bedeckt München 22°
vgwortpixel

Reise zum Eyjafjallajökull:Hobbitland am Fuße des Vulkans

Seit der Eyjafjallajökull Europas Flugverkehr lahmlegte, meiden viele Touristen die Vulkan-Region auf Island - zum Glück für diejenigen, die trotzdem hinfahren.

Die Sonne über Reykjavík macht den Morgen lind, die Bedienungen der Straßencafés auf der Ausgehmeile Laugavegur stellen die Tische auf den Gehsteig und Gísli Lárusson hat trotzdem schlechte Laune. "Nicht sehr klug", brummt der knorrige Isländer in englischer Sprache und schiebt mit einem Finger die Brösel auf seinem Teller zusammen, auf dem gerade noch ein Crossaint lag.

Der Mitfünfziger gibt sich kosmopolitisch, und trotzdem duzt er nach Landessitte jeden: Schließlich gibt es auf Island keine echten Nachnamen. Der Mann ist Unternehmer, der sein Geld in Hotels investiert; er spricht von einem Projekt im fernen Kärnten, in der Heimat rührt er gerade lieber keinen Finger.

"Die Regierung macht einen großen Fehler: Sie fördert den Tourismus nicht", knurrt Gísli. Graue Strähnen wackeln vor seinen stahlblauen Augen. "Nicht die EU hilft, nur der Tourismus kann uns helfen, aus der Sache zu kommen", sagt er, "und man muss den Touristen auch sagen, dass der Vulkan nicht gefährlich ist."

Die Sache, das ist die desolate Finanzlage der Wikingerrepublik im Nordatlantik. Der Vulkan, das ist der Eyjafjallajökull, dessen Asche im Frühjahr Europas Flugverkehr über Wochen lahmlegte. "Fahren Sie hin in die Vulkan-Gegend," sagt Gísli, "dann werden Sie sehen, dass die Regierung nichts tut."

Zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt befindet sich der Eyjafjallajökull. Auf der Ringstraße Nummer 1 mit Tempo 90, durch die lebensfeindliche Mondlandschaft östlich von Reykjavík. Daran schließt sich die wunderbar grüne Sander-Ebene an, die die Läufe von Hvítá, Markarfljót und anderen Flüssen mit Gletscherwasser versorgt.

Vorbei geht es an den geothermisch geheizten Gewächshäusern von Hveragerði, entlang an saftigen Weiden, auf denen unzählige Schafe und braune Rinder grasen. Linker Hand scheint es endlos weiterzugehen mit den Wiesen, manchmal kann man den Kegel des Vulkans Hekla erahnen; rechts schimmert der Ozean, aus dem - in weiter Ferne, so nah - die Westmännerinseln ragen.

Stoisch-locker und pragmatisch

Jenseits der Ebene, fast bis zur Küste, erheben sich Steinwände, auf denen Wolken stecken: Das Massiv des Eyjafjallajökull. Der Vulkan ist von einem Gletscher bedeckt, der durch den Ausbruch teilweise abgeschmolzen ist, von der Straße aus ist er kaum mehr zu sehen.

Unzählige Flüsse speist der Eisschild, auch den Seljalandsá, der über die Steinkante 66 Meter in die Tiefe donnert. Der Wasserfall am Fuße des Vulkansgebirges ist eine Attraktion, auch, weil man hinter den Wasserfall spazieren kann. Es ist malerisch hier, fast könnte man glauben, das Auenland aus Tolkiens Herr-der-Ringe-Epos würde just hier beginnen, und das nächste Hobbit-Dorf einen Spaziergang entfernt vom Wasserfall liegen. An diesem Tag hat es ein paar Touristen hergezogen, sogar ein Reisebus aus Polen macht hier Station. Viele Menschen sind es nicht, obgleich Hauptsaison ist. Und es kommen immer weniger.

Einige werden weiter nach Nordosten fahren in das malerische Tal, das sich hinter dem Eyjafjallajökull verbirgt, die Þórsmörk. Übersetzt bedeutet das: der Wald des Thor, den die Germanen einst als Donnergott verehrten. Die meisten Touristen aber sind aus Reykjavík für einen Tagesausflug hergekommen. Dem Vulkan Eyjafjallajökull nah zu sein, ist vielen unangenehm - zum Glück für diejenigen, die gelassen bleiben.

Zur SZ-Startseite