Reisebuch:Gelassenheit lernen

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"Gewiss könnte alles, was gut ausgeht, auch schlecht ausgehen". Trotzdem glaubt Christian Schüle fest daran, dass das Reisen lebensnotwendig ist.

(Foto: IMAGO/fStop Images)

Christian Schüle begründet in seinem Buch "Vom Glück, unterwegs zu sein" anschaulich, warum das Reisen lebensnotwendig ist. Ein wohltuendes Plädoyer.

Rezension von Stefan Fischer

Es gibt nicht wenige Menschen, die heilfroh sind, die Schule endlich hinter sich zu haben. Unter anderem deshalb, weil ihnen dann die Welt offensteht. So sagt man es ihnen auf salbungsvollen Abschlussfeiern, so empfinden sie es, wenn sie nichts mehr hält in den Zwängen des Alltags.

Die große Reise nach dem Abitur, dem Studienabschluss oder der Gesellenprüfung, während der Elternzeit oder eines Sabbaticals - sie ist inzwischen ein Distinktionsmerkmal für Aufgeschlossenheit und Weltgewandtheit. Der Autor Christian Schüle ist ein glühender Anhänger des Reisens. Nicht nur des einen großen Abenteuers, sondern des lebenslangen, immer wieder zu neuen Aufbrüchen drängenden Reisens. Das er notwendigerweise scharf abgrenzt vom Urlaubmachen und Touristsein. Aber aus der Schule entlässt er Reisende nicht, allen voran sich selbst nicht.

Schüle, Jahrgang 1970, propagiert vielmehr eine "Schule des Reisens", in die jeder sich zwangsläufig begebe, der aufbricht. Der Aufenthalt dort sei sogar der eigentliche Zweck des Reisens: "Die Schule des Reisens pflegt eine subtile, aber einflussreiche Pädagogik, und die Versöhnung mit der unbekannten Welt liefert das kostbare Wohlgefühl, mit sich selbst im Frieden zu sein, da das Leben bekanntlich keineswegs immer erfreulich und friedvoll ist." Geschult werde die sinnliche Wahrnehmung, die eigene Gelassenheit und - auch das - die Sittlichkeit.

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"Vom Glück, unterwegs zu sein", heißt Schüles Buch, in dem er das Reisen als eine Notwendigkeit beschreibt. Wer reist, der liebt, das ist Schüles zentrale These - sich, andere, das Leben und nicht zuletzt die Wirklichkeit, so wie sie ist: "schamlos, brutal, gemein, rührend, ergreifend, erregend, verblüffend, poetisch, bisweilen hässlich und meistens überwältigend schön". Es gibt für ihn keine Alternative. Bedenken lässt er nicht gelten.

Der Autor erlebt einen Moment absoluter Geborgenheit, wo er ihn niemals erwartet hätte

"Gewiss könnte alles, was gut ausgeht, auch schlecht ausgehen", so der Autor. Wer sich Fremden ausliefere, "könnte ausgeraubt, belogen und betrogen werden. Er könnte sich verirren, verlieren, verkalkulieren. Er könnte sich selbst und der Postleitzahlen-Welt abhanden kommen." Schüle hält es jedoch für keinen Zufall, dass die Dinge bislang nicht schlecht ausgegangen sind für ihn: "Wer mit eingeübtem Misstrauen durch fremdes Terrain tapert, wird so gut wie nie in den Sog einer Fügung geraten." Rückhaltloses Vertrauen werde indes belohnt.

Gleich die erste Szene, die Christian Schüle schildert, handelt von solch einer Belohnung. Er berichtet von einer nächtlichen Ankunft in Kairo, wenn die Straßen Dieben, Terroristen und Menschenhändlern gehörten, was zusammen mit den fremden Reisenden eine "denkwürdige Sippe" ergebe, so Schüle in seiner bewusst zugespitzten Karikierung der Szenerie. Er liefert sich den Menschen aus - einem Taxifahrer, einem Hotelier, einheimischen Nachtschwärmern, und erlebt im Delirium vollkommener Übermüdung schließlich Faszinierendes: einen Moment absoluter Geborgenheit, wo er ihn niemals erwartet hätte.

Verirren könne sich außerdem nur, wer ein klares Ziel habe; enttäuscht werden nur, wer Erwartungen hege. Der Zufall ist für Christian Schüle immanent beim Reisen. Und die Einsicht, dass Reisen keine Aneinanderreihung von Höhepunkten ist, "sondern oft genug ein Exerzitium an Belanglosigkeiten". Der wahre Luxus des Lebens sei die Verschwendung von Zeit. Wo ginge das besser als auf Reisen?

Nicht zu reisen, wäre falsch, unangemessen, ignorant und arrogant

Wie in allen Schulen wird es auch in der des Reisens mitunter unbehaglich, nervig, anstrengend. Doch all die Hemmnisse und Niederlagen seien ein kleiner Preis für die gewonnene Selbsterkenntnis, darauf beharrt Schüle, der den Unterschied zwischen einer Urlaubsfahrt und einer Reise so definiert: "Im Urlaub erholt sich der von Impulsen Erschöpfte, beim Reisen holt sich der Suchende Impulse."

Ohne dass Schüle die Pandemie thematisiert, liest man sie stets mit als Bedrohung der Weltoffenheit, als ein Treiber der Borniertheit. "Je mehr unterschiedliche Sittenkontexte man selbst erlebt, je mehr man ihnen leibhaftig ausgesetzt ist, desto weniger urteilt man leichtfertig über sie." In der Schulung des Respekts liegt für ihn denn auch der elementare Sinn des Reisens. Der Preis "für Weltkenntnis durch eigene Anschauung" sei so gut wie immer eine Intimitätsverletzung, der Gewissenskonflikt das moralische Lehrgeld. Also doch nicht reisen? Das wäre "falsch, unangemessen, ignorant und der Welt gegenüber geradezu arrogant". Vielmehr gelte es, "so zu reisen, dass alle Be- und Aufgesuchten das Gefühl haben können, ihnen werde jederzeit mit Respekt begegnet". Da schließt sich dann auch der Kreis zum Vertrauen, das man in sich und andere legt.

Christian Schüle: Vom Glück, unterwegs zu sein. Warum wir das Reisen lieben und brauchen. Siedler Verlag, München 2022. 256 Seiten, 22 Euro.

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