Süddeutsche Zeitung

Reisebuch:Die große Bühnenshow

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Abe Frajndlich zeigt sein New York, mit viel Sinn für Schrilles und komische Momente. Es sind auch Bilder, die Mut machen und die Hoffnung nähren, dass die Stadt sich erholen wird.

Von Stefan Fischer

"Die Stadt ist ein großes Theater", schreibt der Verleger Jürgen B. Tesch in seinem Vorwort zu Abe Frajndlichs Fotoband "New York City". Mit so vielen Bühnen wie mutmaßlich kein anderer Ort auf der Welt, das jedenfalls ist New Yorks Image, und das legen auch die Fotografien Frajndlichs nahe. "Just like I pictured it", heißt der Band lapidar im Untertitel, so als hätte Frajndlich beim Flanieren einfach ein paar Schnappschüsse gemacht.

Tatsächlich porträtiert der Fotograf die Stadt und ihre Bewohner, seit er in ihr lebt, seit Mitte der Achtzigerjahre. Absichtslos, wie es scheint, jedenfalls schildert Tesch, wie lange es gedauert habe, ehe Frajndlich in die Veröffentlichung einer Auswahl dieser Bilder eingewilligt habe. Aber auch wenn sie lange nicht als Teil eines fotografischen Projektes gedacht waren und in der Mehrzahl zufällige Straßenszenen zeigen, sind die Aufnahme natürlich dennoch gestaltet, teilweise auch inszeniert.

Die Fotos zeigen wenige Sehenswürdigkeiten, keine Postkartenmotive - und sind dennoch ikonografische Bildnisse dieser einzigartigen Stadt. Es sind auch Bilder, die Mut machen und die Hoffnung nähren, dass New York sich erholen wird von der Corona-Pandemie, die sie in besonderem Maß getroffen hat. Dass sie ihren außergewöhnlichen, spektakulären und durchaus auch schrillen Charakter nicht verliert. Sondern zurückfindet zu einer Extravaganz und Kreativität, die sie zu jenem kulturellen und weltanschaulichen Kraftzentrum machen, das die Stadt seit Jahrzehnten in der westlichen Welt ist.

Es gibt unter den durchweg schwarz-weißen Aufnahmen - Frajndlich hat in der Regel Infrarot-empfindliches Filmmaterial benutzt, um das Spektrum der Grauabstufungen zu erhöhen - solche, die die Architektur inszenieren als grafische Anordnung. Frajndlich spricht von ihnen als seinen "Midtown Grafiken" und von architektonischer Abstraktion. Es gibt zweitens Porträts, die den Freaks der Stadt gewidmet sind. Dem Can Man etwa, einem Kerl, der sich über und über mit leeren Getränkedosen behängt, oder einem Mann, der bei einer Osterprozession ein übermannsgroßes Holzkreuz durch die Straßen zerrt.

Und schließlich gibt es Fotografien, auf denen die Bewohner den Stadtraum bespielen, manchmal willentlich, meistens aber unbewusst. Abe Frajndlich hat sichtlich ein Faible für komische Momente - sein Foto einer beleibteren Frau, die sich am Strand von Coney Island mit einem Regenschirm vor der Sonne schützt, hat Züge einer Karikatur. Manchmal nimmt er Passanten so auf, dass sie Teil eines Werbeplakates werden, an dem sie gerade vorbeilaufen. Frajndlich entdeckt Doubles auf der großen Bühne New York; Bewohner, die ihn nicht nur durch ihr Äußeres, sondern auch durch ihre Ausstrahlung an Orson Welles oder Bette Davies erinnern.

Es sind Geschichten, die sich ständig selbst überschreiben. New York verändert sich schneller als andere Städte. Im Kern bleibt sich die Stadt jedoch treu, und zu dem dringt Abe Frajndlich mit seinen Aufnahmen vor.

Abe Frajndlich: New York City. Just like I pictured it. Hirmer Verlag, München 2020. 144 Seiten, 34,90 Euro.

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SZ vom 25.06.2020
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