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Reisepionierin Lady Mary Montagu:"Sie werden mich für eine halbe Türkin halten"

Als mysteriös, gar barbarisch galt das Osmanische Reich im 18. Jahrhundert in England. Lady Mary Montagu wagte sich hin - und gönnte sich den Luxus einer eigenen Meinung.

"Ich habe eine Mumie bestellt und hoffe, daß diese unversehrt in meine Hände kommen wird, trotz des Unfalls, den eine sehr schöne Mumie erlitten hat, die für den König von Schweden bestellt war." Nein, es sind keine gewöhnlichen Monate, die Lady Mary Wortley Montagu im frühen 18. Jahrhundert im Osmanischen Reich verlebt - wie man an diesem Zitat erkennt.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Dabei hätte ihre Geschichte ganz banal sein können: Junge Adelige begleitet ihren Gatten von 1716 bis 1718 auf dessen Diplomatenmission, kehrt mit Ende Zwanzig zurück nach London und wird von der Nachwelt ebenso vergessen wie er. Denn eigentlich geht es um ihn: Edward Wortley Montagu wird vom Empire als "Außerordentlicher Botschafter am Hofe der Türkei" eingesetzt. Eine heikle Sache in Zeiten ständiger Auseinandersetzungen zwischen Österreich und den Osmanen. Aber weibliches Beiwerk zu sein, ist nichts für seine Frau. Sie lebt im Geist der Aufklärung, will neues mit eigenen Augen sehen.

Es sind blutige Jahre, besonders auf dem Balkan, den das Paar auf dem Weg nach Süden durchreist. Die junge Lady sieht nicht nur noble Hofgesellschaften, sondern im Vorüberfahren auch Schlachtfelder. Diesem Schock zum Trotz ist sie stolz auf ihr Abenteuer. Aus Adrianopel (dem heutigen Edirne) schreibt sie im April 1717 hochtrabend an die Prinzessin von Wales: "Ich habe, Madame, nunmehr eine Reise gemacht, die seit der Zeit der griechischen Kaiser von keinem Christen unternommen wurde."

"Einige andere Moscheen gefallen mir bei weitem besser"

Historisch völlig verlässlich ist weder diese Behauptung noch alles, was sie danach nach England schreibt. Aber ihre später veröffentlichten Briefe zeigen etwas Bemerkenswertes: In einer aufgeheizten Zeit lässt sich eine Dame des sogenannten Abendlandes auf das Fremde ein - auf ein "Land (...), das wir barbarisch nennen". Und sie erlebt dort jede Menge Überraschungen. Eine Moschee in Adrianopel etwa hält sie für das schönste Bauwerk, das sie je gesehen hat. Und setzt ausgerechnet im Brief an einen befreundeten Kleriker hinzu, dass die Moscheeräume eben "nicht durch geschmacklose Statuen und Bilder entstellt werden, die den katholischen Kirchen zumeist das Ansehen von Spielwarenläden geben".

Konstantinopel beschreibt sie in leuchtenden Farben - die Hagia Sophia etwa ("aber einige andere Moscheen gefallen mir bei weitem besser"). Logiert wird im Gesandtschaftsviertel Pera mit Panoramablick auf Hafen, Stadt, Serail und die asiatischen Hügel - "vielleicht die allerschönste Aussicht der Welt". Lady Mary ist empört über die "Unverschämtheit" anderer Reiseautoren, die über das Wüten der Osmanen in der eroberten Stadt berichteten - "alle Statuen hier haben noch ihre Köpfe".

Überhaupt teilt sie großzügig Seitenhiebe aus - besonders in Richtung schreibender Männer. Man werde überrascht sein, dass ihr Bericht über das Osmanische Reich so anders ausfalle als der anderer Reise-Autoren, "die so gerne über Dinge schreiben, von denen sie nichts wissen". Allzu oft gebe es bislang nur oberflächliche Berichte junger Männer, die "sich nur daran erinnern, wo es den besten Wein gab oder die hübschesten Frauen".

Überhaupt, die türkischen Frauen. Über die gehen in Europa zu Lady Marys Zeit alle möglichen Vorstellungen um - sie selbst ist schwer beeindruckt. Nach einem Besuch in einem Frauenbadehaus in Sofia hält sie fest: "Ich kenne keinen europäischen Hof, wo die Damen sich einer Fremden gegenüber so höflich benommen hätten." Da sich im Norden viele Geschichten um die Harems und Badehäuser ranken, stellt sie klar: "Kurz, es ist das Kaffehaus für die Frauen, wo alle Stadtneuigkeiten besprochen, Verlästerungen erfunden werden usw." Und ist betont stolz, zu erzählen, was "auch keine Reisebeschreibung zu schildern vermag; denn nichts weniger als Todesstrafe droht jedem Manne, der an solchem Orte gefunden würde".

"Es ist genau ebenso wie bei Euch"

Es ist eine Zeit, in der noch nicht jedes Detail hundertfach beschrieben und fotografiert ist, Lady Mary kann also Dinge berichten, die zuhause noch völlig unbekannt sind. Auf keinen Fall will sie aber in den Verdacht des Märchenerzählens kommen. An ihre Schwester schreibt sie:"Sie sehen also, daß die Art und Weise der Menschen nicht so sehr voneinander verschieden ist, wie die Reiseschriftsteller uns glauben machen wollen. Es wäre vielleicht unterhaltender, wollte ich einige seltsame Gebräuche meiner eigenen Erfindung hinzufügen, doch nichts erscheint mir für mich so angenehm und für Sie so annehmbar, als die Wahrheit."

Dabei schreibt die Lady durchaus oft aus reiner Lust an Provokation, so die Einschätzung ihres Biographen Günter Gentsch in "Roulette des Lebens. Die ungewöhnlichen Wege der Lady Mary Montagu". Etwa wenn sie ihrer Schwester mitteilt, die türkischen Frauen lebten deutlich freier als die englischen, gerade durch ihre Verschleierung, in der sie unerkannt nach Lust und Laune fremdgehen könnten.

Sie ist begeistert von der türkischen Mode, vor allem dem dunklen Augen-Make-up der Frauen, allerdings weniger von deren Gewohnheit, die Nägel rot zu lackieren: "Ich gestehe, daß ich mich an diese Mode nicht so weit zu gewöhnen vermag, um etwas Schönes darin zu finden." Letztendlich, so befindet sie immer wieder, seien die Unterschiede weniger extrem als angenommen: "Was ihre Moral und ihr gutes Benehmen betrifft, kann ich (...) sagen: 'Es ist genau ebenso wie bei Euch'. Die türkischen Damen begehen nicht um eine Sünde weniger, weil sie nicht Christinnen sind."

Auch sie selbst verändert sich im Laufe der Reisen - "ich hänge nicht so sehr an unseren Sitten, um daran festzuhalten, wenn dies nicht notwendig ist". Dass sie etwa ab und an Sehnsucht nach der englischen Küche bekommt, hält sie für reine Gewohnheit: "Ich zweifle nicht, daß ein Indianer, der von beider Art Speisen noch nie gekostet hätte, ihre Küche der unseren vorziehen würde." Und andere Geschmacksfragen entlarvt sie: "Sie haben, vermute ich, gelesen, daß die Türken keine andere Musik machen, als eine, die den Ohren sehr unangenehm ist" - das sei durchaus falsch.

Ihren kleinen Sohn hat sie auf die Reise mitgenommen, in Konstantinopel bringt sie eine Tochter zur Welt. Weder die Kinder noch ihr Gatte spielen aber eine große Rolle in ihren Briefen nach England - die fremde Kultur umso mehr. Mit Hilfe von Dolmetscherinnen gelingen ihr Gespräche. Es sind natürlich eher die oberen Zehntausend, über die die Lady Auskunft geben kann, die sie bei Hofe, bei feierlichen Anlässen und bei persönlichen Einladungen kennenlernt.

Was sie dort erlebt, bringt sie immer wieder zu außergewöhnlichen Thesen. "Sie werden mich für eine halbe Türkin halten", ahnt sie etwa, als sie die Sklavenhaltung im Osmanischen Reich mit dem Dienstbotenwesen und der Prostitution in Europa vergleicht: "Sie werden wohl einwenden, daß Frauen von Männern in schlechter Absicht gekauft würden. Meiner Meinung nach werden diese in allen großen Städten der Christenheit weit schmachvoller und öffentlicher verkauft."

Besser die Sonne vergessen?

1718 geht das Kapitel Konstantinopel dem Ende zu, "zu meinem Bedauern". Nach der Rückreise über das Mittelmeer und Frankreich, kurz nach der Ankunft im Hafen von Dover drückt sie ihren Neid auf Landsleute aus, die mangels Reiseerfahrung meinten, "daß es außerhalb Alt-Englands keine wahre Freude am Leben gebe". Das wolle sie am liebsten selbst wieder glauben und bei der Gelegenheit auch gleich die Sonne Konstantinopels vergessen, "da ich nun doch mit der beschränkten, uns gewährten Zubilligung an Tageslicht zufrieden sein muss".

Traurige Aussichten für eine 29-Jährige, doch ganz so trist verläuft ihr weiteres Leben nicht. Die Rückkehr ins sonnenarme England ist nur vorübergehend, viele Jahre wird sie später noch auf dem Kontinent, besonders in Italien verbringen. Zu Lebzeiten wie nach ihrem Tod 1762 ranken sich Geschichten und Gerüchte um die freigeistige Lady. Ihr eigener Sohn - obwohl drei Jahre vor der Türkeireise geboren - wird behaupten, er sei das Ergebnis einer Affäre der Mutter mit Sultan Ahmed III. Voltaire wird ihre Veröffentlichungen loben, später entdecken Feministinnen und Reiseautorinnen sie als Vordenkerin für sich.

Lady Mary hinterlässt aber mehr als Beobachtungen und Ideen, nämlich einen kleinen medizinischen Tabubruch in ihrer Heimat: die Pockenimpfung. Sie hat selbst schmerzlich erfahren, wie tückisch die Krankheit ist, ihr eigener Bruder ist an ihr gestorben. In Sofia dann sieht sie, dass dort dagegen geimpft wird, indem Gesunde zur Immunisierung kontrolliert mit den Pocken infiziert werden: "Ich bin so sehr Patriotin, daß ich mir alle Mühe geben will, diese nützliche Erfindung in England in Mode zu bringen." Das gelingt ihr gegen alle Skeptiker - das handfeste Ergebnis einer umfassenden Aufgeschlossenheit.

Die Zitate stammen aus Lady Montagus "Reisebriefen" (in der deutschen Fassung von Ida Pappenheim, erschienen im Georg Müller Verlag 1927).

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