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Reisebuch:Lohnende Umwege

Jan Volker Röhnert, Judith Schalansky (Hg.)
(Foto: Matthes&Seitz)

Jan Röhnert wandert durch zerklüftete Karstlandschaften. Und macht dabei nicht nur geografische Entdeckungen.

Rezension von Stefan Fischer

Als Jugendlicher stromerte Jan Röhnert durch die ehemaligen Steinbrüche hinterm elterlichen Haus. Sie waren gesperrt - zu gefährlich, urteilten die Behörden. Aber was schert das einen Teenager. Drei Generationen zurück haben Röhnerts Vorfahren noch den Kraftsdorfer Sandstein gebrochen, mit dem auch der Naumburger Dom restauriert worden ist.

Damals war Röhnert noch nicht klar, dass es in seiner thüringischen Heimat auch gibt, was nach Mittelmeer und - für den DDR-Bürger - unerreichbarer Ferne klang: Karst, den man vor allem mit Istrien verbindet. Ein Landschaftstyp, der sich kaum nutzbar machen lässt, weil er nicht zur Landwirtschaft taugt und auch nicht zur Bebauung.

"Wer sich mit Karst beschäftigt, kommt am Phänomen der unterirdischen Entwässerung - und zugleich der Höhlenbildung - nicht vorbei", schreibt Röhnert in seinem Band "Vom Gehen im Karst", das in der formidablen Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz erschienen ist. "Wo das anfallende Wasser nicht am oberirdischen Entwässerungssystem der Bäche und Flüsse beteiligt ist und stattdessen (mit stetem Tropfen) das Gestein auswäscht, auslaugt und unterhöhlt, bildet sich Karst."

Viele Schriftsteller haben in der spröden Landschaft ideale Handlungsorte gefunden

Auf halbem Weg zwischen Röhnerts Heimatgemeinde und seinem späteren Wohnort Braunschweig liegt die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Dort wurde während der Zeit des Nationalsozialismus die Rüstungsfertigung unter Tage verlegt, Tausende Zwangsarbeiter mussten in Karsthöhlen Waffen für das NS-Regime bauen. Ein Zusammenfall von Erd- und Zeitgeschichte.

Und eine Ausnahme in Röhnerts Buch. Er durchstreift Karstlandschaften in Deutschland, Italien und Frankreich, die häufig geschichtslos sind. Dazu die Karst-Literatur, von Dante Alighieri über Adalbert Stifter bis Peter Handke. Röhnert muss sich seine Pfade oft selbst suchen. Und findet eine sich weitgehend selbst überlassene, zerklüftete Natur, durch die im Grunde nur Umwege führen. Genauso mäandern Röhnerts Gedanken. Sie sickern ein in ein auch geistiges Terrain, das man lesend gerne erkundet.

Jan Röhnert: Vom Gehen im Karst. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021. 184 Seiten, 28 Euro.

© SZ/mai
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