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Reisebuch:Rückkehr ausgeschlossen

Raynor Winn: Der Salzpfad. Aus dem Englischen von Heidi Horn und Christa Prummer-Lehmair. Dumont Reiseverlag, Ostfildern 2019. 336 Seiten, 14,99 Euro.

(Foto: Dumont Verlag)

Ein britisches Ehepaar wird obdachlos und beginnt zu wandern: auf dem South West Coast Path, der 1000 Kilometer um die südwestliche Spitze Englands herumführt.

Etliche lange Reisen beginnen damit, dass die Menschen sich von fast allem trennen. Sie geben ihre Anstellungen auf, kündigen ihre Wohnungen respektive verkaufen ihre Häuser, veräußern ihre Möbel und Autos. Wer wenig besitzt, ist an wenig gebunden und kann aufbrechen.

Als Raynor Winn und ihr Mann Moth in Minehead, einem Seebad in der englischen Grafschaft Somerset, ihre Wanderung auf dem South West Coast Path beginnen, der auf tausend Kilometern durch Devon, Cornwall und Dorset um die südwestliche Spitze Englands herumführt, haben sie auch kein Haus mehr, kaum noch Besitz und kein Einkommen. Nur hat das Paar das alles nicht aufgegeben, um reisen zu können. Die beiden haben vielmehr alles verloren und sind aufgebrochen, weil es plötzlich keinen Platz mehr gegeben hat, an dem sie hätten bleiben können. Ein Investment war schiefgegangen, und ein Mensch, den die beiden Fünfzigjährigen für einen Freund gehalten hatten, hatte sich unbarmherzig gezeigt.

Den Prozess gegen ihn haben die Winns schließlich wegen eines Formfehlers verloren. Und als entschieden war, dass ihr altes Leben zerstört werden würde, zu dem eine Farm in Wales gehörte und ein kleiner Ferienbetrieb, bekam Moth die Diagnose, an kortikobasaler Degeneration erkrankt zu sein. Ein Todesurteil.

Ihre Wanderung, die Raynor Winn in dem sensiblen, dabei nie peinsam selbstbezogenen Buch "Der Salzpfad" schildert, führt sie nicht nur an die Ränder ihrer Heimat, sondern auch an den Rand der Gesellschaft. Die Winns bekommen Stütze, müssen mit weniger als 50 Pfund in der Woche auskommen. Die meisten anderen Wanderer, denen sie begegnen, tragen Funktionsbekleidung und sind in Eile. Sie möchten möglichst viel schaffen in den wenigen Tagen, ehe sie in ihre Jobs zurückmüssen.

Sonnenaufgänge und Untergänge, Baden im Meer bei Mondschein, reife Brombeeren, gewürzt von der salzigen Luft, nächtliche Begegnungen mit Dachsen und Hirschen, das teilnahmslose Beobachten - für all das haben diese auf Effektivität getrimmten Wanderer keinen Sinn. Einmal fragt Raynor Winn ihren Mann: "Haben wir einen Plan?" Er entgegnet: "Natürlich. Wir wandern, bis wir aufhören zu wandern, und vielleicht finden wir unterwegs so etwas wie eine Zukunft." Sie meint: "Das ist ein guter Plan." Und er wird aufgehen.

Die Stärke von "Der Salzpfad" ist, dass die persönliche Geschichte der Autorin und ihres Mannes über sich hinausweist. Sie handelt von dem Strukturwandel, der aus Fischerdörfern unterschiedlich erfolgreiche Touristenziele gemacht hat. Sie handelt von einer verunsicherten britischen Gesellschaft, aber auch von einer großen Freiheit: Immer wieder treffen Raynor und Moth Winn Menschen, die glücklich scheinen in einem einfachen Leben.

Zwischendurch erreichen die beiden den Status lokaler Berühmtheiten. Das liegt allerdings an einem Missverständnis: Moth wird von mehreren Passanten mit dem Schriftsteller Simon Armitage verwechselt, der zur selben Zeit in der Gegend auf Lesereise ist. Jeder Versuch einer Richtigstellung wird dem vermeintlichen Autor als liebenswürdige Schrulligkeit ausgelegt.

Es fällt einem leicht, Interesse und Sympathie für die beiden zu entwickeln. Weil Raynor Winn die Nöte nicht dramatisiert, ihre Ängste nicht aufgesetzt wirken. Weil sie nicht eitel ist und weder naiv noch besserwisserisch. Weil sie auf einer Reise sind ohne die Möglichkeit einer Rückkehr. "Der Salzpfad" ist ein Buch über den Ausnahmezustand - und führt doch mitten durch den englischen Alltag hindurch. Den man vom Festland aus beinahe aus dem Blick verliert, weil man nur noch auf 10 Downing Street starrt.