Reisebuch Ansichten einer Kulturlandschaft

Zwei Bücher zeigen die Alpen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Das eine zeigt den Blick von außen, das andere erklärt, warum sie mehr Kulturlandschaft als Wildnis sind.

Von Stefan Fischer

Es liegt nahe, ein Gebirge gleichzusetzen mit Natur. Zumindest für die Alpen ist das aber falsch: Sie sind keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft. Die seit Jahrtausenden geprägt wird von den Menschen, die sie bewohnen und benutzen. So wären die Alpen weitaus stärker bewaldet, als sie es seit langem sind. Erst der Mensch hat viele Hänge gerodet. Gibt er die Landwirtschaft und die Viehhaltung in bestimmten Regionen auf, wachsen die freien Flächen übrigens wieder zu. Das zum Beispiel zeigt Werner Bätzing in seinem Buch "Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft". Es ist die völlig neu überarbeitete Fortführung seines Klassikers "Bildatlas Alpen" von 2005.

Werbeplakat für Winterurlaub am Arlberg.

(Foto: Stiftung Museion/Museum für zeitgenössische Kunst Bozen, Sammlung Arnaldo Loner/Bozen)

Bätzing skizziert in dem Band klug und klar, wie die Alpen zu einer Kulturlandschaft geworden sind, welche Facetten diese hat, wie sie sich gewandelt hat und wie sie in der Gegenwart in ihrem Bestand vielerorts bedroht ist. Anschaulich wird dies besonders durch die geschickt gewählten, aussagekräftigen Fotos. Das klingt spröder, als es ist: Wer Bätzing liest, kriegt einen tiefen Begriff von den Alpen. Der emeritierte Kulturgeograf konterkariert und korrigiert damit auch das Bild, das Michael Seeber als Herausgeber von "Kunst Landschaft Tirol" von den Alpen präsentiert. Seeber zeigt, vor allem mit Gemälden aus der Sammlung Alfons Walde, wie die Alpen überwiegend in der Malerei, aber auch in der Plakatkunst und der frühen Fotografie dargestellt worden sind. Es ist eine Ansicht dieser Gebirgswelt, die der von Bätzing in vielem widerspricht.

Die Stadt Klausen, gemalt von Alexander Kanoldt im Jahr 1920.

(Foto: Stiftung Museion/Museum für zeitgenössische Kunst Bozen, Sammlung Arnaldo Loner/Bozen)

Beide jedoch zeigen Wahrheiten. Seeber dokumentiert den Blick von außen. "Kunst Landschaft Tirol" verdeutlicht, welchen Begriff sich die Menschen aus dem Flachland von diesem Gebirge gemacht haben, und zwar nicht Pragmatiker wie Händler, sondern Künstler. Für sie waren die Alpen erst schrecklich-schön und später wild-romantisch. An diesem Image trägt das Gebirge noch heute. Bätzing indessen besieht sich die Alpen von innen. Spannend ist beides.

Werner Bätzing: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG / Theiss, Darmstadt 2018. 216 Seiten, 38 Euro. Michael Seeber und Stadtgemeinde Kitzbühel / Museum Kitzbühel Sammlung Alfons Walde (Hrsg.): Kunst Landschaft Tirol. Eine Entdeckungsreise von der Romantik bis zur Gegenwart. Tyrolia Verlag, Innsbruck / Wien 2018. 192 Seiten, 29,95 Euro.