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Reisepionierin Alexandra David-Néel:Zu Fuß in die verbotene Stadt

Alexandra David-Néel

Alexandra David-Néel - extravagant schon als Teenager.

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Reisende dürfen nicht nach Lhasa? Unsinn, fand Alexandra David-Néel. In einer Zeit, als Abenteuer Männersache waren, drang sie als erste Europäerin in die heilige Stadt Tibets vor. Es war der Höhepunkt eines schier unglaublichen Lebens.

"Alle meine Reisen, besonders die in unerforschte und 'verbotene' Regionen, waren - beinahe zwanghaft betriebene - Traumverwirklichungen", schreibt Alexandra David-Néel in der Mitte ihres Lebens. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits eine Karriere als Opernsängerin in Fernost hinter sich, Philosophie und Sprachen studiert und Tibet bereist wie keine andere. 100 Lebensjahre sind der Französin letztlich vergönnt - genug Zeit für Geschichten, die Weltenbummler noch heute neidisch machen.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Geboren wird sie 1868 in der Nähe von Paris, reiselustig ist sie von Kindesbeinen an. "Ich konnte schon laufen, bevor ich richtig gehen konnte", erzählt sie später. Die Langeweile bei den Eltern und die Freude daran, Neues zu entdecken, treibt sie weg von Zuhause. Mit fünf Jahren büxt sie in einen nahen Wald aus, bis ein Gendarm sie wieder einsammelt. Mit 14 flieht sie aus ihr unerträglich eintönigen Sommerferien von Ostende über den Ärmelkanal nach England, bis ihr Geldbeutel leer ist. Mit 17 nimmt sie einen Zug in die Schweiz und wandert über den St.-Gotthard-Pass allein zum Lago Maggiore, für ein Mädchen unerhört. Mit 18 radelt sie von Belgien bis nach Spanien - auf eigene Faust, versteht sich, und mit dem damals neumodischen Rad ganz auf der Höhe der Zeit.

Alles lernen, alles mit eigenen Augen sehen - auch als junge Frau wäre Alexandra David am liebsten überall zugleich. Dazu erzogen ist sie nicht, doch der Intellektuelle Elisée Reclus, ein Jugendfreund des Vaters, ermutigt sie, mit den Konventionen zu brechen. Und sie tut es. Mit Anfang Zwanzig kann sie immerhin schon von sich sagen, ein anarchistisch-feministisches Manifest ("Pour la Vie") geschrieben und sich vom Elternhaus freigeschwommen zu haben. Den Wunsch, Ärztin zu werden, hat ihr die als lieb- und verständnislos empfundene Mutter zuvor noch erfolgreich madig gemacht.

"Einen derartigen Alptraum nicht mehr erlebt"

Gegen das Fernweh der Französin aber kommt niemand an. 1891 gönnt sie sich dank einer Erbschaft ihre erste große Reise nach Indien und Ceylon. Bei dieser Gelegenheit bringt sie auch gleich die größte Strapaze ihres Lebens hinter sich. Die stürmische Schiffspassage in Gesellschaft von Rattenhorden härtet die junge Abenteurerin ab: "Einen derartigen Alptraum habe ich in all den Jahren auf keiner meiner Reisen mehr erlebt", schreibt sie später. Abschreckung? Fehlanzeige. Von Asien ist sie zu diesem Zeitpunkt schon länger fasziniert, hat Sanskrit und Mandarin gelernt und sich mit fernöstlichen Schriften befasst, unter anderem an der elitären Sorbonne und am Collège de France.

Für große Ideen, seien sie neu oder seit Generationen überliefert, seien sie sozialrevolutionär oder esoterisch, ist Mademoiselle David immer zu haben. In Paris und London bewegt sie sich im Milieu von Gnostikern, Freimaurern, Theosophen und Rosenkreuzern. Sie wandelt zwischen Glaubensrichtungen und Philosophien, formuliert ihre Gedanken dazu in Aufsätzen und Vorträgen.

Frauen als Reise-Pioniere

Räuber, Sümpfe, wilde Tiere? Nichts wie hin!

Zwischendurch legt sie eine Blitzkarriere als Sopranistin ein und singt - wie könnte es anders sein - nicht in der Heimat, sondern als "Star von Hanoi" auf den großen Bühnen der Kolonie Indochina die "Carmen" und andere Opernpartien. Um die Jahrhundertwende landet sie in Nordafrika, wo sie sich mit dem Koran beschäftigt und das Stadttheater von Tunis leitet. Dort lernt sie den Lebemann Philippe Néel kennen, der als Ingenieur im Eisenbahnbau arbeitet. Aus einer wilden Ehe wird eine eingetragene. Außerhalb der Konventionen bleibt diese trotzdem - die längste Zeit über in Form einer transkontinentalen Brieffreundschaft.

Denn auch die Reise ihres Lebens tritt die Französin, die mittlerweile den Namen David-Néel trägt, allein an. Im August 1911 verlässt die 42-Jährige Tunesien mit einem Stipendium des französischen Bildungsministeriums in der Tasche in Richtung Indien, um ihr Sanskritstudium voranzutreiben. Aus geplanten 18 Monaten werden Jahre. Während in Europa der Erste Weltkrieg ausbricht, dringt David-Néel immer tiefer in eine ganz andere Welt ein - den Buddhismus.

"Heute sage ich dir, dass ich zum Skelett abgemagert angekommen bin"

Mit dem 13. Dalai Lama führt sie bei einer Audienz in Indien eine für diese Zeit geradezu unerhört offene Unterhaltung. Während in ihrer Heimat Städte und Landstriche zerstört werden und die Weltordnung erbebt, verbringt David-Néel in der Hoffnung auf Erleuchtung fast zwei Jahre in einer Höhle im Gebirge. Unter Anleitung eines Eremiten lernt sie dort die tibetische Sprache und Mystik.

Der Himalaya fesselt die bis dahin so Unstete mehr und mehr. Und ihr Hang zum Tabubruch tut das Übrige: "Mein Hauptansporn zur Reise nach Lhasa war ganz einfach das strenge, unsinnige Verbot, Zentraltibet zu betreten." Der Besuch des größten Heiligtums Tibets ist Fremden nämlich untersagt. Ihr erster Versuch scheitert noch an aufmerksamen Grenzwachen. Eine Rückkehr nach Europa ist wegen des Krieges praktisch unmöglich, so geht der Weg immer weiter nach Osten, diesmal bis nach Japan. Mittlerweile ist David-Néel nicht mehr allein: Sie hat den jungen Mönch Aphur Yongden als Reisebegleiter gefunden und wird ihn letztlich adoptieren. Er und seine Glaubensbrüder akzeptieren und bewundern die wissenshungrige Exzentrikerin. Als sie sich für einige Jahre in der tibetischen Klosterstadt Kum-Bum niederlässt, bekommt sie den Ehrentitel Yishé Tö-mé ("Lampe der Weisheit") und den Rang eines Lamas verliehen.

Alexandra David-Néel

Alexandra David-Néel auf einer Aufnahme von 1933.

(Foto: Preus Museum / CC BY 2.0)

Die lang vorbereitete und unter enormen Strapazen unternommene Reise über den Dokar-Pass in die verbotene Stadt beschreibt David-Néel selbst als Höhepunkt ihrer Abenteuer. "Heute sage ich dir, dass ich in Lhasa zum Skelett abgemagert angekommen bin", schreibt sie ihrem Mann 1924. Ihre "Dauerreisen" habe sie damit "würdig mit dieser letzten Wanderung gekrönt, die mich durch einen Landstrich geführt hat, der nach den allerbesten Informationen noch nie von einem Angehörigen der weißen Rasse bereist worden ist und in den sich auch Tibeter selbst kaum hineinwagen".

Ihre Erlebnisse macht David-Néel in mehr als zwei Dutzend Büchern öffentlich. Anders als viele zeitgenössische Reiseberichte wirken sie ehrlich aufgeschlossen. Vorurteile kritisiert David-Néel teils explizit. "Sollten meine Leser Lust haben, die Tibeter wegen ihres Aberglaubens auszulachen", schreibt sie einmal in "Heilige und Hexer", sollten diese zuerst sich selbst hinterfragen: "Haben wir nicht jeder unser Stückchen Aberglauben?"

Kulturelle Arroganz ist David-Néel also fremd, doch auch übertriebene Bescheidenheit ist ihre Sache nicht. Womöglich in Reaktion auf die vielen Steine, die ihrer Reiseleidenschaft in Jugendjahren in den Weg gelegt wurden, trommelt die Abenteuererin in der Heimat äußerst selbstbewusst in eigener Sache. Mit Erfolg: Zurück in Frankreich wird sie, inzwischen Ende 50, Ritterin der französischen Ehrenlegion und weltberühmt. Für ihre Entdeckungen bekommt sie teils skurrile Ehrungen, so den "Prix Monique Berlioux", der eigentlich an Sportlerinnen verliehen wird (2013 etwa an den Tennisstar Serena Williams). Die Geschichte ihrer Lhasa-Expedition schafft es bis in die New York Times.

Doch manchen erscheint sie zu fantastisch, um wahr zu sein. Die Literaturwissenschaftlerin Sara Mills schreibt dazu Jahrzehnte später, David-Néel habe sich skeptischen Zeitgenossen doppelt verdächtig gemacht. Kaum jemand habe einer Frau zugetraut, am anderen Ende der Welt zu Fuß und als Bettlerin verkleidet durch Eis und Schnee und fast ohne Nahrung in eine abgeriegelte Stadt vorzudringen. Zum anderen beschreibe sie immer wieder mysteriöse Begebenheiten und übernatürliche Vorgänge. Die Reaktionen seien typisch für eine Zeit, in der schreibende Frauen ständig darauf gefasst sein müssen, der Übertreibung oder gar Lüge bezichtigt zu werden.

Der Zweifel "Kann das denn alles wahr sein?" haftet freilich an vielen Reisepionieren. Ihre Expeditionen werden noch nicht durch Webstreams, Fotos und Tweets als Liveereignisse dokumentiert. Sie finden zunächst meist unbeobachtet statt - und je weniger unabhängige Augenzeugen es gibt, desto mehr Raum bleibt für Anekdoten, Ausschmückungen - und Misstrauen.

Interessanterweise ist es ebenfalls eine Frau, die David-Néel posthum den heftigsten Schlag zu versetzen versucht. Jeanne Denys, die David-Néel als alte Dame kennenlernt, veröffentlicht 1972 ein Enthüllungsbuch, in dem sie deren ganze Lhasa-Reise als "Schwindel" zu entlarven versucht. Auch andere kratzen am Image David-Néels. Doch der Detailreichtum ihrer Reiseberichte und die Übereinstimmung mit anderen Quellen überzeugen die meisten. Ihr Name taucht bis heute in der Reiseliteratur ebenso auf wie in Kinderbüchern, auch ein Spielfilm erzählt ihre Geschichte. In manchen Kreisen wird David-Néel geradezu zur Kultfigur - der Beat-Poet Allen Ginsberg etwa findet nach eigener Aussage durch ihre Schriften zum Buddhismus.

Immerhin bleiben die Alpen

"Free Tibet"-Euphoriker dürften bei genauer Lektüre jedoch irritiert sein. "Die Tibeter haben durch die Trennung von China viel verloren", schreibt David-Néel etwa 1927, "von ihrer sogenannten Unabhängigkeit profitiert nur die Hofbeamtenclique. Die meisten Leute, die sich vorher gegen die schlaffe, weit entfernte chinesische Regierung auflehnten, bereuen es jetzt, wo Steuern, Zwangsleistungen und das unverschämte Plünderungssystem der einheimischen Truppen weit über die Ansprüche der früheren Herren hinausgehen." So stark sich die Reisende auf das Land einlässt, so sehr wahrt sie einen distanzierten Blick. Episoden, die sie tief beeindruckt und nachdenklich zurücklassen, schildert sie ebenso wie Begegnungen mit "dem unwissenden Quacksalber, der die Bauern mit Worten und Gesten kuriert, deren Bedeutung ihm und seinen Patienten gleich dunkel sind".

Bis ins hohe Alter lässt David-Néels Leidenschaft für das Reisen und ihre Sehnsuchtsorte nicht nach. 1937, inzwischen fast 70, macht sich David-Néel ein letztes Mal über die Sowjetunion nach Asien auf. Auch diesmal wird die Reise deutlich länger als gedacht, erst neun Jahre später kehrt sie in das Nachkriegsfrankreich zurück.

Alexandra David-Néel

Alexandra David-Néel am Ende ihres Lebens in Digne-les-Bains.

(Foto: imago stock&people)

Als sie längst die meisten ihrer Generation - ihren Mann eingeschlossen - überlebt hat, tourt David-Néel noch durch Europa. Da bleiben ihr immerhin die Alpen. Im südfranzösischen Digne-les-Bains, wo sie sich nach buddhistischen Vorbildern eine "Festung der Einkehr" errichtet hat, stirbt Alexandra David-Néel 1969 wenige Tage vor ihrem 101. Geburtstag. Obwohl längst vom Rheuma gezeichnet, hat sie kurz zuvor noch ihren Reisepass erneuern lassen.

Die Zitate von Alexandra David-Néel stammen, sofern nicht anders angegeben, aus ihrem Buch "Mein Weg durch Himmel und Höllen. Das Abenteuer meines Lebens", erschienen im Fischer-Verlag 2004 (im Original als "Voyage d'une Parisiénne à Lhassa" 1927 publiziert).

David-Néel in Südfrankreich

Wer sich auf die Spuren von Alexandra David-Néel begeben möchte, es aber in nächster Zeit nicht bis nach Indien oder Tibet schafft, kann auch in Südfrankreich fündig werden. Mit etwas weniger Aufwand ist nämlich in Digne-les-Bains gratis das kleine Museum besichtigen, das heute in ihrer einstigen "Festung der Einkehr" an die Abenteurerin erinnert. Ausgestellt werden unter anderem Mitbringsel von ihren Reisen. Weitere Informationen hier.

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