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Reisebuch:"Ein Fenster in die Seele des Landes"

Zunächst reiste die Britin Monisha Rajesh 40 000 Kilometer durch Indien, dem Heimatland ihrer Eltern. Anschließend ging sie auf Weltreise.

(Foto: Marc Sethi)

Girl-Group-Propaganda und berüchtigte Burger: Die Journalistin Monisha Rajesh ist sieben Monate lang im Zug durch die Welt gereist - bis nach Nordkorea.

Rezension von Martina Kind

Dampffahrten, schrieb einst Joseph von Eichendorff, rüttelten die Welt "unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop, wo die vorübergehenden Landschaften, ehe man noch irgendeine Physiognomie gefasst, immer neue Gesichter schneiden, der fliegende Salon immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden". Der Romantiker meinte das durchaus nicht positiv; angesichts der Beschleunigung des öffentlichen Lebens bliebe bei allem Erlebten das Erleben auf der Strecke. Heute steht das Reisen auf Schienen geradezu für das Gegenteil: Entschleunigung, bewusstes Erleben, eine Art Rückbesinnung darauf, dass es "keine wirklichen Anfänge oder Enden" gibt, "dass die Welt in Wahrheit klein und miteinander verbunden" ist. So jedenfalls sieht das die 1982 geborene britische Journalistin Monisha Rajesh.

Spätestens, nachdem sie in 80 Eisenbahnen stieg, um 40 000 Kilometer durch Indien zu reisen, dem Heimatland ihrer Eltern, "von Zugtüren hängend, auf Stufen balancierend und auf Wäschebergen schlafend", war Rajesh angefixt. Zurück in ihrem Zuhause in London hielt sie den Stillstand nicht lange aus - und feilte gleich am nächsten Plan: Wieder sollten es genau 80 Züge sein, dieses Mal aber galt es, mehr zu sehen als nur ein Land, und das auch nicht alleine, sondern mit ihrem Verlobten. Über Europa führte sie ihre Route also nach Russland, in die Mongolei, nach China, Vietnam und Thailand. Von Japan aus mit dem Flugzeug nach Kanada, weiter in die USA und wieder zurück nach Vancouver, um dann zurückzufliegen nach Asien für eine zehntägige Rundreise mit dem Zug durch Nordkorea.

Mit dem Tibet-Express reisten Monisha Rajesh und ihr Verlobter Jeremy nach Tibet. Interessant für die Mitreisenden: die Bilder, die das Paar auf dem Handy hat.

(Foto: Marc Sethi)

Hier nun beginnt das Buch interessant zu werden. Bis dahin hatte man zuweilen den Eindruck, Rajesh arbeitet sich ab an ihrer "Bucket List". Es wird ein-, um- und ausgestiegen, sich viel über den Komfort der Züge und die Angebote auf der Speisekarte ausgelassen, während man wenig, allenfalls Oberflächliches über die Orte erfährt, an denen sie und ihr Begleiter Station machen. Angenehm ist die Lektüre dennoch, nicht zuletzt, weil sie einen gedanklich zurückversetzt in eine Zeit, in der man sich noch unbeschwert durch die Welt bewegen und mit Fremden ins Gespräch kommen konnte, ohne sich alle paar Minuten die Schutzmaske zurechtzuzupfen und bei jeder zufälligen Berührung das Desinfektionsmittel herauszukramen. So geht es in der ersten Hälfte des Buches denn hauptsächlich um interkulturelle Begegnungen, um die Menschen, auf die Rajesh und ihr Verlobter treffen und die - ob freiwillig oder nicht - die "Geschicke der Reise ändern" und zum "Teil ihrer Erzählung" würden.

China, Kasachstan, Russland, Polen. Und ein kurzer Stopp in Venedig

Fahrt nimmt diese auf, als die beiden in Pjöngjang landen. Abenteuerlich ist schon der Hinflug in die nordkoreanische Hauptstadt - Air Koryo steht auf der EU-Liste unsicherer Fluggesellschaften. Zu hören und sehen bekommen Passagiere während ihres Fluges Ausschnitte aus Paraden und aus Konzerten von Kim Jong-uns Lieblingsband, der Girl Group Moranbong, die Propaganda-Klassiker zum Besten gibt. Serviert werden die berüchtigten Koryo Burger, "die angeblich Ratten- und Hundefleisch und alles Mögliche enthielten". Mit einer internationalen Gruppe reisen Rajesh und ihr Verlobter Jeremy durch das isolierte Land, an ihrer Seite sind neben der Tourleiterin stets zwei einheimische Betreuer, deren "Aufgabe weniger in der Betreuung als in der Kontrolle der Reisegruppen bestand". Es ist keine journalistische Reise, die Rajesh unternimmt, und doch schildert sie ihre Erlebnisse - die den spannendsten Teil des Buches ausmachen - mit einer notwendigen kritischen Distanz.

Zurück in Peking geht es mit dem Tibet-Express nach Lhasa, wo ihnen die Höhenkrankheit zu schaffen macht. Von dort treten sie langsam ihre Rückreise über China, Kasachstan, Russland, Polen, Deutschland und Italien an. Ein kurzer Aufenthalt noch in Venedig, bevor sie für den Heimweg in den legendären Venice Simplon-Orient-Express steigen, der sich das Gefühl, Komparse in einer Adaption von Agatha Christies "Mord im Orient-Express" zu sein, teuer bezahlen lässt. Für Monisha Rajesh ist es der wohlverdiente Abschluss einer siebenmonatigen Reise, die nicht immer behaglich war. Letztlich aber zählte für sie einzig der Blick aus dem Fenster der Züge, mit dem sie den Bogen zurück zur Romantik schließt: "Züge waren eine Verbindung zur Vergangenheit und ein Portal zur Zukunft. Und für mich? Für mich werden sie immer Fenster in die Seele eines Landes und seiner Menschen öffnen."

Monisha Rajesh: In 80 Zügen um die Welt. Mein 70 000 Kilometer langes Abenteuer auf Schienen. Aus dem Englischen von Angela Jacobsen. Edel Books, Hamburg 2021. 400 Seiten, 17,95 Euro.

© SZ/mai
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