vielen, die die Wanderer für Spinner halten.

Demoliert, verwahrlost und vergessen

Wie in seinem vorherigen Buch über eine Segeltour von der Quelle bis zur Mündung des Po stellt Rumiz fest, dass seine Landsleute sich offenbar abgewendet haben von den großen Wegen, die das Land einst verbunden und kulturell geprägt haben.

Die Via Appia ist demoliert, verwahrlost und vergessen worden, so Rumiz: "Wir haben sie mit Tangenten, Parkplätzen, Supermärkten zugepflastert, sie versteckt sich zwischen Feldern, Steinbrüchen, Stahlbrücken, ist mit Toren versperrt." Mitunter ist die Wanderung ein Trauermarsch.

Das Buch allerdings handelt von einer Wiederentdeckung, von dem Beweis, dass man die Via Appia allen Schwierigkeiten zum Trotz tatsächlich noch gehen kann. Das Buch wird überdies manchmal zur Kampfschrift. Gegen den liederlichen Umgang der Italiener mit ihrem Erbe - gemeint ist der Einzelne genauso wie der Staat.

"Via Appia" handelt nicht zuletzt von der Missachtung Kampaniens und Apuliens durch die Zentralregierung, aber auch vom mangelnden Selbstwert- und Verantwortungsgefühl der Bewohner. Von einer Resignation, die vieles verhindert. Das allein wäre aber zu billig.

Und neben Gleichgültigkeit und Zynismus begegnet Paolo Rumiz tatsächlich auch "überwältigender Gastfreundschaft" und einem Widerstand gegen den Verfall der Straße "nach Partisanenart". Und so ist "Via Appia" vor allem eine Liebeserklärung, schreibt Rumiz, "an das bessere Italien."

Info

Paolo Rumiz: Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, Wien und Bozen 2019. 272 Seiten, 25 Euro.

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SZ vom 18.04.2019/kaeb
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