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Reisebuch:Mehr oder weniger

Alastair Humphreys macht so schnell nichts Angst. Der Engländer ist mit dem Rad vier Jahre lang um die Welt gefahren. Nun durchquert er Spanien als Straßenmusikant. Und reflektiert dabei über sich und das Land.

Alastair Humphreys macht so schnell nichts Angst. Der Engländer ist mit dem Rad vier Jahre lang um die Welt gefahren, er ist über den Atlantik gerudert und hat die Rub al-Chali, die größte Sandwüste der Erde, durchquert. In Spanien hat er sich jedoch einer besonderen Mutprobe unterzogen: Er hat öffentlich Geige gespielt. In seinem Buch "Ein Sommer, drei Melodien, kein Talent" schildert Humphreys die Szene seines ersten Auftritts auf einem Platz in Vigo, einer Stadt im Westen Spaniens: "Ich lächelte vor mich hin, holte tief Luft und begann zu spielen. Das schaurige Quietschen zerstörte alle meine Tagträume. Wie Nägel, die an einer Tafel kratzen. Es jagte mir Schauer über den Rücken."

Humphreys fiedelte dennoch unbeirrt mehrere Stunden lang, rief Passanten frohgemut zu, er spiele "Guantanamera", und bekam zur Antwort: "mas o menos", mehr oder weniger. Dann endlich: eine erste Münze im Geigenkasten, ein Euro sogar. Ein Anfang.

Einen Monat will Humphreys unterwegs sein, zu Fuß 800 Kilometer bis nach Madrid laufen - und sich sein Essen als Straßenmusikant erspielen auf einem Instrument, auf dem er lediglich ein paar Monate geübt hat. Ein alter Traum von ihm ist das, eine Hommage an den von ihm verehrten Reiseschriftsteller Laurie Lee, der 1935 jene Tour unternommen hat, der Humphreys nun nacheifert. Und es ist eine Art Verzweiflungstat. Humphreys definiert sich über sein Abenteuertum, über seine Strenge sich selbst gegenüber. Inzwischen jedoch ist er verheiratet und Vater zweier Kinder. Er kann sein bisheriges Leben nicht mehr führen, und das zermürbt ihn zusehends.

Die Teilnahme an einer Expedition in die Antarktis hat er schweren Herzens abgesagt. Auf den ersten Blick erscheint der Monat in Spanien als schwacher Trost. Es geht für Humphreys jedoch ums Ganze, darum, seine Ehe, seine Familie zu retten. Indem er auch die kleinen Abenteuer akzeptiert. Sich damit abfindet, nicht die ganze Welt zu sehen und nicht der Härteste unter den Harten sein zu müssen. Für seine Leser ist das ein Gewinn. "Bei dieser Wanderung ging es offensichtlich mehr um andere Menschen als bei allem, was ich zuvor gemacht hatte", erkennt Alastair Humphreys selbst an. Sein Bericht ist am stärksten dann, wenn er seine Rolle reflektiert. Die Wirtschaftskrise ist zum Zeitpunkt seiner Reise 2016 noch spürbar in Spanien. Mit welchem Recht, so fragt er sich, konkurriert er mit Obdachlosen und Flüchtlingen um Spenden? Schließlich ist er nicht wirklich arm; für ihn ist es lediglich ein Experiment, eine Wette mit sich selbst. Humphreys rechtfertigt sich damit, dass das Geigespielen Arbeit sei. Er erlegt sich auch selbst auf, nur so lange zu musizieren, bis er sich das Nötigste leisten kann und kein Geld anzusparen.

Am Ende wird er 125,40 Euro eingenommen haben, wird weggeworfenes Essen aufgesammelt haben. Wird erlebt haben, dass er als aufdringlich wahrgenommen wird - denn wer braucht schon lausige Straßenmusikanten. Das weckt in ihm die Sehnsucht, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Auf sich gestellt war er lange genug.

Alastair Humphreys: Ein Sommer, drei Melodien, kein Talent. Meine abenteuerliche Reise als Straßenmusiker durch Spanien. Aus dem Englischen von Astrid Gravert. Dumont Reiseverlag, Ostfildern 2020. 260 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ vom 13.02.2020
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