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Reisebuch über Jesolo:Lob des Nichtstuns

Wenn schon Urlaub, dann hier: Alois Schöpf reist nicht gerne und ist doch in dieser Stadt an der Adria zum Stammgast geworden.

Alois Schöpf ist reisescheu. Deshalb ist er Stammgast, seit inzwischen 60 Jahren: in Jesolo. Dort hat ihn seine erste Reise hingeführt, die schrecklich war, und auch die zweite, die um vieles aufregender verlief. Schöpf hatte sich fortan an Jesolo gewöhnt, er erwartet von dem Städtchen wenig. Und doch regt es seinen Geist an, durch seine Geschichte - Jesolo ist eine römische Gründung -, auch durch die Architektur.

Obschon er nichts hält vom Häuser-Anstarren in den Ferien, von dem ganzen Besichtigungswahnsinn: "Ist der Mensch, wenn er zum Touristen mutiert, tatsächlich so dumm, dass er nicht mehr begreift, wie oft er mit aufgerissenem Maul vor den steinernen Mahnmalen gewissenloser Verbrecher steht", schreibt Schöpf in seinem Buch "Sehnsucht Meer", in dem er von etlichen Abneigungen erzählt, vor allem aber von seiner Zuneigung zu Jesolo und zur nördlichen Adria.

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Die hängt auch mit seinen Professionen zusammen. Schöpf, der Dramatiker, Journalist, Konzertveranstalter und manches mehr ist, beschäftigt sich ohnehin unentwegt mit kulturellen Dingen. Er schätzt am Urlaub während einer oder zweier Sommerwochen deshalb das Nichtstun, es ist lebensnotwendig für ihn - sofern es nicht in den Stumpfsinn führt.

Bücher hat er stets eine Menge dabei. Und die Spaziergänge am Strand entlang, durch den Ort, der zur Großstadt wird in den Sommermonaten, und der sein ästhetisches Empfinden nicht beleidigt, sie helfen ihm, zur Ruhe zu kommen. Im Zweifelsfall, wenn er es doch nicht mehr aushält (oder es zu viele Tage am Stück regnet), ist er innerhalb weniger Stunden wieder zu Hause. Das ist dem Tiroler wichtig.

Das Buch ist eine offensive Kampfschrift für das Stammgast-Dasein. Für sonnige Tage außerhalb des Hamsterrads, in das sich jeder notgedrungen zum Broterwerb begibt. Und dann ist es eben auch so, dass sich der zum Granteln neigende Schöpf nicht ungern verführen lässt: Der Strand ist naturgemäß ein Ort der Zurschaustellung und des Beobachtens. Für den jungen Schöpf auch der erste Ort, der eindeutig erotisch aufgeladen war.

Der Regisseur und Filmproduzent Erich Hörtnagel, ein Freund Schöpfs seit gemeinsamen Jahren im Internat, fängt diese Sehnsucht nach dem adriatischen Meer in spannenden Schwarz-Weiß-Fotografien ein. Die Preisgabe der Körper, die selten nur gängigen Schönheitsidealen gerecht werden. Das Miteinander der Väter mit ihren Kindern, für die sie endlich einmal genug Zeit haben. Verrücktheiten wie eine Hochzeit am Strand, beobachtet von den Badegästen. Die Ruhe des Hinterlandes, die Verlassenheit während der Wintermonate, das Leben der Einheimischen, das sich nicht notgedrungen um die Touristen dreht.

Es sind Bilder mit scharfen Kontrasten, das gleißende Licht wirft lange Schatten, vom Wasser wird es reflektiert und erzeugt ein Glitzern, das wie ein Zauber über die Szenerien perlt. Sie dokumentieren dabei eine Einfachheit des Lebens, eine Unbeschwertheit - die Schöpf nicht als gegeben betrachtet.

Er ist in der Nachkriegszeit aufgewachsen, kennt die Entbehrungen, ehe die Wirtschaftswunderjahre begannen. Er weiß um alte Konflikte und Wunden und erinnert sich daran, dass es Zeiten gab, in denen er ein Visum benötigt hat, um nach Jesolo zu gelangen. Warum er zum Stammgast geworden ist? Weil das Nichtstun dort am Strand eine Therapie sei gegen das Unglücklichsein.

Erich Hörtnagel, Alois Schöpf: Sehnsucht Meer. Vom Glück in Jesolo. Edition Raetia, Bozen 2019. 249 Seiten, 28 Euro.

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