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Reisebuch:Fröhlich sein

Von Hansi Hinterseer bis zu den Kastelruther Spatzen: Volkstümliche Musik ist ein großes, häufig auch touristisches Geschäft, das der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner kritisch hinterfragt.

Führt er sie vor? Oder bildet er nur ab? Wer die Fanporträts des Tiroler Fotografen Lois Hechenblaikner aus seinem neuen Buch "Volksmusik" betrachtet, kann es sich leicht machen: arme Teufel, die sich von einer geldgierigen, volkstümlichen Musikindustrie abzocken lassen und es nicht mal merken.

Auf den zweiten, intensiveren Blick aber und nach Lektüre der guten, analytischen Texte lohnt es sich, das eigene Klischeebild vom volkstümlichen Kitsch kurz zu überdenken. Was bringt Zehntausende Menschen dazu, sich im Kitzbüheler Skigebiet mit Hansi Hinterseer auf Fanwanderung zu begeben, auf der ihr Idol ihnen wie der Heiland von einem Floß auf dem Schneekanonen-Speichersee aus zuwinkt? Warum kommen so viele Menschen seit Jahrzehnten zum alljährlichen Kastelruther Spatzenfest, kleiden sich wie ihre Helden in Trachtenwams, Stiefel und Lederhose und geben für all das ihre Ersparnisse aus?

Messias auf dem Schneekanonensee: Hansi Hinterseer bei einer seiner Fan-Wanderungen.

(Foto: Lois Hechenblaikner)

Weil es sie sehr glücklich macht, ist die Antwort des Medientheoretikers Wolfgang Ullrich. Er sieht in solchen Events "eine letzte Gelegenheit, in einem trostlosen Leben doch noch ein bisschen Glück zu finden", schreibt ihnen gar "eine soziale, therapeutische Rolle" zu. Es gelte deshalb, die Beweggründe dieser Fans ernst zu nehmen. Denn viele seien überfordert von der Komplexität der Welt, abgehängt in der Leistungsgesellschaft, kulturell entwurzelt und oftmals emotional extrem bedürftig. Wenn ein solches Angebot diesen Mangel also zumindest zeitweise ausgleiche, sei dagegen nichts zu sagen. Es sei denn, die Produzenten dahinter würden sich selbst in zynischer Weise über ihre Anhänger lustig machen und nur auf maximalen Profit aus sein.

Ob und in welchem Grad das der Fall ist, beantworten die seit den 90er-Jahren entstandenen Bilder Lois Hechenblaikners nicht. Zwar zeigt er auch Merchandisingshops oder hochprofessionell organisierte Massenevents wie etwa das Open-Air-Konzert der Zillertaler Schürzenjäger, die es längst nicht mehr gibt. Doch darüber, ob die Stars ihre Fans aufrichtig ernst nehmen, deren Liebe also erwidern, kann man nur mutmaßen.

Der Volksmusiker Hans Well von den "Biermösl Blosn" lässt in seinem Gastkommentar hingegen keinen Zweifel an den Absichten: "Die volkstümliche Musikszene lebt vom Bedürfnis nach Illusionen, nach heilen Scheinwelten (in denen Scheine eine große Rolle spielen)." Der volkstümliche Anstrich, so Well, täusche darüber hinweg, "dass es sich bei diesen lustigen Musikanten um ziemlich ausgefuchste Geschäftsleute handelt, die ihre Kundschaft mit ausgeklügelten Merchandising-Methoden abzocken". Ob das nun ehrenrühriger ist, als wenn Klassikfans ihren Stars hinterherreisen und sich deren Souvenirs kaufen, setzt Wolfgang Ullrich dem als berechtigte Frage entgegen.

Vielleicht liegt der maßgebliche Unterschied darin, dass die volkstümlichen Musiker stets suggerieren, ihre Musik sei mit der Region, aus der sie kommen, eng verbunden, es handle sich also um eine Fortschreibung der volksmusikalischen Tradition. Das ist natürlich meistens eine Lüge, die auch die Tourismusbranche gerne erzählt, weil sie davon profitiert.

Lois Hechenblaikner: Volksmusik. Steidl Verlag, Göttingen 2019. 152 Seiten, 120 Abb., 38 Euro.