Süddeutsche Zeitung

Reisebuch "Mountain Girls":Bergbanden

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Die Munich Mountain Girls haben nichts gegen Männer, sind beim Skifahren, Klettern, Mountainbiken oder auf Wanderungen aber gerne unter sich. In ihrem Buch wird deutlich, wofür sie sich dabei engagieren.

Rezension von Stefan Fischer

Gegen Ende des Buches geht es dann doch einmal um: Männer. Beziehungsweise darum, wie schön es ist, wenn sie im Tal bleiben und die Frauen am Berg unter sich sind. Sieben Frauen, die gemeinsam einen "Women only"-Hochtourenkurs in den Alpen absolviert haben, berichten, welchen Unterschied es macht für die Gruppendynamik und die Risikoeinschätzung, je nachdem, ob auch Männer bei solch einer Unternehmung dabei sind oder nicht. Respekt ist ein Thema, Rücksichtnahme und die innere Ruhe, wenn kein Druck von außen da ist.

Das Tolle an dem Band "Mountain Girls" ist jedoch, dass es den Autorinnen gerade nicht darum geht, sich abzugrenzen von Männern oder sich zu rechtfertigen dafür, dass sie gerne nur mit ihresgleichen unterwegs sind beim Skifahren, Klettern, Mountainbiken oder auf Mehrtageswanderungen. Sie tun, was sie tun, dafür braucht es keine geschlechtsspezifische Erklärung. Die Frauen, die in diesem Buch auftreten, kämpfen nicht gegen, sondern engagieren sich für etwas.

Das Buch ist ein Projekt der Munich Mountain Girls. Zu der 2016 von Christine Prechsl gegründeten Community haben sich bergbegeisterte Frauen aus München und dem Umland zusammengeschlossen mit dem Ziel, ihre Leidenschaften zu teilen, Freundschaften zu schließen und Verbündete zu finden. Mittlerweile tauschen sich nach eigener Aussage rund 5000 Frauen in den geschlossenen Facebook-Gruppen aus, auf Instagram haben die Munich Mountain Girls 20 000 Follower.

Kartenlesen kombiniert "Fakten und Fantasien, Information und Mutmaßung"

Dieser integrative und eben gerade nicht abweisende Ansatz zieht sich auch durch den gesamten von Marta Sobczyszyn und Stefanie Ramb - beide bei den Munich Mountain Girls - verantworteten Band, der in vielen unterschiedlichen Schlaglichtern das Thema Bergsport ausleuchtet. Insofern liest man ihn auch als Mann mit Gewinn und Vergnügen. Eher selten spielt es in "Mountain Girls" nämlich explizit eine Rolle, dass die Perspektive auf die Dinge eine weibliche ist, etwa bei der Frage, was aus einer Gruppe Bergfreundinnen wird, wenn die ersten von ihnen Kinder bekommen.

Ansonsten? Schreibt Anna Hadzelek eine Liebeserklärung ans Kartenlesen. Für sie geht es dabei, anders als bei digitalen Darstellungen, um mehr als bloß die sachliche Information, wie man am besten von einem Ort an einen anderen gelangt. Sondern um ihre Interaktion mit der Karte, die mehr zeigt, als sie auf einen Blick erfassen kann, die sie interpretieren - eben: lesen muss. Hadzelek gefällt der Gedanke, dass es Vorstellungskraft braucht, "um aus Linien, Flächen, Farben eine dreidimensionale Idee bauen zu können". Und sie nicht wie eine App einfach nur automatisiert Tourdaten ausspuckt. Kartenlesen, so Anna Hadzelek, sei eine Kombination aus "Fakten und Fantasien, aus Information und Mutmaßung".

Julia Topp wiederum schildert, wie sehr sie in Steinböcke vernarrt ist und dass sie gezielt Bergtouren in diejenigen Regionen der Alpen unternimmt, in denen die Chance besteht, diese Tiere zu sichten. Barbara Heinze, die Outdoorbekleidung repariert, wirbt für einen nachhaltigeren Umgang mit Ausrüstungsgegenständen und gibt Pflegetipps, damit Jacken, Hosen und Rucksäcke länger halten. Marta Sobczyszyn erinnert an den Sommer, in dem sie auf der Mittenwalder Hütte im Karwendel gearbeitet hat - es war eine Flucht aus der Stadt aus Liebeskummer, die ihr gut bekommen ist.

Die Freiheit eines ungebundenen Lebens ist dann doch wichtiger als die Freiheit der Berge

Katharina Kestler wiederum hat lange davon geträumt, selbst eine Hütte zu pachten - und erklärt, warum sie, als sie auf eine Bewerbung hin tatsächlich ein konkretes Angebot bekommen hat, ihren Traum dann schließlich doch nicht in die Realität umgesetzt hat. Die Freiheit, die ihr das ungebundene Leben in München gewährt, erschien ihr letztlich nämlich wichtiger als die Freiheit, ihre eigene Chefin zu sein und in der freien Natur zu leben - aber eben angebunden an die Hütte und einen Knochenjob.

Vielleicht ist das dann doch ein weiblicher Blick auf etliche Facetten des Bergsports: Nicht so sehr in Kategorien wie Leistung, Rekorde oder Wettbewerb zu denken sowie offener und damit souveräner mit Momenten der Schwäche oder des Zweifelns umzugehen. Die Lebenserfahrung, die man in den Bergen sammelt, nicht an Höhenmetern und Schwierigkeitsgraden beim Klettern zu messen.

Wenn da nicht Christine Prechsl wäre, die Gründerin der Munich Mountain Girls, die postuliert: "Setz dir hohe Ziele!" Es ist die entschiedenste Ermunterung in diesem gut gelaunten Buch, eine etwaige Zurückhaltung - in welcher Hinsicht auch immer - abzustreifen.

Marta Sobczyszyn, Stefanie Ramb: Mountain Girls. Gemeinsam unterwegs in der Bergwelt. Prestel Verlag, München, London, New York 2021. 208 Seiten, 32 Euro.

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