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Reisebuch:Straße des Südens

Die französiche Route National 7 war in der Zeit vor der Autobahn eine wichtige Verbindung zwischen Paris und dem Mittelmeer. Zwei Nostalgiker entdecken sie neu.

Die Liedermacher Charles Trenet und Colin Wilkie haben sie in Chansons besungen, sie trägt zahlreiche Kosenamen, und obwohl die vergangenen Jahrzehnte nicht spurlos an ihr vorübergegangen sind und es mittlerweile komfortablere Alternativen gibt, kommen die alten Verehrer nicht von ihr los: die Route National 7.

Diese Landstraße von Paris nach Menton, grau und rissig, mittlerweile streckenweise ersetzt durch Autobahnen, steht für die Sehnsucht nach dem Süden mehrerer Generationen von Mittelmeerurlaubern. Der Journalist Michael O. R. Kröher und der Fotograf Wolfgang Groeger-Meier dokumentieren im Band "In die Sonne, in die Ferne" einen Roadtrip auf der N 7, dieser Lebensader zwischen Zentral- und Südfrankreich. Ihr Reisetagebuch ist gefüllt mit feinsinnigen Beobachtungen und spannenden Begegnungen.

Weit mehr als ein Vehikel, vielmehr ein veritabler Begleiter ist der zweifarbig lackierte, dunkelrot-schwarze Opel Kapitän, Baujahr 1956, den Kröher und Groeger-Meier für den Trip geliehen haben. Die Leser erhalten regelmäßige Informationen über das Wohlbefinden des Wagens, stoßen auf ausschweifende Charakterisierungen der Karosse und finden beim genauen Hinsehen auf der Mehrzahl der Fotografien zumindest einen in der Sonne blitzenden Heckausschnitt des auch liebevoll "Käpt'n Kuck" gerufenen Oldtimers.

In die Sonne, in die Ferne 1. Wolfgang Groeger-Meier, Corso-Verlag

Mit diesem Opel Kapitän, Baujahr 1956, sind Autor und Fotograf über Land gefahren.

(Foto: Wolfgang Groeger-Meier, Corso-Verlag)

Zum ersten Mal aufheulen darf der "laufruhige 6-Zylinder-Reihenmotor" mit 68 PS in Paris, am Startpunkt der 1000 Kilometer langen europäischen Route 66. Die Metropole ist infrastrukturelles Herz der Nation. 14 Landstraßen, im Uhrzeigersinn abgehend vom Point Zero in der Innenstadt, pumpen den Verkehr in alle Himmelsrichtungen. Die N 7 durch die Île-de-France, das Burgund, die Auvergne, das Rhônetal, die Provence und entlang den Küstenstraßen der Côte d'Azur, war einst die längste dieser Strecken und hat als "magisches Band, das sich zwischen Alltag und Urlaub, zwischen Routine und Freiheit spannte", größtes Nostalgie-Potenzial unter den "Nationales". Um das Original zu befahren, braucht es heute historische Straßenkarten. Mit der Verdichtung des größtenteils gebührenpflichtigen französischen Autobahnnetzes in den Siebzigerjahren wurde die Streckenführung der mautfreien Landstraßen unterbrochen.

Kröher und Groeger-Meier sind mit der ursprünglichen N 7 vertraut: Der Journalist trampte als Jugendlicher auf der "Route bleue" gen Meer; der Fotograf, aufgewachsen in einem Pariser Vorort, verbrachte den Weg in den Sommerurlaub auf der Rückbank des elterlichen Peugeot 404. Erster Etappenhalt nach der Hauptstadt ist für die beiden Fontainebleau, es folgen Briare, Roanne, Cliousclat, Orange, Aix-en-Provence, Fréjus, Nizza und Menton. Das eigentliche Ziel ist nicht die italienische Grenze, es sind Dutzende Stopps auf dem Weg - eingelegt für Fotoaufnahmen, Stadtbesichtigungen und Gespräche mit N-7-Freunden. Einer von ihnen ist Gilbert Bouchet, Bürgermeister von Tain l'Hermitage, der sich zusammengetan hat mit einigen Amtskollegen aus Ortschaften an der Nationalstraße. Gemeinsam haben sie Gemeinden an der amerikanischen Route 66 besucht und sich dort über Traditionspflege informiert. Die Bürgermeister wollen die "Straße der Sehnsucht" nun mit Stromzapfstellen für Elektromobile attraktiv machen. So steht der Landstraße ein zweiter Frühling vielleicht noch bevor.

In die Sonne, in die Ferne 6. Wolfgang Groeger-Meier, Corso-Verlag

Alte Tanke: Aus Wolfgang Groeger-Meiers Reise mit seinem alten Opel Kapitän.

(Foto: Wolfgang Groeger-Meier, Corso-Verlag)

Michael O. R. Kröher, Wolfgang Groeger-Meier : In die Sonne, in die Ferne. Auf einer Straße der Sehnsucht ans Mittelmeer, Corso Verlag, Wiesbaden 2015. 173 Seiten, 24,90 Euro.