Reisepionierin Alexandrine Tinne Im Damensattel bis in die Sahara

Noch weit entfernt von Afrika: Alexandrine Tinne, als 14-Jährige vor den Pyrenäen gemalt von Henri Auguste d'Ainecy Montpezat.

(Foto: Wikimedia Commons)

Die junge Erbin Alexandrine Tinne hätte es sich daheim bequem machen können. Stattdessen brach sie mit luxuriösem Gefolge auf, als erste Europäerin die große Wüste zu durchqueren. Ein tödliches Abenteuer.

Von Irene Helmes

Menschen können sich auf Reisen gegenseitig entnerven, das war schon zu Pionierzeiten so: "Da die Damen das Frühaufstehen durchaus nicht lieben und überdies mehrere Stunden zu Toilette und Frühstück nötig haben, wird immer erst unter der glühenden Mittagssonne statt in der Morgenkühle abmarschiert." So lästert ein Herr Theodor von Heuglin über seine Begleiterin Alexandrine Tinne - und über eine der wohl kuriosesten Afrika-Reisen überhaupt. So zeitlos sich seine Klage aus dem Jahr 1863 liest, so unglaublich klingt der Rest der Geschichte.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Reisen im Luxus - das lässt heute an Infinitypools und Designersuiten denken, an Sternerestaurants und VIP-Lounges. Reisen im Luxus sind auch Alexandrine Tinnes Afrika-Abenteuer im 19. Jahrhundert - und doch ganz anders. Im Gefolge der Niederländerin finden sich Dienerinnen mit Reifröcken, in ihrem Gepäck feinstes Porzellangeschirr und Silberbesteck, sogar ein Klavier. So verlaufen Tinnes Expeditionen standesgemäß und zugleich als Gegenteil dessen, was ihre Zeitgenossen angemessen finden: Eine junge Dame hat in unerforschten Ecken der Welt eigentlich nichts zu suchen.

Entlang ihres Wegs kursieren dementsprechend die wildesten Gerüchte. Etwa, dass sie einen Mann verzaubert habe und diesen nun in Hundegestalt mit sich herumführe. Es gibt Vorwürfe, etwa dass sie verrückt sein müsse als "junge Dame ganz allein bei den Dinka". Schließlich gehe dieses Volk splitternackt durchs Leben, wie ein britischer Afrikareisender in einem Brief pikiert vermerkt.

Doch Tinne kann sich ihren Hang zur Exzentrik leisten: Die spätere Entdeckerin, 1835 in Den Haag geboren, hat Glück mit ihrer Familie. Das Vermögen ihres Vaters ist so riesig, dass ein Leben in Saus und Braus wartet. Ihren reisefreudigen Eltern hat es Alexandrine zunächst zu verdanken, dass sie schon als Mädchen halb Europa kennenlernt - Deutschland, Italien, Südfrankreich, England, Spanien, Skandinavien. Oft persönlich empfangen bei Hofe - auch nach dem frühen Tod des Vaters. Auf Neues ist sie geradezu versessen, auch auf die Entwicklung der Fotografie. Als sie 21 wird und offiziell ihr schier unerschöpfliches Erbe antreten kann, sind ihr die naheliegenden Reiseziele längst nicht mehr genug: Sie will den Orient sehen.

Schon bei der Fahrt über das Mittelmeer zeigt sich ihre Reisefestigkeit. Nach einem schlimmen Sturm notiert ihre Mutter Henriette über die unbeeindruckte Tochter: "Sie aß ihr Abendbrot, trank eine Flasche Bier und schlief die ganze Nacht".

Diesen Raum malte Tinne in Wasserfarben - bei einem Aufenthalt in Beirut 1857.

(Foto: Wikimedia Commons)

Die Erkundung des fremden Kontinents kann beginnen, über Ägypten, Palästina, Syrien bis in den Libanon. Tinne schwelgt in den Spuren der alten Kulturen, sei es im "Tal der Könige", in Damaskus oder bei Beirut. Je weiter das Mutter-Tochter-Gespann samt Tante kommt, umso schwerer ist zumindest Henriette zu begeistern. So schreibt sie in einem Eintrag, der fast an einen enttäuschten Post bei Tripadvisor erinnert: "... die Ruinen von Palmyra! Der erste Anblick war enttäuschend: (...) als handle es sich um Schornsteine von Dampfmaschinen, so hoch ragten die Ruinen auf. (...) Insgesamt war alles sehr interessant, aber es war nicht zu vergleichen mit Baalbek oder dem geringsten der ägyptischen Tempel."

Später geht es wieder kreuz und quer durch Europa, bis nach Moskau. Die Frage nach der Quelle des Nils lässt Tinne aber nicht los, "wie eine Motte zum Licht" sieht sie sich wieder nach Süden gezogen.

Zum Zeitpunkt ihrer zweiten Reise dorthin spricht Tinne längst fließend Arabisch. Über Khartum, wo Weißer und Blauer Nil sich treffen, will sie in Richtung Abessinien (dem heutigen Äthiopien) weiter. Die Karawane, die Tinne diesmal zusammenstellt, ist noch opulenter: Sobald es nicht mehr mit dem Schiff weitergeht, tragen 102 Kamele und Dromedare die Gruppe und ihr Gepäck - darunter Pelze und Abendkleider.