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Reise-Typen:Muschelsammler aller Länder vereinigt Euch!

Was packt der Tourist in seinen Koffer? Welche Souvenirs bringt er mit nach Hause? Eine Ethnologie-Tagung in München versucht, diese Fragen zu beantworten.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: eine Zahnbürste, eine Badehose, einen Fotoapparat . . . - jeder kennt das Gedächtnisspiel, bei dem es darum geht, sich möglichst viele Reiseutensilien zu merken und in der gleichen Reihenfolge immer wieder aufzusagen.

James Bond jagt Dr. No

Ursula Andress ist ganz klar: eine Muschelsammlerin.

(Foto: Foto: Cinetext)

Sieht man einmal davon ab, dass einige ausgefuchste Mitspieler mehr oder weniger urlaubsferne Dinge in ihren Koffer packen, z.B. ein Limnimeter zum Messen des Wasserstandes, dann lässt sich an den Dingen gut ablesen, was der moderne Tourist auf seinen Fahrten für unverzichtbar hält.

"Dinge auf Reisen" hieß eine Tagung, die die "Kommission für Tourismusforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde" in München ausgerichtet hat. Ihr Interesse galt den "Gebrauchsformen, der Instrumentalität und Symbolhaftigkeit von Objekten im Tourismuskontext".

Gefragt wurde etwa, welche notwendigen und geliebten Dinge wir auf Reisen mit uns führen und welche Bedeutung wir ihnen zuschreiben. Und welche Gegenstände wir aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen, um sie in Erinnerung an die schönste Zeit des Jahres im Regal zu drapieren - Muschelsammler aller Länder vereinigt Euch!

Zum Handwerkszeug jedes europäischen Ethnologen - und als solche wollen sich die Volkskundler heute überwiegend bezeichnet wissen - gehört die Feldforschung. Im weiten Feld unseres Alltags sammelt der Forscher, beobachtend und befragend, das Material für seine Untersuchung. Von Kollegen anderer Disziplinen sieht er sich dabei immer wieder dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ausgesetzt. Zu alltäglich und damit zu banal erscheinen seine Forschungsgegenstände.

Keine Patina sorgt für die notwendige Bedeutungsschwere. Und noch immer besitzen schriftliche Quellen im Gegensatz zu mündlich Tradiertem, im Gegensatz zur Allgegenwärtigkeit der Dinge, größeres Gewicht. Fundierte volkskundliche Forschung zeichnet sich jedoch durch ein hohes theoretisches wie methodologisches Reflexionsniveau aus. Ihre Arbeit beginnt erst nach der minutiösen Beobachtung unseres räumlich, zeitlich und sozial komplexen Alltags.

Wenig allerdings war davon in München zu erahnen. Die Kritiker des Faches und aller "Material Cultural Studies" hätten ihre Vorurteile bestätigt gefunden. Denn die Mehrzahl der Vorträge blieb auf der beschreibenden Ebene ihres Materials. Wobei häufig nicht einmal klar war, nach welchen Kriterien dieses gesichtet und geordnet worden ist.

Ein gutes Beispiel dafür lieferte der Beitrag des in Graz lehrenden Burkhard Pöttler. Sein Ziel, "den Urlaub im Wohnzimmer" zu analysieren. Zu diesem Zweck schoss er in vielen Wohnungen viele Fotos. Auf ihnen sieht man aufgestapelte Zigarrenschachteln aus Kuba und liebevoll arrangierte Steine von den Stränden dieser Welt. Nun ist es eine spannende Frage, welchen Stellenwert Urlauber mitgebrachten Souvenirs beimessen. Sie besitzen ebenso eine Erinnerungs- wie eine Nachweisfunktion: "Ich bin dagewesen."

Die Auswahl Pöttlers lässt aber nur den einen Schluss zu: Es gibt so viele unterschiedliche Mitbringsel und Motive, diese zu sammeln, wie Menschen auf diesem Planeten. Dementsprechend allgemein waren die Schlussfolgerungen. Während einige Touristen ihre Errungenschaften in das Wohnumfeld integrieren, weisen andere diesen exponierte Plätze zu. Während für einige der Wert ihrer Souvenirs mit den Jahren steigt, sinkt er für andere gerade wegen des zeitlichen Abstands. Und mitgebrachte Speisen enttäuschen deshalb ihre Besitzer, weil die Urlaubsatmosphäre sich zu Hause nicht reproduzieren lässt.

Auf andere Weise repräsentativ war auch der Vortrag des Münchners Martin Jonas. Er zeigte die verbreitete Neigung gerade junger Ethnologen, kleine Geschichten aus dem eigenen Leben als große Wissenschaft zu verkaufen.

Die wohlwollend vorgetragenen methodologischen Einwände von den Größen des Fachs - dem Schweden Orvar Löfgren, dem Emeritus Helge Gerndt, der Münchner Professorin Irene Götz - wurden von vielen Rednern nonchalant abgetan. Auf diese Weise stärkt man weder den innerfachlichen Dialog noch die Wahrnehmung des Faches von außen.

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