Reisebildband:Weniger los als im Death Valley

Die Orte Beatty und Baker sind Ein- und Ausfahrt zum Death Valley, einem touristischen Höhepunkt im Westen der USA - was jedoch in beiden Ortschaften kaum Spuren hinterlässt. Ein fotografisches Doppelporträt von Pamela Littky.

Von Stefan Fischer

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Death Valley USA Reise Bildband

Quelle: 1996-98 AccuSoft Inc., All right; Pamela Littky

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Die Orte Beatty und Baker sind Ein- und Ausfahrt zum Death Valley, einem touristischen Höhepunkt im Westen der USA - was jedoch in beiden Ortschaften kaum Spuren hinterlässt. Ein fotografisches Doppelporträt von Pamela Littky.

An der Holzdecke im Sourdough Saloon in Beatty, Nevada kleben Dollarscheine. Auf die Banknoten ist mit schwarzem Filzstift jeweils geschrieben, wer hier war: The Untouchables etwa, irgendwann 2009, oder Pete und Jerry - an 9/11. Die Fotografie verrät nichts darüber, was an diesem Tag, als das World Trade Centre eingestürzt ist, los war im Sourdough Saloon. Man kann nur grundsätzlich annehmen, dass die emotionale Distanz zu New York und Washington hier in der Mojavewüste mindestens so groß ist wie die geografische.

Beatty, Nevada ist ein Ort, an dem viele durchkommen, aber kaum einer Halt macht. Er nennt sich "Gateway to Deathvalley", genauso wie Baker, Kalifornien auf der anderen Seite des Tals. Pamela Littky hat die beiden Siedlungen in dem fotografischen Doppelporträt "Vacancy" erforscht.

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Quelle: Pamela Littky

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Dieser Titel ist in zweifacher Hinsicht ironisch: Weil die meisten Menschen, die ins Death Valley reisen, Urlauber sind. Aber kaum einer von ihnen auch nur auf den Gedanken käme, seine Ferien zu verbringen in einem dieser beiden Orte, die sich trotz vorhandener Infrastruktur weder für eine Rast noch eine Übernachtung aufdrängen.

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Und zum anderen, weil viele der wenigen hundert Bewohner, vor allem die in Baker, in Wohnanhängern oder anderweitigen mobile homes leben - und das oft seit Jahrzehnten. Ein Paradox, denn weder Beatty noch Baker haftet etwas Provisorisches an. Eher schon haben manche Ecken den Behauptungswillen von Ruinen: diverse Errungenschaften, die trotz nunmehriger Nutzlosigkeit und sichtlichen Verfalls nicht endgültig weichen wollen.

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Auf den ersten Blick strahlen die Bilder eine beachtliche Tristesse aus: die Leuchtreklame über dem Parkplatz des Exchange Club Motels in Beatty, bei der ein Drittel der Glühbirnen ausgefallen ist, . . .

Reisebildband Death Valley USA Vacancy

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. . . der Pool im Wills Fargo Motel in Baker, in dem nur eine schmutzige Pfütze den Beckenboden bedeckt, ein Bingo in einem Saal, der viel zu groß ist für die wenigen Teilnehmer, ein ausgebrannter, nie abgeholter Truck.

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Sieht man intensiver hin, fällt einem die Intimität vieler Motive auf. Eine junge Frau, die sich schminkt - die also jemandem gefallen möchte. Mike, der alleine am Tresen des Sourdough Saloons bei einem Bier sitzt und der keineswegs einsam wirkt, sondern mit sich und der Welt im Reinen. Pamela Littky, das schreibt sie im Abspann ihres Buchs, war überwältigt, wie schnell sie in die beiden Gemeinschaften, in all diese Leben eingelassen worden ist.

Im Bild: Unbeeindruckt von den Szenen auf den Gemälden hinter ihm verlebt Mack aus Beatty, Nevada seine Tage im Lehnsessel.

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Es gibt eine Aufnahme, auf der ein altes Ehepaar auf seinem Bett zu sehen ist, er liegend, die Frau, sitzend, halb entkleidet. Sich auf diese Weise öffentlich zu zeigen, ist mutig - und ein Beleg dafür, dass sich die Menschen ohne Kalkül haben fotografieren lassen.

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In den Bildern liegt nicht nur eine bemerkenswerte Unaufgeregtheit, sondern vor allem auch eine große Unschuld. Das hängt auch an dem fotografischen Hyperrealismus, den Pamela Littky erzeugt hat, indem sie die von der Sonne ohnehin grell geblendeten Szenerien zusätzlich geblitzt hat. Einen dokumentarischeren Stil hätte sie zu stumpf gefunden, schreibt sie.

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Besonders gut sieht man das an einem Foto von Ray, der in einer Straße in Beatty steht, als sei er der Sheriff der Ortschaft und als würde eine Staubwolke am Horizont Besuch ankündigen: wachsam, neugierig, unerschütterlich, und trotz der Aussicht auf Abwechslung auch ein bisschen müde aufgrund der Hitze und der Gleichförmigkeit der Tage. Diese Überhöhung erzeugt nicht alleine das Motiv, sondern vor allem die von der Fotografin gewählte Ästhetik.

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Littky hat die Aufnahmen während der amerikanischen Job- und Immobilienkrise gemacht. In diesen kapitalistischen Mechanismen von Karriere und Konkurs scheinen die Bewohner von Baker und Beatty nicht gefangen zu sein: Wer kaum etwas Materielles besitzt, kann auch kaum etwas verlieren. Selbst vom Nationalpark-Tourismus profitieren diese Menschen nur vereinzelt und eher marginal.

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"Vacancy" bedeutet noch etwas Drittes: Urlaub zu nehmen von der Jagd nach dem amerikanischen Traum. Und dabei zufrieden zu sein. Das könnten Westküsten-Rundreisende tatsächlich in den Gateways erfahren: Wie dieses Land, abseits von Los Angeles und San Francisco, auch tickt.

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Alle Fotos aus:

Pamela Littky: Vacancy. Kehrer Verlag, Heidelberg 2014. 144 Seiten, 36 Euro.

© SZ vom 27.3.2014/kaeb
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