Reisebuch Der bunte Kontinent

"National Geographic" setzt sich kritisch mit dem Bild auseinander, das es sich seit 125 Jahren von Afrika macht - und seinen Lesern präsentiert.

Von Stefan Fischer

Es war die richtige Magazin-Idee zur richtigen Zeit: 1888 hatte sich in Washington, D. C., die National Geographic Society gegründet, noch im selben Jahr ist die erste Nummer ihres National Geographic Magazine erschienen. Es gab damals für den Westen noch etliches zu entdecken, insbesondere in Afrika. So fallen die Anfangsjahre der Zeitschrift beispielsweise zusammen "mit den sensationellen Funden der ägyptischen Archäologie", woran Joe Yogerst im Vorwort des von Reuel Golden herausgegebenen großformatigen Prachtbandes "In 125 Jahren um die Welt. Afrika" erinnert.

Es gab damals auf absehbare Zeit keine Medien, die schneller in Text- und vor allem (ab 1905) in Bildform von Entdeckungen und Expeditionen berichten konnten, zumal in dieser Qualität, als eben das National Geographic Magazine. Darin waren bereits ab Mitte der 1910er-Jahre farbige Bilder abgedruckt, sogenannte Autochrome: In diesem fotografischen Verfahren wurden violett, grün und orangerot gefärbte Kartoffelstärkekörnchen auf Fotoplatten aufgetragen und mit einer Emulsion bestrichen.

Von diesen Anfängen bis beinahe in die Gegenwart zeichnet der Band nach, welches Bild sich die Fotografen des Magazins von Afrika bis heute machen. Die älteste Aufnahme stammt von 1907, sie zeigt eine Zebraherde bei Nacht.

Das Buch ist nicht chronologisch, sondern geografisch geordnet. Als Leser und Betrachter macht man eine erstaunliche Beobachtung: Oftmals ist auf den ersten Blick schwer zu entscheiden, wann ein Foto aufgenommen worden ist. Auch frühe Bilder sind technisch bereits auf einem sehr hohen Niveau, ästhetische Moden lassen sich nicht immer ausmachen. Und die Motive erlauben auch nicht immer Rückschlüsse. Es gibt alte Städte in Afrika, deren Gassen sind so eng, dass Waren noch heute auf Eseln transportiert werden müssen. Eine Aufnahme davon dokumentiert also keinesfalls zwingend Vergangenheit oder gar Rückständigkeit.

An diesem Punkt haken die einordnenden Texte immer wieder ein: Das Buch geht durchaus selbstkritisch mit dem Afrikabild des Magazins um. Joe Yogerst thematisiert die Kritik, die sich mitunter gegen das Magazin gerichtet hat, wegen seiner "idealistischen, naiven Sicht auf eine Welt voller Konflikte". Und zur Mythologisierung der Schwarzafrikaner als "edle Wilde" hat National Geographic definitiv seinen Beitrag geleistet. Auch später seien korrekt gemeinte Geschichten "von einem westlichen Altruismus geprägt und auch wieder aus einer westlichen Perspektive erzählt" worden. Und so dokumentiert dieser Band beides: Afrika und das Bild, das sich der Westen von dem Kontinent macht.

Reuel Golden: In 125 Jahren um die Welt. Afrika. National Geographic / Taschen Verlag, Köln 2018. 312 Seiten, 50 Euro.