Süddeutsche Zeitung

Reisebuch:Beide Ufer

Götz Lemberg hat einen originellen, aussagekräftigen Fotoband namens "Spree-Cuts" veröffentlicht. Es ist ein Blick vom Fluss, der einst die Lebensader Berlins war, auf die Hauptstadt.

Von Stefan Fischer

Die Spree ist auf den mehr als 40 Kilometern, die sie durch Berlin fließt, ein seltsam abwesender Fluss. Jedenfalls, wenn man die Situation vergleicht mit anderen Metropolen, die wesentlich deutlicher geprägt werden von ihren Flüssen: Paris von der Seine, London von der Themse, Prag von der Moldau ...

Die Spree indessen ist nicht der zentrale Bezugspunkt der Stadt. Sie hat diese Rolle verloren, seit sie keine Bedeutung mehr hat für den Warentransport, vor mehr als einem Jahrhundert also. Einst war die Spree die Lebensader, Berlin ist vom Fluss aus erbaut und versorgt worden. Weshalb sich an ihm entlang viel Industrie angesiedelt hatte. Und so ist die Spree gewissermaßen aus dem Bewusstsein der Stadt verschwunden: "Weil ihre Ufer allzu oft verbaut sind, die Fabriken von damals ihr heute noch die Luft nehmen oder sie einst im Niemandsland einer tödlichen Grenze lag", so schreibt es Jörg Simon, der Vorstandsvorsitzende der Berliner Wasserbetriebe, in seinem Grußwort zu Götz Lembergs originellem, aussagekräftigem Fotoband "Spree-Cuts".

Erst allmählich ändert sich die Situation, erobert sich die Stadt den Fluss zurück. Lemberg hat sich auf ihn begeben, um von der Mitte der Spree aus auf Berlin zu blicken. Es ist naturgemäß eine Perspektive aus der Untersicht, bei der der Fotograf stets den Fluss prominent im Visier behält - dieser nimmt oft die Hälfte des Bildes ein. Es geht Lemberg dabei nicht darum, das Besondere zu zeigen, sondern das Gewöhnliche. Die Lichtstimmung ist durchgängig gleich, es gibt keine Nebelschwaden, keine Gewitterwolken, keine Sonnenuntergänge.

In regelmäßigen Abständen hat Lemberg beide Ufer aufgenommen und diese Bilder seitlich beschnitten, so dass Hochformate entstehen. Diese Fotografien ordnet er unterschiedlich an. Einige Motive stehen für sich, viele hat er zu Paaren oder Triptychen gefügt, getrennt jeweils durch senkrechte weiße Linien. In seinen aufwendigsten Montagen hat Götz Lemberg eine Art Fotofriese geschaffen - er nennt sie Combines. Solch ein Bild besteht aus drei Reihen Aufnahmen: In der oberen ist der Himmel abgebildet, in der unteren der Fluss, in der Mitte die Uferpartie. Auf den ersten Blick sehen diese Combines aus wie üppige Panoramen. Doch das ist ein Trugbild.

Ein Panorama ist schließlich ein Rundumblick von einer Stelle aus. Lemberg bewegt sich jedoch mit dem Fluss. Und macht unterwegs immer wieder fotografische Schnitte durch die Stadt-Fluss-Landschaft. Dabei entfallen Zwischenräume, auch ordnet Lemberg in den Combines die einzelnen Ebenen neu. Die Fluss- und die Himmelsbilder sind also eher andernorts aufgenommen worden als dort, wo der Fotograf sie in seine Combines fügt.

Die "Spree-Cuts" präsentieren insofern streng genommen eine künstliche, fiktive Landschaft. Doch da sie ein Konzentrat sind und in der Summe der Aufnahmen, die ja eine empirische Qualität hat, das Typische zeigen, kommt ihnen durch diesen Kniff eine dokumentarische Eigenschaft zu. Nicht in einer Eins-zu-Eins-Abbildung der Realität, sondern in der Darstellung einer Meta-Realität. Die Berlin von einer Seite zeigt, die man im Alltag kaum wahrnimmt.

Götz Lemberg: Spree-Cuts. Porträt ein StadtFlussLandschaft. Edition Braus, Berlin 2020. 160 Seiten, 24,95 Euro.

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Quelle:
SZ vom 26.11.2020
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