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Reisebuch:In hellem Licht

Ein Bild des Muztagh-Passes in Pakistan von Adolph Schlagintweit, das nachträglich noch überarbeitet worden ist - der besseren Wirkung wegen.

(Foto: Wolfgang Pulfer)

Woher kommt die westliche Zuneigung zu Nepal und Tibet? Zwei Bücher geben auf ganz unterschiedliche Art Auskunft. Während das eine romantisiert, versachlicht das andere unsere Himalaja-Sehnsucht.

Von Stefan Fischer

Vielleicht hat es mit den Brüdern Schlagintweit angefangen, jedenfalls hierzulande: Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit sind von 1854 bis 1858 "Über den Himalaya" gereist - so der Titel einer Ausstellung des Deutschen Alpenvereins im Alpinen Museum München sowie des zugehörigen Katalogs -, und haben damit eine Himalaja-Begeisterung entfacht. Das von China beherrschte Nepal etwa war für Europäer damals so gut wie nicht zugänglich, wie Moritz von Brescius, einer der Herausgeber des Buchs, die Ausgangssituation schildert - dementsprechend exklusiv war etliches, was die Schlagintweits zu berichten wussten. Auch stellten sie einen neuen Höhenrekord auf: Den Ibi Gamin an der Grenze zwischen Indien und China bestiegen sie bis auf eine Höhe von 6785 Meter.

Wobei es von Anfang an einen Dissens gab über die Ergebnisse dieser Forschungsreise nach Zentral- und Hochasien: In England wurden sie als minderwertig abgetan. Das liegt zum einen am Neid mancher Briten, die nicht einsehen wollten, warum die britische East India Company drei Ausländern eine derart teure Expedition maßgeblich finanziert hat. Und zum anderen auch an einem tatsächlichen Wissensgefälle: In England war man Mitte des 19. Jahrhunderts weitaus besser über Asien und die Himalaja-Region informiert als in Kontinentaleuropa. Dort reichte es für die überlebenden Brüder Hermann und Robert - Adolph Schlagintweit war 1857 in Kashgar in einen muslimischen Aufstand geraten und als vermeintlicher britischer Spion enthauptet worden - zu einer Goldmedaille der Pariser Geografischen Gesellschaft.

Bis heute kann man mit jeweils guten Gründen darüber streiten, ob die Schlagintweits eher aufgeklärt oder verklärt haben. Eitel waren sie und bedacht darauf, in blendendem Licht zu erscheinen. Sie sorgten "für eine möglichst breite populärwissenschaftliche Rezeption ihres Werkes", so von Brescius in seinem Aufsatz über die Wirkungsgeschichte der Expedition: Die Brüder "verstanden es, ihre Entdeckungen in den Dienst einer Wissenschaftskultur zu stellen, die das Heldenhafte verehrte".

Bergsteigerische Heldentaten und die Beschreibung von vorindustriellen, friedfertigen Gesellschaften - die im 19. Jahrhundert belächelt worden sein mögen, die als idealisiertes Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus spätestens seit den 1960er-Jahren aber an Reiz gewonnen haben -, sie dominieren bis heute das Bild, das sich Europa von der Himalaja-Region macht. Die Schlagintweits romantisieren in dieser Hinsicht nicht, das passiert erst durch die Rezipienten. In ihrer kolonialen Geringschätzung waren sie aber ebenfalls ideologisch. Die Stärke von Ausstellung und Katalog ist, dass die vorherrschende Schwarz-Weiß-Zeichnung des Trios viele neue Grautöne bekommt durch Abwägungen und Differenzierungen.

Womit der Blick klarer wird, den man mithilfe der Schlagintweits auf die Himalaja-Region werfen kann. Viel direkter allerdings als über den mühsamen Weg der Entideologisierung der Schlagintweit-Expedition kann man mit dem erfahrenen Himalaja-Reisenden Hajo Bergmann die "Straße der Achttausender" nehmen. Bergmann kennt diese Weltgegend gründlich und hat ein gutes Sensorium für Verschiebungen. Etwa im Verhältnis der Chinesen, Tibeter und Nepalesen zueinander. Knapp und lapidar schildert er vieles, das von weitreichender Bedeutung ist. So erinnert er daran, wie die alte nepalesische Königsstadt Bhaktapur durch ein Erdbeben 1934 stark zerstört worden ist und "mit großem Aufwand, in jahrelanger Arbeit und mit internationaler Hilfe originalgetreu wieder aufgebaut" worden sei: "Dadurch hat sich das traditionelle Nepal hier besser erhalten als anderswo." Das traditionelle Nepal ist also in Teilen eine Reproduktion, ein musealisiertes Abbild, wie es ausländische Besucher gerne erhalten mögen. Bei Bergmann liest man immer wieder von Korruption, einem überkommenen Frauenbild, einer feudalistischen Gesellschaftsstruktur.

Die westliche Zuneigung für Tibet, für Nepal, wie sie sich jetzt wieder zeigt in der immensen Hilfsbereitschaft nach dem verheerenden Erdbeben, sie gründet zum Teil in einer romantisierten Vorstellung von dieser Weltgegend. Auf ganz unterschiedliche Weise lässt sich das westliche Himalaja-Bild durch die beiden Bücher korrigieren und präzisieren. Was der Empathie für die Gebirgsregion und ihre Bewohner nicht zuwider läuft.

Hajo Bergmann: Straße der Achttausender. Vom Dach der Welt zu Darjeelings Teegärten. Malik Verlag, München 2015. 268 Seiten, 22,99 Euro. Moritz von Brescius, Friederike Kaiser, Stephanie Kleidt (Hrsg.): Über den Himalaya. Die Expedition der Brüder Schlagintweit nach Indien und Zentralasien 1854 bis 1858. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2015. 388 Seiten, 29,90 Euro. Das Buch ist der Katalog zur Ausstellung "Über den Himalaya" des Deutschen Alpenvereins im Alpinen Museum München, die noch bis 10. Januar 2016 zu sehen ist.

© SZ vom 07.05.2015
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