Reisepionierin Annie Londonderry Auch die Ausrüstung lässt heute staunen

Nur echte Radbegeisterung konnte Londonderry wohl mit der rumpeligen Fortbewegungsart versöhnen. Das Modell, auf dem sie sich zunächst auf den Weg machte, wog 21 Kilo und hatte nur einen Gang, außerdem trug sie zu diesem Zeitpunkt den Konventionen gemäß einen bodenlangen Rock. Nach einer entsprechend kräftezehrenden Tour bis Chicago wurde ihr alles zu viel. Sie kehrte nicht nur angesichts des nahenden Winters wieder Richtung New York um, sondern wechselte auch in praktischere Kleidung, sprich Hosen, sowie auf ein halb so schweres Männerrad.

Damenhaft Rad zu fahren hätte Ende des 19. Jahrhunderts so ausgesehen - Annie Londonderry machte das nicht lange mit.

(Foto: courtesy of Peter Zheutlin)

Fest steht nach Zheutlins Rekonstruktion, dass Londonderry nach diesem Zickzack-Kurs im November 1894 von der US-Ostküste per Schiff nach Le Havre übersetzte und dann bis Marseille radelte. Von dort stach sie im Januar 1895 vor einer jubelnden Menge mit dem Dampfer Sydney in See - durch den Suez-Kanal Richtung Indien, Singapur und China. Im März 1895 landete sie mit dem Schiff Belgic in San Francisco, wo sie zum Ende ihrer Reise mit Zügen und auf dem Rad eine Art US-Tournee startete, über den Wilden Westen bis zurück nach Chicago.

Wie oft sie bis dahin tatsächlich auf ihr Rad gestiegen war, ist eine andere Frage. Denn selbst darüber verbreitete sie höchstpersönlich unterschiedliche Versionen. Sie scheute sich nicht einmal, zwei Zeitungen in San Francisco am selben Tag widersprüchliche Varianten ihrer Route von Indien nach China aufzutischen: der einen, sie sei geradelt, der anderen, sie habe einen Dampfer genommen. Welche Wirkung ihre Geschichten in Zeiten multimedialer Echtzeitbeobachtung gehabt hätten, ist schwer auszumalen - im abenteuerbegeisterten, aber langsam kommunizierenden 19. Jahrhundert reichte es für, wenn auch kurze, Berühmtheit.

Nach Abschluss ihrer Weltumrundung zog Londonderry mit ihrer Familie nach New York und schrieb für Joseph Pulitzers New York World über ihre Erlebnisse unter dem Namen Nellie Bly, Jr. - in stolzer Anspielung auf eine weitere Pionierin ihrer Zeit.

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Das Blatt jubelte, es handle sich schließlich "um die außergewöhnlichste Reise, die jemals von einer Frau unternommen wurde". Auch den Beinamen "The New Woman" führte Londonderry als Autorin - und kommentierte ihn mit den Worten: "Ich bin eine 'neue Frau', wenn das bedeutet, dass ich glaube alles tun zu können, was ein Mann tun kann".

Doch so wild und besonders Londonderrys Geschichten waren, so rasch geriet alles wieder in Vergessenheit. Sie sollte nicht zu den Personen gehören, deren Reisen künftige Generationen faszinieren. 1947 starb sie als alte Frau unbemerkt von der Öffentlichkeit. Erst ihr Urgroßneffe stieß mehr als ein Jahrhundert später durch Zufall auf die selbst in der Familie unbekannte Geschichte und holte diese in diversen Artikeln, auf einer Website und in dem Buch "Around the World on Two Wheels: Annie Londonderry's Extraordinary Ride" wieder ans Licht. Zum Glück. Denn irgendwie war sie ja dann doch: die erste Frau, die mit dem Rad um die Welt fuhr. Wenn auch nicht immer auf dem Rad.