bedeckt München 11°

Reisebuch:Szenen einer Straße

Ein Prachtband versammelt alte japanische Holzschnitte. Sie zeigen den Alltag entlang einer Handelsroute.

Von Jochen Temsch

Alle Straßen führten nach Edo, das einst unbedeutende Fischerdorf, das der größte Ballungsraum der Welt, Tokio, werden sollte. Nachdem der Shogun Tokugawa Ieyasu Japan im frühen 17. Jahrhundert geeint hatte und von Edo aus regierte, sicherte er seinen Einfluss bis in die entlegenen Gebiete des Landes, indem er die Verkehrswege ausbaute. Er überzog Japan mit den Gokaido, fünf Hauptstraßen, die ihren Anfang an der Brücke Nihonbashi im Zentrum Edos nahmen. Einer dieser Wege, der Kisokaido, führte 534 Kilometer über die Berge in die Kaiserstadt Kyoto. Bewaffnete Kontrollposten sicherten den Weg gegen Eindringlinge und hielten Adlige von der Flucht aus Edo ab. Der Shogun zwang die Lehensfürsten, Residenzen in der Hauptstadt zu unterhalten, dort anwesend zu sein oder Ehefrauen und Kinder als Geiseln zu hinterlassen. Der Handel zwischen Edo und den Provinzen blühte. An 69 Poststationen standen am Kisokaido Transportpferde und Lastenträger bereit, Gasthäuser boten den Reisenden Verpflegung und Unterkunft. Auch das Geschäft mit Andenken florierte. Beliebt waren Holzschnitte mit Motiven von unterwegs. Zwei Meister des Faches, Utagawa Hiroshige und Keisai Eisen, verewigten "Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido" in den Jahren von 1835 bis 1838.

Der Reprint der insgesamt 70 Bildtafeln ist in mehrfacher Hinsicht ein Schatz. Zum einen, weil die Druckgrafiken einen wunderbaren Einblick in das vorindustrielle Japan gewähren und den Reisealltag in detailreichen Szenerien auffächern - von Pferden, die mangels Metall Strohsandalen statt Hufeisen tragen, über Pfeife rauchende Samurais bis zu Fürsten in Sänften und Prostituierten vor den Bordellen, für die bestimmte Etappen des Kisokaido berühmt waren. Zum anderen sind die Werke ästhetisch ein Genuss. Mensch und Natur sind in raffiniert gewählten Perspektiven zu einem harmonischen Ganzen komponiert vor dem Hintergrund der Jahreszeiten und ihren wechselnden Stimmungen. Trotz der Mühen des Weges und der zahlreichen Lasten, die darauf bewegt wurden, wirkt keine Figur beladen. Es sind Arbeiten wie diese, die in Europa um 1900 Künstler wie Franz Marc, Paul Gauguin oder Vincent van Gogh inspirierten. Und schließlich ist der Prachtband auch aufgrund seiner aufwendigen Ausstattung besonders. Die gefalteten Seiten werden von einer Fadenbindung gehalten und befinden sich in einer leinengebundenen, seidig schimmernden Box. Im Japanischen heißen die Holschnitte Ukiyo-e, was etwa "Bilder der vergänglichen Welt" bedeutet. Hier hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck.

Andreas Marks, Rhiannon Paget: Hiroshige & Eisen. Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido. Taschen-Verlag, Köln 2017. 234 Seiten, 100 Euro.

© SZ vom 18.01.2018
Zur SZ-Startseite