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Reisebuch:Heiß auf Gletscher

Ein Vierteljahrhundert lang hat Gernot Patzelt das Institut für Hochgebirgsforschung der Universität Innsbruck geleitet. Nun ist sein kundiger Blick auf die Gletscher erschienen.

Von Stefan Fischer

Am Schrumpfen der alpinen Gletscher lässt sich die Erderwärmung besonders anschaulich zeigen. Die Befassung mit diesen Eismassen hat insofern häufig eine moralische Intention. Anders ist das in Gernot Patzelts Band "Gletscher". Ein Vierteljahrhundert lang, von 1980 bis 2004, hat Patzelt das Institut für Hochgebirgsforschung der Universität Innsbruck geleitet. Sein Blick auf die Gletscher und auf die Alpen überhaupt ist ein wissenschaftlicher, kein emotionaler.

Und doch wendet sich das umfassende Buch erst einmal nicht an den Verstand. In der ersten Hälfte befasst Patzelt sich mit alpiner Landschaftsmalerei, sofern sie Gletscher zum Gegenstand hat. Von der Spätaufklärung über die Romantik bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, für die Dauer eines Lebensalters also, waren Gemälde die ersten und einzigen bildlichen Darstellungen von Gletschern. Ehe die Malerei auf diesem Feld abgelöst worden ist von der Fotografie.

Der Band befasst sich mit dem Werk von Caspar Wolf, Jean-Antoine Linck, Samuel Birmann und vor allem mit dem von Thomas Ender sowie Ferdinand Runk. Deren Gemälde sind künstlerisch hoch einzuschätzen, das würdigt der Band ausführlich. Zugleich sind sie auch "landschaftsgeschichtlich einzigartige Bildquellen", wie der Geograf Heinz J. Zumbühl in einem Beitrag schreibt. Speziell die Werke Thomas Enders, Kammermaler in Erzherzog Johanns Diensten, sind so präzise naturalistisch, dass er und andere Maler seines Kalibers "auch Pioniere der Gletscherkunde" waren, so Patzelt. Den Gemälden gegenübergestellt sind aktuelle Fotografien, um Veränderungen im Landschaftsbild zu zeigen.

In der zweiten Hälfte wird das Buch dann beinhart wie Gletschereis. Es fasst im Detail die jahrzehntelange Forschung Gernot Patzelts zusammen, die insbesondere am Gurgler Ferner in den Ötztaler Alpen - Patzelts Institut hat eine Forschungsstelle in Obergurgl - die Entwicklung der vergangenen 8000 Jahre umfasst. Wer möchte, kann detailliert einsteigen in wissenschaftliche Diskurse. Aber auch im bloßen Überfliegen erschließt sich die Dynamik der Gletscher. Selbst in der Neuzeit gab es mehrere Rückzugs- und Vorstoßphasen. Patzelt erklärt die landschaftsverändernden Entwicklungen - und thematisiert auch den Anteil des menschlichen Einflusses.

Gernot Patzelt: Gletscher. Klimazeugen von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Verlag Hatje Cantz, Berlin 2019. 256 Seiten, 52 Euro.

© SZ vom 21.11.2019
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