Süddeutsche Zeitung

Reisebuch:Dem Magen nach

Caroline Eden bereist die West- und Südküste des Schwarzen Meeres. Immer auf der Suche nach kulinarischen Überraschungen. Um die politischen Entwicklungen der Länder geht es dabei nur am Rande.

Fresslust scheint ein Wesenszug osteuropäischer Schriftsteller zu sein. Isaac Babel zum Beispiel schildert in den "Geschichten aus Odessa" eigentlich kriminelle Milieus der Stadt, doch beschreibt er dabei unentwegt Mahlzeiten und Zutaten, die Metaphern holt er sich ebenfalls aus den Küchen der Stadt. Babel sei "ein genialer Food-Writer" gewesen, urteilt die Britin Caroline Eden in ihrem Reise- und Kochbuch "Schwarzes Meer". Auch auf Nikolai Gogol kommt sie zu sprechen und dessen Besessenheit vom Essen sowie auf Adam Mickiewicz und dessen Schilderungen dekadenter Gelage in seinem Werk "Pan Tadeusz".

In Odessa beginnt die auf kulinarische Themen spezialisierte Autorin eine Reise, die sie halb um das Schwarze Meer herum führen wird, durch die Ukraine, Moldawien, Rumänien, Bulgarien und entlang der türkischen Küste bis an die Grenze zu Georgien. Sie führt in Restaurants und Cafés, in Bäckereien, auf Knoblauchfelder und Teeplantagen. Und immer wieder auch hinein in literarische Werke, die man nicht lesen sollte, wenn man allzu hungrig ist.

Was deutlich wird, ist, dass dieses Meer, so schwierig es zu befahren ist, die vielen Anrainer lange Zeit eher verbunden hat als getrennt. In früheren Jahrhunderten haben sich Menschen, Waren und Ideen auf dem Seeweg schneller verbreitet als auf dem Landweg. Der Einfluss von Schweizern und Franzosen auf die Backstuben in Odessa etwa und von Russen auf diejenigen im Pontischen Gebirge im Nordosten der Türkei ist heute noch merklich in vielen Rezepten und Spezialitäten. Rund um das Mittelmeer haben sich die Küchen gegenseitig beeinflusst, die jüdische Küche hat sogar ohne Juden überlebt.

Auch das gehört zur Geschichte dieser Region: Etliche der Verbindungen sind gekappt worden. Durch Pogrome an den Juden, den sogenannten Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei in den 1920ern oder sowjetische Herrschaftspolitik. Die Bewohner Odessas kommen Caroline Eden "ein wenig weltmüde" vor, auch Trabzon habe seine "Weltoffenheit verloren", schreibt sie und nennt die Bevölkerung der nordtürkischen Stadt rundheraus nationalistisch.

Die politischen Entwicklungen - Eden ist 2017 gereist - in der Türkei, zwischen der Ukraine und Russland, in Georgien, sie tauchen allerdings nur am Rande auf. Das kann man dem Buch durchaus vorwerfen, auch wenn es einen anderen Fokus hat. Über den sprichwörtlichen Rand des Tellers zu blicken, anstatt noch eine Portion Börek oder ein Pilawgericht aufzuladen, würde einem die jeweiligen Regionen allemal näher bringen.

Als Eckpfeiler hat Caroline Eden sich die drei Städte Odessa, Istanbul - obwohl nicht direkt am Schwarzen Meer gelegen, aber doch maßgeblich davon beeinflusst - und Trabzon erkoren. Spannend wird es allerdings vor allem im ländlichen Raum, in Bulgarien etwa im entlegenen Strandscha-Nationalpark, wo es speziellen Honig gibt und traditionelle Gerichte wie Zelnik, eine Art herzhafte Tarte mit in diesem Fall Mangold, Feta und Kümmel. Aber auch Zelnik ist ein Migrant, ursprünglich kommt er aus dem heutigen Nord-Makedonien.

So stromert Caroline Eden die Küste entlang, manchmal nimmt sie sich nur die Zeit für Mahlzeiten und nicht auch für Gespräche - oder nur die, um Rezepte zu erfragen, welche in dem Band reichlich veröffentlicht sind. Verdienstvoll ist, dass sie eine Region in den Blick nimmt, die kulinarisch und derzeit auch touristisch nicht im Fokus liegt, sieht man von Georgien ab, das Eden aber außen vor lässt. Sie kennt sich in der Historie der Schwarzmeer-Region gut aus, und dass sie auch ein Bewusstsein für die aktuellen Konflikte hat, deutet sie zumindest an.

Caroline Eden: Schwarzes Meer. Ein Reise- und Kochbuch. Aus dem Englischen von Christine Schnappinger. Prestel Verlag, München, London, New York 2019. 282 Seiten, 30 Euro.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2019
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